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Election Live – Der US-Countdown vor Ort – WAHLTAG! – Chicago

6. November 2012

Heute: Fünf Gründe, warum Mitt Romney diese Wahl verlieren wird
Ort: Chicago, Illinois

Es ist soweit! Der Wahltag ist da. Was wäre ein politisches Blog ohne ein gehöriges Meinungsstück mit der Aussicht auf komplette persönliche Selbstdemontage? Zum Abschluss meiner kleinen USA-Reise hier nun meine Einschätzung, warum es wohl definitiv nichts werden wir mit Herrn Romney, geschrieben in fünf leicht verdaulichen Häppchen.

1. Es herrscht keine Wechselstimmung.

Am Ende seiner Kampagne muss es sich Mitt Romney gefallen lassen: Er ist mit seinen Ideen nicht zu den Wählern durchgedrungen. Vor Ort fiel mir hier allein die Diskussion über Bengazhi immer mal wieder als besonders prestigeträchtig für den Republikaner auf. Ein wenig wirkte dann noch das Schema „Können wir uns vier weitere Jahre Obama wirklich leisten?“, das war es dann aber auch. Zugegeben: Obamas Zustimmungsraten sind nicht besonders gut, aber sie sind auch nicht katastrophal – jeweils rund 48 Prozent lehnen seine Arbeit ab oder schätzen sie. Wechselstimmung sieht anders aus.

2. Romney bietet keine klaren Konzepte.
Zugegeben, dieser Punkt ist etwas nebulös, denn wer kann nach dem monatelangen Wahlkampf oder den drei Debatten schon behaupten, ein klares Bild von einer möglichen zweiten Amtszeit Obamas zu haben? Dennoch kann der Amtsinhaber zumindest auf konkrete Punkte aus der Vergangenheit hinweisen. Viele Menschen, mit denen ich sprach lobten die Gesundheitsreform und sie fürchteten den gesellschaftlichen Rückschritt in Sachen Frauenrechten, sollte es zu einem Romney-Sieg kommen. Meines Erachtens gibt es kaum konkrete Punkte, die die Republikaner mit ihm verbinden.

3. Romney hat desolate Umfragen in den Swing States.
Viele Kollegen in den Medien geben sich Mühe, das Rennen bis zum Schluss spannend aussehen zu lassen. Doch zum einen hat vor allem in den letzten Umfragen Obama mittlerweile eine solide Führung inne (laut dem gewichteten fivethirtyeight-Durchschnitt sind es sogar schon gute 2,5 Prozent), zum anderen sieht es vor allem dort für ihn besser aus, wo es drauf ankommt. Es gibt keine außerhalb der republikanischen Partei erstellte Umfrage, die Romney in Ohio vorne sieht und selbst in Florida scheint er zu verlieren. Wer die 512 Wege ins Weiße Haus von der New York Times durchgespielt hat, weiß, dass damit ein Romney-Sieg unmöglich ist.

4. Romney hat die Befürworter viel schlechter auf die Straße gebracht.
Es ist nur eine Momentaufnahme aus einem Staat, der ohnehin fest demokratisch wählt. Und doch gaben mir gestern zwei Besuche in den Wahlkampfbüros von Obama und Romney zu denken. Bei den Demokraten herrschte Aufbruchstimmung, Gelächter, Ernsthaftigkeit angesichts der Aufgabe. Mehr als 130 Freiwillige hätten sich für Montag gemeldet, meinte eine Presse-Frau zu mir. Ein Gesprächsfragment, das ich aufschnappte: „Sehen wir uns morgen wieder?“ – „Sicher, was sonst gäb’s denn morgen zu tun?“, meinte eine Frau.
Bei den Republikanern herrschte dagegen gähnende Leere. Kaum ein halbes Dutzend Freiwilliger telefonierte die Listen ab. Mehr Fragen durfte ich ohne „Clearance“ vom Pressesprecher nicht stellen. Trotz Mobilbox-Anruf und Kontakt zu dessen Kollegen warte ich bis jetzt auf diese Freigabe. Zugegeben, auch bei den Demokraten gab’s vorher eine solche Freigabe, Souveränität sieht dennoch anders aus.

5. Die Republikaner spielten zuletzt „Blame-Game“ und vergaßen die Inhalte.
Jeder Politik- und Kommunikations-Student lernt bereits im ersten Semester die „Schweigespirale“ kennen. Ende der 70er-Jahre von der CDU-nahen Elisabeth Nölle-Neumann als Begriff definiert besagt diese, dass es in vielen Debatten angeblich eine Gruppe gibt, die sich zwar in der Mehrheit befindet, sich aber aus Angst vor der Meinungshoheit einiger weniger Vertreter der Gegenseite aber nicht äußere – die „schweigende Mehrheit“, eben. Auch bei den Republikanern hat es in den letzten Tagen die Theorie gegeben, dass sich zwar zum Beispiel in Ohio eine überraschend große Gruppe von Romney-Anhängern derzeit nicht äußere, diese dann aber am Wahltag ihr Kreuz sprechen ließe.
Ich bezweifle das aus zwei Gründen sehr: Zum einen ist das politische und mediale System in den USA überhaupt nicht auf solches Verhalten angelegt, es hätte viele Bühnen für die Republikaner gegeben, das so häufig gewollte „Momentum“ zu geniereren, niemand muss hier schweigen. Zum anderen glaube ich, dass schweigende Mehrheiten häufiger auftreten, wenn es um das Beibehalten eines Status Quo geht. Welchen Grund sollten Wechselwillige haben, diesen Wunsch nach Veränderung nicht zu artikulieren? Es ergibt keinen Sinn, im stillen Kämmerlein auf den Wechsel zu hoffen und die große Aufmerksamkeit für die Tea Party vor zwei Jahren hat gezeigt, dass es kein generelles Desinteresse der Medien für Positionen der Republikaner gibt.

Fazit also:
Obama wird die Wahl gewinnen – auch wenn derzeit alles danach aussieht, als ob man dafür in Deutschland nicht unbedingt die Nacht durchmachen muss. Auf Basis der vorhandenen Prognosen kommt der Statistiker Bruce Nash zu dem Ergebnis, dass Obama erst um 9.50 Uhr deutscher Zeit als Sieger ausgerufen wird. (Und morgen könnt Ihr Euch über diese fehlgeleitete Prognose dann totlachen.)

Frühere Beiträge der Serie:

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