Skip to content

Campaignwatch: Neue Partei „Alternative für Deutschland“ – Eine Gefahr für Union und FDP?

14. März 2013

Am Montag Abend fand in Oberursel eine Veranstaltung mit 1.200 Teilnehmern statt, auf die man im schwarz-gelben Lager vermutlich mit etwas bangen Augen blickte. Denn das, was dort vorbereitet wurde, könnte zu einem ernsthaften Problem für die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP werden, wenn alles so läuft, wie sich die Veranstalter das vorstellen. Dann würde bereits zur Bundestagswahl eine neue Partei, die „Alternative für Deutschland“ (AfD) antreten, deren zentrales Thema die Kritik am Euro und an der aktuellen Euro-Rettungspolitik ist.

Klickt man auf die Homepage der AfD, dann empfängt einen gleich die gefettete Überschrift: „Schluss mit diesem Euro!“. Darauf folgt die Erläuterung: „Die Einführung des Euro hat sich als eine fatale Fehlentscheidung erwiesen, die unser aller Wohlstand bedroht. Die Altparteien sind verkrustet und verbraucht. Beharrlich weigern sie sich, ihren Fehler einzugestehen und zu korrigieren.“

Das ist Rhetorik, die man sonst in dieser deftigen Variante eigentlich nur von radikalen Parteien kennt. Umso verwunderlicher, dass es sich bei einem Großteil des AfD-Vorstands um Intellektuelle handelt, von denen man solch eine ungehobelte Sprache eigentlich nicht erwarten würde. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Dr. Konrad Adam (ehem. politischer Chefkorrespondent der „Welt“), Prof. Dr. Bernd Lucke (Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg), Alexander Gauland (ehem. Herausgeber und Geschäftsführer der Märkischen Allgemeinen) oder Prof. Dr. Ludwig Cromme (Professor für Mathematik an der TU Cottbus). Bernd Lucke war kürzlich auch bei Maybrit Illner zu Gast:

Stellen diese Euro-Gegner nun tatsächlich eine Gefahr für das schwarz-gelbe Lager dar? Das ist aktuell noch schwer zu sagen, denn es steht momentan noch gar nicht fest, ob es den AfD-Verantwortlichen gelingt, die (für April geplante) Parteigründung und -konstitution so schnell voranzutreiben, dass man bereits zur Bundestagswahl antreten kann. Spätestens allerdings zur Europawahl 2014 will die AfD aber auf jeden Fall antreten.

Die wenigen Reaktionen, die aus dem schwarz-gelben Lager bislang zu vernehmen sind, lassen durchaus auf eine gewisse Nervosität schließen. So polterte CDU-Fraktionschef Volker Kauder gegenüber Spiegel Online: „Diese Gruppe ist die institutionalisierte Angst vor der Zukunft. Wir müssen aber mutig sein und dieses Europa gestalten wollen, trotz aller Schwächen, die frühere Regelungen zum Euro ja zweifelsohne hatten.“ Die angebliche Gelassenheit von Kauder („Ich glaube nicht, dass diese Gruppe die Menschen überzeugen kann.“) wirkte da nicht ganz so glaubwürdig.

Tatsächlich gefährlich werden könnte die AfD der schwarz-gelben Koalition aus meiner Sicht v.a. dann, wenn sie auf schrille Anti-Euro-Rhetorik wie auf der bisherigen Homepage verzichten und sich als die „wahre“ konservative und besonnene Alternative zur schwarz-gelben Regierung präsentieren würde. Die Chancen hierfür stehen – auch angesichts der teilweise prominenten Unterstützer (u.a. auch der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, der ja zwischendurch auch einmal mit einer Spitzenkandidatur für die Freien Wähler geliebäugelt hatte) und durchaus eloquent und überzeugend auftretender Vertreter wie Bernd Lucke – eigentlich gar nicht schlecht.

Und: Ganz abgesehen davon, ob die AfD die anderen Parteien Stimmen kosten könnte, besteht eine recht konkrete Gefahr für Union und FDP in der Abwerbung von Politikern und Mitgliedern durch die AfD. So bestätigte Bernd Lucke gegenüber der FAZ, dass man „im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten der FDP sei, die der Euro-Rettung kritisch gegenüberstehen und von ihrer Partei nicht mehr auf Listenplätzen aufgestellt wurden“. Und der hessische CDU-Abgeordnete Klaus-Peter Willsch sieht bereits erste Auflösungserscheinungen bei der CDU-Anhängerschaft: „Es ist schlimm, dass die Union mit ihrer falschen Währungspolitik hervorragende Ökonomen wie zum Beispiel die Professoren Lucke und Homburg von sich wegtreibt“.

Fazit: Ich bin sehr gespannt, wie sich die AfD in den nächsten Wochen und Monaten positionieren und präsentieren wird. Wenn Sie es geschickt anstellt, die nötigen Unterschriften rechtzeitig vor der Bundestagswahl zusammenbekommt und ihren Marken-Auftritt noch einmal kräftig überarbeitet, dann könnte Union und FDP bevorstehen, was die SPD mit der Linkspartei bereits hinter sich hat…

P.S.: In den sozialen Medien ist die AfD schon äußerst präsent: So gibt es bereits einen Twitter-Account (Stand heute: 1.025 Follower), eine Facebook-Seite (4.128 Fans) und einen eigenen YouTube-Kanal (120 Abonnenten).

Nachtrag (15.03.2013): In zwei lesenswerten Beiträgen von Süddeutsche Zeitung („Henkel von rechts“) und Publikative.org („Rechtspopulisten gegen Europa“) wird der AfD Stimmenfang am rechten Rand und eine problematische Nähe zur rechtspopulistischen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ sowie umstrittenen Förderern wie dem Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider vorgeworfen.

Nachtrag (20.03.2013): Auf faz.net erläutert Winand von Petersdorff-Campen, dass die AfD zwar angesichts der guten Wirtschaftslage bei der Bundestagswahl keine Chance haben dürfte, in den Bundestag einzuziehen, dass sie Union und FDP aber trotzdem entscheidende Prozentpunkte und damit eventuell den Sieg kosten könnte – wie das bei der Landtagswahl in Niedersachsen bereits der schwarz-gelben Regierung von David McAllister wiederfuhr. Ebenfalls lesenswert ist die Analyse von Ferdinand Knauß für die Wirtschaftswoche, die die AfD mit früheren Abspaltungen von CDU und CSU vergleicht und ihr deshalb nur geringe Überlebenschancen einräumt.

Nachtrag (21.03.2013): Auch Forsa-Chef Manfred Güllner sieht im Cicero-Interview „kein Wählerpotenzial“ für die AfD und deren Hauptprobleme in einem Mangel an Kompetenz und charismatischem Führungspersonal.

One Comment leave one →
  1. 31. Mai 2013 08:59

    2,5 Monate später: 16 Landesverbände, wenn auch mit starken Wehen gegründet, knapp 15.000 Mitglieder, soziale Medien Twitter-Account (Stand heute: 3.958 Follower), eine Facebook-Seite (34.286 Fans) und einen eigenen YouTube-Kanal (743 Abonnenten).
    Die Beteiligungsanzeige ist raus, die Unterschriften werden gesammelt, es wird knapp, aber es wird reichen. ;) Medienpräsenz gut, aber für eine Kampagne wäre Input sehr angenehm, liebe Kampagnenwatcher. Wie bekommt man als neue Partei ohne große Geldsummen eine spannende Kampagne hin?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: