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Neues aus der Forschung: Die Wahlprogramme in Niedersachsen im Vergleich, Teil 1: Verständlichkeit

15. Januar 2013

Nach längerer Blog-Abstinenz – bedingt durch Weihnachten und Umzug – melde ich mich heute endlich wieder einmal zum Thema Niedersachsen-Wahl. Wie auch letztes Jahr bei den Landtagswahlen in NRW, Schleswig-Holstein und im Saarland haben wir uns auch für Niedersachsen wieder die Wahlprogramme der wichtigsten Parteien vorgenommen und auf Verständlichkeit, Tonalität, Dogmatismusgrad und Vokabular analysiert (siehe auch die ausführliche Ergebnis-Präsentation zum Wahlprogramm-Check). Teil 1 meiner Blog-Analyse widmet sich dem Verständlichkeitsaspekt.

Verständlichkeit der Langfassungen

Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme vergleichen zu können, haben wir diese wieder mit der Textanalyse-Software TextLab untersucht. Mit Hilfe dieser Software ist es möglich, eine Vielzahl ein Textfaktoren zu erheben (u.a. zahlreiche Lesbarkeitsformeln), die eine objektive Erfassung der formalen Textverständlichkeit ermöglichen. Zusammengefasst werden diese Faktoren im sog. Hohenheimer Verständlichkeitsindex für Wahlprogramme, der von 0 Punkten (sehr unverständlich) bis 20 Punkten (sehr verständlich) reicht. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen auf diesem Index im Schnitt einen Wert von 4,3 Punkten, Artikel aus dem politischen Teil der BILD-Zeitung hingegen einen Wert von 16,8 Punkten.

Betrachtet man die Ergebnisse zur formalen Verständlichkeit der (Langfassungen der) Wahlprogramme, so ergibt sich zunächst eine wenig erfreuliche Nachricht: Im Durchschnitt fällt die Verständlichkeit der Langprogramme  so niedrig aus wie bei keiner anderen Landtagswahl, die wir bislang untersucht haben. Der Durchschnittswert aller untersuchten Programme liegt bei 7,2 Punkten auf dem Hohenheimer Index. Keines der untersuchten Programme liegt über zehn Punkten. Zum Vergleich: Bei unserer Analyse der NRW-Wahlprogramme lag der Mittelwert bei 9,4 Punkten und die Hälfte der Programme lag über 10 Punkten.

Abbildung 1: Formale Verständlichkeit der Langfassungen der Wahlprogramme

Langfassungen_Verstaendlichkeit

Ein weiterer Unterschied zur NRW-Analyse: Es gibt nur sehr geringe Unterschiede zwischen den Parteien. Das verständlichste Programme (Die Linke) schneidet mit 7,7 Punkten nur 1,2 Skalenpunkte besser ab als das unverständlichste Programm (Bündnis 90 / Die Grünen). In NRW gab es hier deutlich größere Differenzen zwischen den Parteien: Die FDP hatte mit 11,0 Punkten das verständlichste Programm vorgelegt, Die Linke hingegen mit 7,7 Punkten das unverständlichste Programm. Dabei wird gleichzeitig deutlich: Obwohl Die Linke in NRW und in Niedersachsen exakt den selben Index-Wert erreicht, liegt sie in NRW damit auf dem letzten Platz, in Niedersachsen hingegen auf dem ersten Platz.

Ähnlich wie in NRW zeigt sich wiederum ein gewisser Zusammenhang zwischen Programmlänge und Programmverständlichkeit, denn Die Linke legt nicht nur das verständlichste, sondern auch das kürzeste Programme vor (ca. 20.000 Wörter), die Grünen hingegen nicht nur das unverständlichste, sondern auch das längste Programm (ca. 45.000 Wörter). Parteien, die sich nur schwer kurz fassen können, haben also offensichtlich auch Probleme, sich möglichst verständlich auszudrücken.

Verständlichkeit der Kurz- und Leichtfassungen

Interessant ist auch ein Blick auf die verschiedenen Kurzfassungen der Programme, die von den Parteien vorgelegt wurden. Außer den Grünen und den Piraten haben alle Parteien auch offizielle Kurzversionen ihrer Wahlprogramme vorgelegt. Grüne und Piraten haben stattdessen unterschiedliche Flugblätter veröffentlicht, in denen einzelne Themen des Wahlprogramms noch einmal verkürzt dargestellt werden. CDU und Die Linke haben solche Flugblätter ebenfalls veröffentlicht, ergänzend zu ihren Kurzprogrammen. Kurzprogramme in leichter (barrierefreier) Sprache stellen lediglich SPD und Grüne zur Verfügung.

Wie man an den Verständlichkeitswerten der Kurzprogramme und Flugblätter sieht, sind die Parteien durchaus in der Lage, verständlicher zu formulieren – nur scheint dieses Ziel in den Langfassungen der Wahlprogramme keine Priorität zu genießen. Vermutlich, weil diese Fassungen sich eher an Politik-Experten (Parteimitglieder, Journalisten) richten und weniger an die Masse der Wähler. Nur ein einziges Kurzprogramm (FDP) scheitert knapp an der 10-Punkte-Grenze, alle anderen liegen – teilweise deutlich – darüber. Besonders hiervorzuheben sind hier die Flugblätter der Linken, die einen Wert von 15,7 Punkten erreichen und damit nur knapp schlechter abschneiden als ein durchschnittlicher Artikel im Politik-Teil der BILD-Zeitung.

Abbildung 2: Formale Verständlichkeit der Kurzfassungen der Wahlprogramme

Kurzfassungen_Verstaendlichkeit

Die beiden Programme in leichter Sprache von SPD und Grünen erreichen jeweils den maximalen Verständlichkeitswert von 20 Punkten. Die Grünen bieten darüber hinaus auch ein YouTube-Video mit den zentralen Punkten des Programms in Gebärdensprache an. Audio-Dateien finden sich nur auf den Homepages der SPD und der Piraten. Neben den Übersetzungen in unterschiedliche Fremdsprachen bei SPD, Grünen und Linken, bieten SPD und CDU ihre Wahlprogramme auch „op Platt“, also auf Platt- bzw. Niederdeutsch an.

Fazit

Wie auch schon bei vorangegangenen Landtagswahlen zeigt sich auch in Niedersachsen: Ganz offensichtlich bestehen bei den Parteien grundlegend unterschiedliche Ansprüche in Bezug auf die Lang- und die Kurzfassungen ihrer Wahlprogramme. Während das sprachliche Niveau der Langfassungen nur den Schluss zulässt, dass sich diese v.a. an parteiinterne und -externe Politik-Experten (Parteimitglieder, Journalisten) richten, zeigt der deutlich höhere Verständlichkeitsgrad der Kurzprogramme, dass sich die Parteien hier tatsächlich an den „Normalbürger“ richten – oder dies zumindest versuchen.

Trotzdem bleibt festzuhalten: Bei keiner bislang von uns untersuchten Landtagswahl wiesen die Langfassungen der Wahlprogramme ein so niedriges Verständlichkeitsniveau auf. Auch die Ansprache von Parteimitgliedern und Journalisten lässt sich also durchaus verständlicher gestalten. Besonders positiv fällt hierbei die Landtagswahl 2012 in Nordrhein-Westfalen auf, bei der die Parteien auf einen durchschnittlichen Verständlichkeitswert von 9,4 Punkten kamen. Von diesem Wert ist in Niedersachsen selbst das verständlichste Wahlprogramm (der Linken) weit entfernt.

Weiterführende Quellen:

  • Kercher, Jan (2012): Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache: Verbale Bedeutungsvermittlung zwischen Politikern und Bürgern. Wiesbaden: Springer VS.
  • Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (2011): Nach der Wahl ist vor der Wahl? Themenschwerpunkte und Verständlichkeit der Parteien vor und nach der Bundestagswahl 2009. Niedermayer, Oskar (Hrsg.): Die Parteien nach der Bundestagswahl 2009.  Wiesbaden: VS Verlag, S. 325-353.
  • Kercher, Jan (2010): Zur Messung der Verständlichkeit deutscher Spitzenpolitiker anhand quantitativer Textmerkmale. In: Faas, Thorsten / Arzheimer, Kai / Roßteutscher, Sigrid (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion: Politische Psychologie in der Wahl- und Einstellungsforschung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 97-121.

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