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Neues aus der Forschung: Merkels Regierungserklärung und die Antwort-Reden – Vergleich von Verständlichkeit, Dogmatismusgrad und begrifflichen Schwerpunkten

24. Februar 2013
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Am Donnerstag hat Angela Merkel mal wieder eine Regierungserklärung im Deutschen Bundestag gehalten. Thema: Die Ergebnisse des Europäischen Rates am 7. und 8. Februar in Brüssel. Aber im Jahr eines Bundestagswahl ist so eine Regierungserklärung natürlich – unabhängig vom Thema – immer auch ein gutes Stück Wahlkampf. Umso mehr, als SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als erster Redner auf die Erklärung der Kanzlerin antwortete. Ich habe mir deshalb die Regierungserklärung und die vier ersten Antwort-Reden von Steinbrück, Brüderle, Wagenknecht und Trittin einmal etwas genauer angeschaut und auf Verständlichkeit und Dogmatismusgrad untersucht (Hinweise zur Methodik dieser Analysen finden sich weiter unten).

Verständlichkeit

Bei der Verständlichkeit liegt Rainer Brüdleres Rede ganz klar vorne: 17,7 von 20 möglichen Punkten, das ist richtig gut. Zum Vergleich: 0 Punkte entsprechen der Verständlichkeit einer vorgelesenen Doktorarbeit, 20 Punkte hingegen der Verständlichkeit von (privaten) Radionachrichten. Die Reden der DAX30-CEOs auf den Hauptversammlungen im Jahr 2012 lagen im Bereich von 1,9 bis 14,5 Punkten, der Durchschnitt lag hier bei gerade einmal 7,6 Punkten.

Abbildung 1: Verständlichkeit der untersuchten Reden im Vergleich (0 bis 20 Punkte)

Regierungserklaerung_210213_Verstaendlichkeit

Aber auch Jürgen Trittin auf Platz 2 schneidet mit 15,9 Punkten durchaus respektabel ab. Die Kanzlerin folgt auf dem dritten Platz mit 13,7 Punkten, ihr Herausforderer von der SPD liegt knapp dahinter mit 12,1 Punkten. Damit erreichen die beiden Spitzenkandidaten von CDU und SPD deutlich niedrigere Werte als noch bei ihren Parteitagsreden im Dezember 2012 (Merkel: 18,1 Punkte, Steinbrück: 16,5 Punkte). Etwas abgeschlagen auf dem letzten Platz landet schließlich Sahra Wagenknecht mit allerdings immer noch 10,6 Punkten. Als wirklich unverständlich lässt sich somit keine der fünf Top-Reden vom Donnerstag bezeichnen.

Dogmatismusgrad

Und wie sieht es beim Dogmatismusgrad der Reden aus? Gar nicht so anders: Auch hier liegt Brüderles Rede mit 0,48 Punkten auf einer Skala von 0 bis 1 vor den anderen Reden. Anders als bei der Verständlichkeit folgt dann aber Sarah Wagenknecht mit 0,44 Punkten. Nur knapp dahinter: Merkel mit 0,40 Punkten. Überraschend niedrig fallen die Werte von Steinbrück und Trittin aus: Nur 0,33 bzw. 0,30 Punkte, da hätte man von den beiden Spitzenkandidaten von SPD und Grünen doch ein wenig mehr Zuspitzung erwartet.

Abbildung 2: Dogmatismusgrad der untersuchten Reden im Vergleich (0 bis 1 Punkte)

Regierungserklaerung_210213_Dogmatismusgrad

Begriffliche Schwerpunkte

Nicht nur bei Verständlichkeit und Dogmatismusgrad zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Reden, sondern auch bei den Inhalten bzw. den begrifflichen Schwerpunkten. Für diese Analyse habe ich wieder zu allen Reden mit Hilfe von wordle.net eine Wortwolke mit den 100 häufigsten Wörtern erstellt. Auffällige Akzente zeigen sich hier v.a. bei Rainer Brüderle, Sahra Wagenknecht und Jürgen Trittin: Während sich Brüderle in seiner Rede neben „Deutschland“ v.a. mit SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück beschäftigt, setzt Wagenknecht einen Schwerpunkt beim Thema „Banken“. Jürgen Trittin hingegen verweist auffällig häufig auf die „Milliarden“ von Euro, um die es in den Beschlüssen des Europäischen Rates ging.

Abbildung 3: Die 100 häufigsten Wörter in der Regierungserklärung von Angela Merkel

Wordle_Merkel

Abbildung 4: Die 100 häufigsten Wörter in der Antwort-Rede von Peer Steinbrück

Wordle_Steinbrueck

Abbildung 5: Die 100 häufigsten Wörter in der Antwort-Rede von Rainer Brüderle

Wordle_Bruederle

Abbildung 6: Die 100 häufigsten Wörter in der Antwort-Rede von Sahra Wagenknecht

Wordle_Wagenknecht

Abbildung 7: Die 100 häufigsten Wörter in der Antwort-Rede von Jürgen Trittin

Wordle_Trittin

Was schließlich nicht unerwähnt bleiben sollte: Die fünf hier untersuchten Reden unterschieden sich auch hinsichtlich ihrer Länge teilweise deutlich. Während Merkel und Steinbrück auf jeweils über 2.400 Wörter kommen, liegen die anderen drei Reden nur bei 1.200 bis 1.600 Wörtern. Besonders kurz fällt dabei die Rede von Sahra Wagenknecht mit gerade einmal 1.206 Wörtern aus.

Abbildung 8: Länge der untersuchten Reden in Wörtern

Regierungserklaerung_210213_Wortzahl

Erläuterungen zur Methode:

  • Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme abschätzen zu können, habe ich sie einer Lesbarkeitsanalyse mit der Textanalyse-Software TextLab. Mit Hilfe dieser Software kann u.a. den Hohenheimer Index für gesprochene Sprache berechnet werden, eine von uns entwickelte Meta-Lesbarkeitsformel, die die formale Verständlichkeit von gesprochener Sprache von 0 (sehr unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) misst. Zum Vergleich: Null Punkte entsprechen in etwa der Verständlichkeit einer vorgelesenen politikwissenschaftlichen Doktorarbeit, 20 Punkten hingegen der Verständlichkeit von privaten Radio-Nachrichten.
  • Den Dogmatismusgrad kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1.

Literatur zur Verständlichkeitsmessung von politischer Kommunikation:

  • Kercher, Jan (2012): Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache: Verbale Bedeutungsvermittlung zwischen Politikern und Bürgern. Wiesbaden: Springer VS.
  • Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (2011): Nach der Wahl ist vor der Wahl? Themenschwerpunkte und Verständlichkeit der Parteien vor und nach der Bundestagswahl 2009. Niedermayer, Oskar (Hrsg.): Die Parteien nach der Bundestagswahl 2009.  Wiesbaden: VS Verlag, S. 325-353.
  • Kercher, Jan (2010): Zur Messung der Verständlichkeit deutscher Spitzenpolitiker anhand quantitativer Textmerkmale. In: Faas, Thorsten / Arzheimer, Kai / Roßteutscher, Sigrid (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion: Politische Psychologie in der Wahl- und Einstellungsforschung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 97-121.

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.
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