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Campaignwatch: Die Wahlplakate zur Landtagswahl in Niedersachsen, Teil 1: FDP, Die Linke und die Piratenpartei

22. November 2012

So, nach einer kleinen Verschnaufpause im Anschluss an die US-Präsidentschaftswahl melde ich mich heute wieder zurück mit einem Beitrag zur Landtagswahl in Niedersachsen. Ich werde in den nächsten Tagen auch noch einige Nachbetrachtungen zur US-Wahl posten, aber jetzt hat erst einmal die deutsche Politik Vorrang, denn langsam tut sich etwas im niedersächsischen Wahlkampf.

Drei der sechs Parteien, die auf einen Einzug in den Landtag hoffen können (mit mehr oder weniger großen Aussichten auf Erfüllung ihrer Hoffnungen), haben bereits ihre Wahlplakate (bzw. die erste Dekade der Wahlplakate) vorgestellt. Interessanterweise handelt es sich dabei um genau jene drei Parteien, die am Ende vielleicht gar nicht in den Landtag einziehen werden: die FDP, die Linke und die Piratenpartei. Alle drei liegen nach der letzten Umfrage von Infratest dimap aktuell bei drei Prozent.

Die FDP-Plakate: Ziemlich viele Ausrufezeichen

Mein erster Eindruck von den FDP-Plakaten: Da schreit mich jemand an. „Jede Schule zählt! Finger weg vom Gymnasium! Zweitstimme FDP!“ Das klingt eigentlich mehr nach Oppositionsrhetorik als nach (staatsmännischer) Regierungssprache. Aber vielleicht fühlt man sich in der FDP ja mittlerweile schon fast als (außerparlamentarische) Opposition angesichts der stabilen Umfragewerte unterhalb von fünf Prozent.

Gestalterisch bieten die Plakate der FDP solides Mittelmaß: Die Erkennbarkeit ist sehr hoch (Signalfarben Gelb und Blau), für ein Foto hat es allerdings nur beim Plakat des Spitzenkandidaten Stefan Birkner gereicht. Alle anderen bislang vorgestellten Plakate sind reine Typo-Plakate, die den zentralen Slogan „Jede/r XY zählt!“ ins Zentrum stellen. So etwas kennt man sonst eher von der Linkspartei.

     

     

Inhaltlich setzt die FDP auf die vier Themen Schulpolitik („Jede Schule zählt! Finger weg vom Gymnasium!“ sowie „Jedes Kind zählt! Die Schule muss im Ort bleiben!“), Arbeitsmarktpolitik („Jeder Job zählt! Mittelstand stärken!“), Energiepolitik („Jeder Euro zählt! Bezahlbare Strompreise!“) und Haushaltspolitik („Jeder Tag zählt! Schluss mit Schulden!“). Gerade bei dem Plakat zur Haushaltspolitik fragt man sich allerdings wirklich, wie solche Aussagen zu einer Regierungspartei passen, die die Schulden des Landes ja nun seit mehreren Jahren in ihrer eigenen Verantwortung hat.

Das letzte auffällige Element der Plakate ist der Aufruf zur Zweitstimme für die FDP, der sich durch die rosane Farbgebung deutlich vom Rest des Plakats abhebt. Der Claim „So stimmt Niedersachsen“ ist hingegen so unauffällig links neben dem Partei-Logo angebracht (blau auf blauem Hintergrund), dass ihn nur die wenigsten Betrachter wahrnehmen dürften.

Die Linke-Plakate: Spekulanten unerwünscht

Mein erster Eindruck von den Plakaten der Linken: Der Staatsfeind Nr. 1 sind bei der niedersächsischen Linken offensichtlich die Spekulanten. Denn diese werden auf sechs von sieben Plakaten aufs Korn genommen. Aus der Reihe fällt lediglich das Plakat zur Energiepolitik, bei dem es ausnahmsweise nicht gegen die Spekulanten, sondern gegen das „Atomklo Niedersachsen“ geht.

Im Gegensatz zur FDP kommt man bei der Linken mit nur einem einzigen Ausrufezeichen pro Plakat aus, was angesichts der Rollenverteilung als durchaus überraschend bezeichnet werden kann. Denn gerade Die Linke hat sich bei ihren bisherigen Wahlplakaten ja häufig in Sachen Gestaltung und Formulierung von der BILD-Zeitung inspirieren lassen. In dieser Hinsicht überrascht die niedersächsische Plakat-Kampagne aus meiner Sicht positiv: Endlich nicht mehr das einfallslose Weiß-auf-Rot-Design, das bei unzähligen früheren Kampagnen verwendet wurde, obwohl es bei den meisten Betrachtern nachweislich auf Ablehnung stößt.

     

     

Dass sich Fotos (insbesondere Porträt-Fotos) mit Abstand am besten als Blickfänger eignen (und bei richtigem Einsatz auch keinen negativen Einfluss auf die sonstigen Inhalte haben müssen), hat sich zwar noch nicht bis zur Linkspartei herumgesprochen, aber immerhin setzt man dort nun schon einmal auf Symbole mit einem gewissen Wiedererkennungswert (Atomkraftsymbol, Stoppschild, Weihnachtsbaum). Das ist schon einmal deutlich besser als die reinen Typo-Plakate der letzten Linkspartei-Kampagnen. Ich frage mich aber trotzdem, warum die beiden Plakate zur Bildungspolitik so ähnlich gestaltet wurden, dass man sie auf den ersten Blick nicht unterscheiden kann. Und warum ist das Kreuz hier schwarz, bei einem anderen Plakat aber blau? Mmh…

Inhaltlich setzt die Partei auf sechs Themen: Bildungspolitik („Statt Spekulanten gebührenfreie Bildung finanzieren!“ sowie „Nicht spekulieren, Studiengebühren abschaffen!“), Lohn- und Rentenpolitik („Statt Spekulanten Löhne und Renten retten!“), Kinderförderung („Statt Spekulanten Kinder beschenken!“), Gesundheitspolitik („Statt Spekulanten Krankenhäuser retten!“), Energiepolitik („Kein Atomklo Niedersachsen, Strom sauber und bezahlbar!“) und, äh, Volksnähe („Nicht Spekulanten, Ihr entscheidet!“).

Auffällig ist schließlich der deutlich abgesetzte Hinweis auf die „Liste 5“, die man wählen muss, um seine Stimme der Linken zu geben. Zudem ziert jedes Plakat ein QR-Code, hier sind die Linken der FDP in Sachen moderne Zielgruppenansprache also einen Schritt voraus. (Nachtrag: Wie Florian allerdings gerade per Kommentar postet, sind QR-Codes auf Wahlplakaten eigentlich sinnlos, da die Plakate meistens viel zu hoch hängen, um die Codes scannen zu können.)

Die Piraten-Plakate: Ideenkopierer

Die Plakat-Kampagne der Piratenpartei gliedert sich in zwei Teile: Zwei orange Plakate, wie man sie ähnlich auch schon aus früheren Wahlkämpfen kennt, inklusive des Standard-Plakat-Slogans der Piraten: „Vertrau keinem Plakat. Informier dich.“ Und zehn weitere Plakate, die jeweils das Erscheinungsbild einer bestimmten Marke aufgreifen und den jeweiligen Slogan auf die Piratenpartei übertragen. Beispiel: „Piraten. Die zarteste Versuchung seit es Parteien gibt.“

Ist das jetzt lustig? Geschmackssache. Ist es originell? Tendenziell ja, zumindest in Bezug auf Wahlplakate. Hat es irgendeine inhaltliche Aussage mit Bezug zur Politik der Piratenpartei? Nicht wirklich, vielleicht mit Ausnahme des „Think different“-Plakats. Und ja, natürlich haben die Plakate insgesamt die Aussage, dass das Kopieren von Ideen wohl irgendwie gut ist, schließlich haben die Piraten auch gleich noch die Internetseite ideenkopierer.de als Kampagnen-Seite zur Niedersachsenwahl eingerichtet.

Dort liest man dann Folgendes als Erläuterung: „Wir sind überzeugt: Gute Ideen setzen sich durch. Unsere Ideen entwickeln wir aus unseren Idealen, statt uns an eine Ideologie zu klammern. Darum nehmen wir auch gerne und bewusst die guten Ideen von anderen auf. Und wir verbessern sie. Ja, wir sind Ideenkopierer. Unsere Inhalte zeigen, warum Piraten im niedersächsischen Landtag eine gute Idee sind.“

(Das Motiv des Ideenkopierens wird von den Piraten ja immer wieder aufgegriffen. Nicht nur in Wahlkämpfen, sondern auch dann, wenn es die Piraten schon in einen Landtag geschafft haben. So beginnt Andreas Baum seine Erwiderung auf die Regierungserklärung von Klaus Wowereit im Berliner Abgeordnetenhaus am 12. Januar 2012 mit den Worten: „Uns ist aufgefallen: Sie kopieren uns und ich finde das gut!“)

     

     

     

     

Eine andere Frage ist aber, ob es geschickt ist, zur Kommunikation dieses Leitmotivs der Piraten eine Plakat-Kampagne zu verwenden, die Marken-Logos und Marken-Slogans kopiert. Denn viele Betrachter werden meiner Einschätzung nach von diesen Plakaten auf die Botschaft schließen, dass die Piraten gerne das Urheber- und/oder Markenrecht abschaffen würden. Und eher selten die Botschaft, dass die Piraten gute politische Ideen kopieren wollen und auch dazu stehen.

Zudem müssen sich die Piraten wohl auf die ein oder andere Abmahnung einstellen. Wie die Hannoversche Allgemeine berichtet, will zumindest IKEA wohl gegen das entfremdete Firmen-Logo vorgehen. Aber möglicherweise haben es die Piraten ja genau auf solche Reaktionen angelegt. Denn diese bescheren Aufmerksamkeit (die man gerade gut gebrauchen kann) und damit auch die Möglichkeit, das Thema Urheber- und Markenrecht auf die Wahlkampf-Agenda zu heben. (Nachtrag: Wie Florian gerade per Kommentar postet, haben sich die Piraten mittlerweile wohl mit IKEA darauf geeinigt, bei den zukünftigen Plakaten die Umrandung von „Piraten“ zu entfernen, um den Markenschutz des IKEA-Logos nicht mehr zu verletzen.)

Bleibt zum Schluss die Frage, welche Themen oder Botschaften die Piraten mit ihrer ersten Plakat-Dekade transportieren. Mmh, hier mal der Versuch einer Interpretation: 1. Ideen kopieren ist gut. 2. Wahlplakate sind verlogen (wir machen zwar trotzdem welche, aber wir machen uns wenigstens über sie lustig), deshalb lieber unser Wahlprogramm lesen. 3. Wählen gehen ist wichtig. 4. Wir sind anders als die anderen Parteien. 5. Jeder soll so leben können, wie er oder sie ist. 6. Lasst uns das mit dem Urheber- und Markenrecht noch einmal überdenken (hat da jemand „Abschaffen!“ gerufen?).

Ach ja, was mir auch noch aufgefallen ist an den Piraten-Plakaten: Man ist sich dort wohl noch nicht so richtig einig, ob man sich jetzt einfach schlicht „Piraten“ nennt oder doch eher „Piratenpartei“. Jedenfalls wechselt die Benennung der eigenen Partei in Niedersachsen von Plakat zu Plakat…

Im zweiten Teil werde ich mich dann den Plakaten von SPD, CDU und Grünen widmen. Zum Schluss noch ein Link-Tipp zu einer kritischen Analyse der Piraten-Plakate des Kollegen Achim Schaffrina vom Design-Tagebuch.

6 Kommentare leave one →
  1. Florian permalink
    22. November 2012 16:43

    Hi, zum ersten mal diesen Blog gelesen.
    Gestoßen bin ich hierher durch den Presse-Rückmelde-Thread zu unserer Ideenkopierer Kampange (bin also Pirat).
    Ich möchte mich mal zu den einzelnen Kampangen äußern:
    FDP: Schließ ich mich so an (also deiner Meinung).
    Linke: Find ich ein bisschen zu populistisch, alles auf die Spekulanten zu schieben. Weiterhin fehlt mir in deinem Text eine wichtige Sache: Die QRs sind praktisch nicht scannbar. Die Auflage beim Plakate aufhängen ist, dass sie mind. 2,2m hoch hängen. Bei den SPD Plakaten, die auch QRs enthalten, mussten wir uns mit einer Leiter davorstellen, um sie zu scannen. Also außer man hat am Handy ein Teleobjektiv sind die QR Codes unnütz.
    Piraten: Auch das „Du darfst“ Plakat enthält eine ziemlich klare Aussage: Ich will so leben wie ich bin. Also für die Akzeptanz von Homosexualität usw.
    Zu IKEA: Wir haben uns geeinigt, bei einer erneuten Auflage die Umrandung von PIRATEN zu entfernen (meines Wissens nach)
    Und was ich auch sehr wichtig zu beachten finde: Wir fordern nicht „Wähl mich“, wie die anderen Parteien, wir fordern auch, die Programme zu lesen (wie du bereits geschrieben hast) und, was bei dir fehlt, überhaupt wählen zu gehen.

    • 22. November 2012 18:33

      Hallo Florian,

      vielen Dank für deine Kommentare und Einschätzungen! Das mit den QR-Codes stimmt natürlich, da wird das Scannen schwierig. :-) Hatte ich nicht bedacht. Insofern sind QR-Codes auf Wahlplakaten wohl wirklich nur bedingt sinnvoll. Sie dienen dann wohl eher dem modernen Anstrich als dem praktischen Nutzen (den praktischen Nutzen von QR-Codes kann man ja ohnehin hinterfragen, v.a. aus Nutzersicht).

      Das mit der Aussage von dem „Du darfst/Du wählst“-Plakat hatte ich auch schon überlegt. Stimmt, das kann man so interpretieren, ich habe das also mal noch aufgenommen in meine Liste der Plakat-Botschaften. Allerdings befürchte ich, dass diese Botschaft nicht bei so wahnsinnig vielen Leuten ankommen wird, weil meiner Einschätzung nach v.a. hängen bleibt, dass die Piraten hier den „Du darfst“-Slogan kopiert haben. Dass damit eventuell auch ein Aufruf zu mehr gesellschaftlicher Toleranz verbunden sein soll, das kann man mit ein bisschen Nachdenken natürlich auch noch so erschließen, man muss aber nicht. :-) Und eigentlich sollte Plakat-Kommunikation möglichst einfach und direkt sein, da Plakate bekanntlich ca. 1-2 Sekunden lang betrachtet und ähnlich lang verarbeitet werden, zumindest bei den durchschnittlich involvierten Betrachtern (dass das bei begeisterten Piraten-Anhängern anders aussieht, ist natürlich klar).

      Bei der Betonung der Bedeutung des Wählengehens muss ich dir ebenfalls Recht geben. Das kennt man ja auch schon von früheren Piraten-Kampagnen. Trotzdem muss ich auch hier einwenden: Durch die Übernahme der Werbe-Slogans befürchte ich, dass die wenigsten Betrachter bemerken werden, dass es nicht nur um eine lustige Verfremdung der Werbe-Slogans geht, sondern sich (teilweise) auch ernstgemeinte Aussagen mit den Plakaten verbinden.

      Vielen Dank auch für deinen Hinweis zur Einigung mit IKEA, das habe ich nun auch noch eingefügt.

      Viele Grüße
      Jan

  2. 23. November 2012 12:27

    Wenn die Plakate der Piraten so bleiben, geht das gesamte Wahlkampfbudget der Piraten für Rechtsanwälte drauf.
    Persönlich finde ich „Rettet die Wahlen“ am besten. Ein guter Kalauer macht sympathisch.

  3. Hans Holterdinck permalink
    20. Dezember 2012 14:34

    Eine gute Plakat-Rezension, der ich voll zustimmen kann.
    Bin gespannt auf Teil 2… Kommt der noch?

    • 25. Dezember 2012 14:39

      Klar kommt Teil 2 noch! :-) Nur hat die CDU ihre Plakate nach wie vor nicht veröffentlicht und darauf wollte ich eigentlich noch warten für den zweiten Teil. Ich hoffe mal, dass die CDU spätestens am 27.12. die Plakate online stellt, denn dann beginnt ja offiziell die Plakatierung.

Trackbacks

  1. Campaignwatch: Die Wahlplakate zur Landtagswahl in Niedersachsen, Teil 2: CDU, SPD und Grüne « campaignwatchers.de

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