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Neues aus der Forschung: Die Wahlprogramme in Niedersachsen im Vergleich, Teil 2: Tonalität und Dogmatismusgrad

16. Januar 2013

Wie gestern angekündigt, folgt heute nun die Analyse von Tonalität und Dogmatismusgrad der Wahlprogramme zur Landtagswahl in Niedersachsen. Den dritten und letzten Teil der Analyse wird dann die Betrachtung der thematischen und begrifflichen Schwerpunkte der Programme darstellen.

Tonalität

Für die Untersuchung der Programm-Tonalität haben wir (in Zusammenarbeit mit dem Ulmer CommunicationLab) die Programme wieder nach positiven und negativen Aussagen und Ausdrücken durchsucht. Auch bei dieser Analyse diente TextLab als Analyse-Software. Im ersten Schritt wurden alle Programme automatisiert auf die Verwendung positiver und negativer Begriffe und Aussagen untersucht. Hierbei haben wir uns auf die Abschnitte zum Thema „Energiepolitik“ konzentriert, einem (aufgrund der Endlager-Problematik) höchst umstrittenen Thema im Wahlkampf. Anschließend wurden alle Treffer kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert bzw. nicht gefundene Aussagen im System ergänzt. Am Ende des Prozesses wurden dann alle Texte erneut analysiert.

Betrachtet man die Ergebnisse, so fallen zunächst zwei Dinge ins Auge: Anders als erwartet (und anders als bei früheren Analysen) weisen nicht die Programme beiden Regierungsparteien (CDU und FDP) die positivste Tonalität auf, sondern die Programme von CDU und SPD. Auf der Tonalitätsskala, die einen Wertebereich von -100 (nur negative Aussagen) bis +100 (nur positive Aussagen) hat, liegt die CDU bei 15,1 Punkten, die SPD bei 12,9 Punkten. Die FDP hingegen erzielt einen leicht negativen Tonalitätswert von -3,8 Punkten und sortiert sich damit hinter den Oppositionsparteien SPD und Piratenpartei (-3,4) ein. Erwartungsgemäß fällt hingegen das Ergebnis bei den Grünen aus, die das Thema „Energiepolitik“ mit -21,6 Punkten am negativsten von allen untersuchten Parteien beleuchten. Etwas überraschend fällt hingegen die fast ebenso negative Tonalität bei der Linkspartei (-20,5) aus.

Abbildung 1: Tonalität der Wahlprogramme beim Thema „Energiepolitik“ (von -100 bis +100)

Tonalitaet_Ueberblick

Neben einem Blick auf die Tonalitätssalden lohnt sich auch noch ein Blick auf die detaillierten Tonalitätsauswertungen. Hier wird unterschieden zwischen dem Anteil der positiven, negativen und neutralen Aussagen in den untersuchten Programmteilen. Dabei wird deutlich, dass sich die Parteien nicht nur durch die Richtung der Tonalität unterscheiden, sondern auch durch den Gesamtanteil der wertenden Aussagen.

So liegt der Anteil neutraler Aussagen bei Piratenpartei (75,9%) und FDP (77,4%) bei mehr als drei Vierteln. Den Gegenpol bilden SPD und Linkspartei: Hier liegt der Anteil neutraler Aussagen jeweils nur bei knapp über 60 Prozent. Am meisten negative Aussagen finden sich zudem nicht bei den Grünen (25,9%), sondern bei der Linkspartei  (28,8%). Allerdings finden sich hier gleichzeitig doppelt so viele positive Aussagen (8,2%) wie bei den Grünen (4,3%), weshalb das Tonalitätssaldo trotzdem etwas positiver ausfällt (s. Abb. 1).

Abbildung 2: Anteile von positiven, negativen und neutralen Aussagen beim Thema „Energiepolitik“

Tonalitaet_Details

Dogmatismusgrad

Schließlich noch ein Blick auf den Dogmatisgrad der Wahlprogramme. Diesen kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der mögliche Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1, wobei die Wahlprogramme im Saarlandin Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen lediglich Werte zwischen 0,28 und 0,49 Punkten aufwiesen. (Höhere Werte werden vermutlich nur von extremistischen Parteien erreicht.)

Die Dogmatismus-Analyse führt zu einem äußerst erwartungsgemäßen Ergebnis: Die Wahlprogramme der beiden Regierungsparteien CDU und FDP liegen beim Dogmatismusgrad mit einem gewissem Abstand hinter den vier Oppositionsparteien. Die FDP erreicht hierbei einen Wert von 0,33 Punkten, die CDU sogar nur einen Wert von 0,28 Punkten. Dass hierbei tatsächlich die jeweilige Rolle der Partei (Regierung vs. Opposition) einen entscheidenden Einfluss hat, zeigt der Vergleich mit den Ergebnissen zur letzten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Hier legte die CDU als Oppositionspartei  mit deutlichem Abstand das dogmatischste Wahlprogramm von allen Parteien vor (0,49 Punkte).

Dogmatismus_NDS_vs_NRW

Bei der FDP fällt der Unterschied zum NRW-Programm hingegen deutlich kleiner aus als bei der CDU (0,33 vs. 0,37 Punkte). Auch bei SPD und Grünen zeigt sich kein oder kaum ein Effekt von Regierungs- und Oppositionsrolle: Die Grünen erreichen sowohl in NRW als auch in Niedersachsen jeweils 0,38 Punkte auf der Dogmatismusskala, und auch die SPD-Programme unterscheiden sich lediglich um 0,02 Punkte. Piratenpartei (0,43 Punkte) und Linkspartei (0,44 Punkte) liegen in Niedersachsen – wie schon in Nordrhein-Westfalen – jeweils auf den vordersten Plätzen des Dogmatismus-Rankings.

Fazit

Bei der Dogmatismusanalyse bestätigen sich die Befunde aus früheren Untersuchungen: Oppositionsparteien tendieren zu einer dogmatischeren Sprache als Regierungsparteien, wobei Linkspartei und Piratenpartei unter den Oppositionsparteien mit besonders ausgeprägtem Dogmatismus auffallen. Die Ergebnisse der Tonalitätsanalyse fallen hingegen teilweise äußerst überraschend aus: Während die SPD als Oppositionspartei bei der Energiepolitik eine relativ positive Tonalität erreicht, fällt die Tonalität bei der FDP als Regierungspartei leicht negativ aus. Deutet sich hier bereits der Übergang zu einer großen Koalition an? Am Sonntag Abend wissen wir mehr…

Bisherige Teile der Wahlprogramm-Analyse:

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.

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