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Campaignwatch: Steinbrücks Kür zum SPD-Kanzlerkandidaten – gutes oder schlechtes Timing?

9. Dezember 2012
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Heute wird Peer Steinbrück nun also offiziell zum Kanzlerkandidaten der SPD für die Bundestagswahl 2013 gekürt. Fest steht das bereis seit dem 1. Oktober, als der SPD-Vorstand Steinbrück einstimmig zum Kanzlerkandidaten nominierte. Dem war eine monatelange Spekulation der Medien vorausgegangen, wer von den drei potenziellen Kandidaten (Steinmeier, Steinbrück, Gabriel) es denn am Ende werden würde und wann die SPD diese Entscheidung fällen würde – und fällen sollte.

Und obwohl monatelang darüber spekuliert wurde, wann wohl der beste Zeitpunkt für die Kandidatenkür der SPD wäre, konnte ich nirgends einen Hinweis darauf finden, ob es sich im Fall Steinbrück nun um einen – historisch betrachtet – frühen oder späten Zeitpunkt für die Kandidaten-Kür handelte. Auch eine ausführliche Internet-Recherche zu dem Thema blieb erfolglos. Offensichtlich hatte sich einfach kein Journalist die Mühe gemacht, mal zu recherchieren, wie das in der Vergangenheit so war mit dem Zeitpunkt der Kanzlerkandidaten-Kür.

Also habe ich mich selbst auf die Suche gemacht und recherchiert, wann die letzten zehn Herausforderer des jeweils amtierenden Bundeskanzlers nominiert und offiziell gekürt wurden:

Nominierung

Offizielle Kür
(Parteitag)

Wahltermin

Abstand Nom./Wahl

Abstand Kür/Wahl

2012: Steinbrück

01.10.2012

09.12.2012

22.09.2013

356

287

2008: Steinmeier

06.09.2008

18.10.2008

27.09.2009

386

344

2005: Merkel

30.05.2005

-*

18.09.2005

111

111

2002: Stoiber

12.01.2002

27.04.2002

27.09.2002

258

153

1998: Schröder

01.03.1998

17.04.1998

27.09.1998

210

163

1994: Scharping

25.06.1993

22.06.1994

16.10.1994

478

116

1990: Lafontaine

28.01.1990

28.09.1990

02.12.1990

308

65

1987: Rau

15.09.1985

28.08.1986

25.01.1987

497

150

1983: Vogel

29.10.1982

21.01.1983

06.03.1983

128

44

1980: Strauß

02.07.1979

-*

05.10.1980

461

461

Durchschnitt alle KandidatInnen

319

189

 

Ist Steinbrücks Nominierung und Kür nun im historischen Vergleich eher als früh oder als spät einzustufen? Im Durchschnitt wurden die herausfordernden Kanzlerkandidaten seit 1980 319 Tage vor der Bundestagswahl nominiert und 189 Tage vorher offiziell gekürt. Im Vergleich dazu muss Steinbrücks Nominierung (356 Tage vor der Wahl) und v.a. seine Kürung (287 Tage vor der Wahl) als recht früh bezeichnet werden.

Allerdings: Steinbrücks Vorgänger Frank-Walter Steinmeier wurde noch früher nominiert und gekürt, nämlich 386 bzw. 344 Tage vor dem Wahltermin. Und: Noch drei weitere Kandidaten wurden deutlich früher als Steinbrück nominiert, darunter die beiden SPD-Kandidaten Scharping und Rau sowie der CDU/CSU-Kandidat Strauß. Interessanterweise wurden Scharping und Rau aber gleichzeitig deutlich später offiziell zum Kanzlerkandidaten gekürt als Steinbrück, nämlich nur 116 bzw. 150 Tage vor der Wahl. Den Rekord hält hier allerdings ein anderer SPD-Kandidat, nämlich Hans-Jochen Vogel, der nur 44 Tage vor der Bundestagswahl 1983 offiziell zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist der Zeitpunkt der Nominierung eines Kanzlerkandidaten zweifellos relevanter als der Zeitpunkt seiner offiziellen Kandidaten-Kür. Denn der Zeitpunkt der Nominierung ist der Zeitpunkt, ab dem sich die Medien auf einen Herausforderer bzw. eine Herausforderin des amtierenden Kanzlers oder der amtierenden Kanzlerin konzentrieren können. Mit anderen Worten: Je früher der jeweilige Herausforderer feststeht, desto intensiver können sich die Medien bis zum Wahltermin an ihm oder ihr abarbeiten.

Möglicherweise war dies also ein Vorteil für Angela Merkel im Jahr 2005, als aufgrund der vorgezogenen Neuwahlen nur 111 Tage zwischen ihrer Nominierung und dem Wahltermin lagen. Der Fall Hans-Jochen Vogel zeigt jedoch gleichzeitig, dass ein sehr kurzer Zeitraum zwischen Nominierung und Wahltermin nicht automatisch zum Erfolg führt. Trotzdem: Auch Gerhard Schröder, der neben Merkel als einziger der hier aufgeführten Kandidaten ebenfalls erfolgreich ins Kanzleramt einziehen konnte, wurde vergleichsweise spät als Kanzlerkandidat nominiert. Ebenso wie Edmund Stoiber, der bekanntlich um ein Haar ebenfalls Kanzler geworden wäre.

Fazit: Zwar ist die hier betrachtete Fallzahl nicht groß genug, um wirklich belastbare Aussagen treffen zu können. Trotzdem lässt sich eines festhalten: Im Vergleich zu seinen neun Vorgängern wurde Peer Steinbrück relativ früh nominiert (knapp 40 Tage früher als der durchschnittliche Kandidat) und v.a. recht früh gekürt (knapp 100 Tage früher als der durchschnittliche Kandidat).  Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive würde ich vermuten, dass dies eher ein Nachteil als ein Vorteil für ihn und seine Chance, ins Kanzleramt einzuziehen, ist. Und die Vergleichsdaten von Angela Merkel und Gerhard Schröder sprechen zumindest nicht gegen diese Vermutung.

* Bei meiner Recherche musste ich feststellen, dass nur acht der hier aufgeführten Kanzlerkandidaten in Form eines offiziellen Parteitagsbeschlusses gekürt wurden. So blieb es bei Franz Josef Strauß bei der Nominierung durch die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag am 2. Juli 1979 und bei Angela Merkel bei der Nominierung durch die Präsidien von CDU und CSU am 30. Mai 2005. Im Gegensatz dazu wurden alle aufgeführten SPD-Kanzlerkandidaten auf Parteitagen zum Kanzler- bzw. Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gewählt. Auch bei Stoiber, dem zweiten CSU-Kanzlerkandidaten, gab es keine offizielle Kür zum Kanzlerkandidaten von CDU und CSU. Aber im Gegensatz zu Strauß (der 1980 und 1983 als Direktkandidat für den Bundestag kandidierte) wurde Stoiber am 27. April 2002 zumindest auf den Spitzenplatz der CSU-Landesliste gewählt. Zuvor war Stoiber schon vom CDU-Vorstand auf seiner Klausurtagung in Magdeburg einstimmig zum Kanzlerkandidaten der Union nominiert worden, die Nominierung durch den CSU-Vorstand folgte kurz danach (am 21. Januar) ebenfalls einstimmig.  (Direkt vor der CDU-Vorstandsklausur hatte im Hause der Stoibers das legendäre „Wolfratshauser Frühstück“ mit Angela Merkel stattgefunden, bei dem Merkel Stoiber ihren Verzicht auf eine Kandidatur mitteilte.)

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