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Campaignwatch: Merkel vs. Steinbrück – Die Parteitagsreden im Vergleich (Verständlichkeit, Dogmatismusgrad, begriffliche Schwerpunkte)

10. Dezember 2012
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Gestern hat Peer Steinbrück seine Bewerbungsrede auf dem Sonderparteitag der SPD gehalten. Und eines lässt sich schon jetzt sagen: Sie war mit knapp zwei Stunden ziemlich genau doppelt so lang wie Merkels Parteitagsrede vom letzten Dienstag. Merkels Rede brachte es auf knapp 7.000 Wörter, Steinbrücks Rede auf etwa 10.000 Wörter. Merkel schaffte also pro Stunde etwa 2.000 Wörter mehr als Steinbrück – was nicht unbedingt heißen muss, dass sie schneller redete. Vielleicht wurde sie auch nur seltener und kürzer durch Beifall unterbrochen – falls das jemand mitgestoppt haben sollte, würde ich mich über die Ergebnisse freuen. :-)

Verständlichkeit

Welche Unterschiede gab es – abgesehen von der reinen Länge – noch zwischen den Parteitagsreden der Kanzlerin und ihres Herausforderers? Vergleicht man die beiden Reden von Merkel und Steinbrück in Bezug auf ihre (formale) Verständlichkeit, so ergeben sich nur vergleichsweise geringe Unterschiede (zur verwendeten Methode siehe Hinweise und Quellenangaben weiter unten). Merkels Rede erzielt einen Index-Wert von 18,1 Punkten, Steinbrücks Rede einen Wert von 16,5 Punkten. Damit liegen beide Reden in einem sehr hohen Bereich der Verständlichkeit. Zum Vergleich: Die Reden der DAX30-CEOs auf den Hauptversammlungen im Jahr 2012 lagen im Bereich von 1,9 bis 14,5 Punkten, der Durchschnitt lag hier bei gerade einmal 7,6 Punkten.

Abbildung 1: Verständlichkeit der Parteitagsreden von Merkel und Steinbrück (Hohenheimer Verständlichkeitsindex für gesprochene Sprache)

HVI_Merkel_Steinbrueck

Betrachtet man die einzelnen Verständlichkeitsparameter, aus denen sich der Hohenheimer Verständlichkeitsindex (für gesprochene Sprache) zusammensetzt, so fällt auf, dass Merkel ausnahmslos bei allen Parametern vor Steinbrück liegt. So liegt beispielsweise der Anteil der einfachen Wörter (aus dem Grundwortschatz nach Naumann) in der Steinbrück-Rede bei 65,0 Prozent, bei Merkel hingegen bei 70,5 Prozent. Der Abstraktheitsgrad und der Anteil der Fremdwörter liegt hingegen bei Steinbrück (17,1 bzw. 5,0 Prozent) höher als bei Merkel (15,8 bzw. 3,2 Prozent). Auf hohem Niveau hat Merkel also einen gewissen Verständlichkeitsvorsprung vor Steinbrück.

Dogmatismusgrad

Eine Überraschung ergibt sich bei der Untersuchung des Dogmatismusgrads: Denn Steinbrücks Rede fällt deutlich undogmatischer aus als Merkels Rede. Während Steinbrück einen DOTA-Wert von gerade einmal 0,34 Punkten erreicht, bringt es Merkels Rede immerhin auf 0,48 Punkte (zum DOTA-Verfahren siehe Hinweise und Quellenangaben weiter unten). Zum Vergleich: Das Grundsatzprogramm der CDU liegt hier bei 0,40 Punkten, das Grundsatzprogramm der SPD bei 0,47 Punkten. Während Merkel als den Dogmatismusgrad ihres eigenen Grundsatzprogramms übertraf, lag Steinbrück deutlich darunter.

Abbildung 2: Dogmatismusgrad der Parteitagsreden von Merkel und Steinbrück (DOTA-Quotient nach Ertel)

DOTA_Merkel_Steinbrueck

Begriffliche Schwerpunkte

Eine Erklärung für den höheren Dogmatismusgrad der Merkel-Rede findet sich bei einer Betrachtung der Wortwolken mit den 100 häufigsten Wörtern in beiden Reden: Merkel verwendete deutlich häufiger als Steinbrück das Verb „müssen“. Bei diesem Wort handelt es sich um eines der Wörter, die beim DOTA-Verfahren als Indikator für Dogmatismus gewertet werden.

Gemeinsam ist beiden Reden eine starke Betonung von „Menschen“ und „Deutschland“, wobei der Deutschland-Fokus bei Steinbrück – überraschenderweise – noch etwas deutlicher ausfällt als bei Merkel. Im Gegensatz zu Merkel dominieren bei Steinbrück zudem auch die beiden Begriffe „Politik“ und „Gesellschaft“ und auch die eigene Partei wird häufiger erwähnt als in Merkels Rede. Auch die „Frauen“ spielen in Steinbrücks Rede eine deutlich wichtigere Rolle als bei Merkel. Diese setzt hingegen stärker als Steinbrück auf die Begriffe „Zukunft“, „Land“ und „Welt“.

Abbildung 3: Die 100 häufigsten Wörter in der Rede von Angela Merkel

Merkel_Parteitag_Hannover_2012_Wordle_600

Abbildung 4: Die 100 häufigsten Wörter in der Rede von Peer Steinbrück

Steinbrueck_Parteitag_Hannover_2012_Wordle_600

Fazit

Neben der Länge unterscheiden sich  die Reden von Merkel und Steinbrück v.a. in Bezug auf ihre begrifflichen Schwerpunkte und ihren Dogmatismusgrad. Überraschenderweise liegt beim Dogmatismusgrad Angela Merkel deutlich vor Steinbrück, ein Befund, den man aufgrund der Rollenverteilung der beiden Kontrahenten so nicht erwarten konnte. Bei der (formalen) Verständlichkeit hingegen zeigen sich nur sehr geringe Unterschiede zwischen beiden Reden. Sowohl Merkels Rede als auch Steinbrücks Rede fallen insgesamt sehr verständlich aus, wobei Merkel hier nochmal ein wenig besser abschneidet als Steinbrück. Ich werde beobachten, ob sich diese Befunde auch bei anderen Rede-Duellen der beiden bestätigen…

Erläuterungen zur Methode:

  • Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme abschätzen zu können, habe ich sie einer Lesbarkeitsanalyse mit der Textanalyse-Software TextLab. Mit Hilfe dieser Software kann u.a. den Hohenheimer Index für gesprochene Sprache berechnet werden, eine von uns entwickelte Meta-Lesbarkeitsformel, die die formale Verständlichkeit von gesprochener Sprache von 0 (sehr unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) misst. Zum Vergleich: Null Punkte entsprechen in etwa der Verständlichkeit einer vorgelesenen politikwissenschaftlichen Doktorarbeit, 20 Punkten hingegen der Verständlichkeit von privaten Radio-Nachrichten.
  • Den Dogmatismusgrad kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1.

Literatur zur Verständlichkeitsmessung von politischer Kommunikation:

  • Kercher, Jan (2012): Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache: Verbale Bedeutungsvermittlung zwischen Politikern und Bürgern. Wiesbaden: Springer VS.
  • Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (2011): Nach der Wahl ist vor der Wahl? Themenschwerpunkte und Verständlichkeit der Parteien vor und nach der Bundestagswahl 2009. Niedermayer, Oskar (Hrsg.): Die Parteien nach der Bundestagswahl 2009.  Wiesbaden: VS Verlag, S. 325-353.
  • Kercher, Jan (2010): Zur Messung der Verständlichkeit deutscher Spitzenpolitiker anhand quantitativer Textmerkmale. In: Faas, Thorsten / Arzheimer, Kai / Roßteutscher, Sigrid (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion: Politische Psychologie in der Wahl- und Einstellungsforschung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 97-121.

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.

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