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Campaignwatch: Beim E-Mail-Wahlkampf hat Romney die Nase vorn

6. November 2012
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Wenn Romney entgegen allen Umfrage-Prognosen (fivethirtyeight sieht Obamas Siegchancen mittlerweile bei über 90 Prozent) doch noch die Wahl gewinnen sollte, dann könnte ein Grund hierfür seine Überlegenheit beim E-Mail-Wahlkampf sein. Hierfür spricht jedenfalls meine aktuelle Analyse, für die ich den E-Mail-Output von Obama und Romney seit Anfang August erfasst habe.

Hierfür habe ich mich als Wähler aus Ohio in die Mail-Verteiler der beiden Kandidaten eingetragen und gezählt, wie viele Mails mir die beiden Kandidaten daraufhin pro Woche zugeschickt haben. Hier das Ergebnis:

Abbildung 1: Anzahl der Mails, die von Obamas und Romneys Teams seit Anfang August verschickt wurden (x-Achse = Kalenderwochen)

In der 32. Kalenderwoche (6. bis 12. August) versendeten beide Kampagnen noch jeweils acht Mails, also etwa mehr als eine Mail pro Tag. Bis letzte Woche (KW 44) hat sich diese Zahl bei Obama auf 29 Mails erhöht, bei Romney auf 32. Das entspricht mehr als vier (!) Mails pro Tag. (Wenn man diese Mails nicht selbst bestellt hätte, könnte man da schon von Spam sprechen.) Nimmt man alle 13 Wochen seit Anfang August zusammen, dann kommt Obama auf 179 Mails (bzw. 13,8 pro Woche), Romney hingegen auf 226 (bzw. 17,4 pro Woche).

Betrachtet man die Kurvenverläufe von Obama und Romney im Vergleich, so fällt auf, dass es bei Obama deutlich größere Schwankungen in der Mail-Aktivität gab als bei Romney und dass Romney insbesondere ab der 40. Kalenderwoche einen deutlichen Vorsprung vor Obama hatte, was die Zahl der versendeten Mails angeht. Erst letzte Woche näherte Obama sich dem Niveau von Romney wieder sehr stark an. Zwischen KW 41 und KW 43 versendete Romney hingegen jeweils mindestens neun Mails mehr pro Woche als Obama.

Und wer verschickt diese ganzen Mails?

Was ich mir auch noch angeschaut habe, sind die Absender der Mails. Denn die Mails kommen ja nicht alle von einer anonymen Wahlkampfzentrale, sondern zu einem großen Teil von den Kandidaten selbst (zumindest offiziell), sowie von Familienmitgliedern, Mitgliedern des Wahlkampf-Teams und sonstigen Unterstützern (dank Obama habe ich doch tatsächlich eine Mail von Beyonce Knowles erhalten). Hier also eine Aufstellung der wichtigsten Mail-Absender beider Kampagnen:

Abbildung 2: Die wichtigsten Mail-Absender des Obama-Teams seit KW 32 (in Prozent aller Mails)

Abbildung 3: Die wichtigsten Mail-Absender des Romney-Teams seit KW 32 (in Prozent aller Mails)

Wie diese Aufstellung zeigt, waren Obama und Romney jeweils die fleißigsten E-Mail-Schreiber: Rund 24 bzw. 20 Prozent aller Mails entfielen auf die Kandidaten selbst. Ist also nicht so, dass sich die Kandidaten mailtechnisch rar machen, damit ihre (seltenen) Mails dann umso mehr Gewicht haben. Bei Romney fällt die Konzentration auf den Kandidaten trotz der etwas niedrigeren Prozentzahl noch deutlicher aus als bei Obama. Denn: Obamas Wahlkampf-Team („Obama for America“) verschickte fast gleich viele Mails wie Obama selbst (21,7 Prozent). Romneys „Team Ohio“ (hier wird also gezielt regionalisiert) hingegen verschickte deutlich weniger Mails als Romney selbst (12,3 Prozent).

Ebenfalls sehr aktiv waren – auf der Seite von Obama – First Lady Michelle Obama (15,6 Prozent), Kampagnen-Manager Jim Messina (13,3 Prozent) und Vize-Präsident Joe Biden (10,6 Prozent). Bei Romney sehen die Top 5 der fleißigsten Mail-Absender ganz ähnlich aus: Auf den Kandidaten und sein Wahlkampf-Team folgen Vize-Kandidat Paul Ryan (11,9 Prozent), Romneys Ehefrau Ann (11,5 Prozent) und Kampagnen-Manager Matt Rhoades (7,5 Prozent).

Und was steht in den Mails drin?

Natürlich kann ich hier nicht den Inhalt aller Mails von Obama und Romney nacherzählen. Was aber relativ einfach geht, ist eine Analyse anhand einer Word Cloud. Ich habe also einfach mal alle Mails von Obama bzw. Romney aus der letzten Woche (KW 44) zusammenkopiert und daraus von Wordle.net eine Word Cloud mit den 100 häufigsten Wörtern generieren lassen. Hier das Ergebnis:

Abbildung 4: Die 100 häufigsten Wörter in den Mails des Obama-Teams (KW 44)

Abbildung 5: Die 100 häufigsten Wörter in den Mails des Romney-Teams (KW 44)

Auffällig an diesen Wortwolken finde ich v.a., dass Romneys Team seine Anhänger deutlich häufiger um Hilfe („help“) bittet als Obama. Zudem wird in den Mails des Romney-Teams deutlich häufiger der Name des gegnerischen Kandidaten genannt als in den Mails des Obama-Teams (und vermutlich nicht, um ihn zu loben). Auffällig bei Obama finde ich die häufige Nennung von „everyone“ und „share“, was noch einmal den Mitmach-Charakter der Obama-Kampagne unterstreicht.

Fazit

Der E-Mail-Wahlkampf ist wegen des heute als sehr viel „cooler“ geltenden Social Media-Wahlkampfs ein wenig in Vergessenheit geraten. Wie man an den obigen Zahlen aber sehen kann, investieren beide Seiten nach wie vor eine Menge Energie in diesen Wahlkampf-Kanal. Wie die Kollegen auf usa2012.at in einem Beitrag sehr schön dargestellt haben, erforscht zumindest das Obama-Team sogar, welche Betreffzeilen mehr Leute dazu bringen, eine Mail zu lesen. Und wie auf homopoliticus.de vor Kurzem zu lesen war, bemühen sich die Kampagnen sogar darum, Anhänger, die von den vielen Mails genervt sind, mit dem Angebot einer Mail-Reduktion von der gänzlichen Abmeldung abzubringen.

Offensichtlich ist man sich dort also bewusst, dass die gute alte E-Mail doch noch eine wichtige Funktion bei der Wähleransprache hat. Denn: Nicht jeder Wähler ist täglich auf Facebook oder Twitter unterwegs. Aber (fast) jeder Wähler checkt täglich seine E-Mails…

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One Comment leave one →
  1. 6. November 2012 22:12

    Zum Glück ist Wahlkampf und Demokratie nicht so eine enfache mathematische Sache.
    Außerdem vermute ich, daß außer uns Freaks die potentiellen Wähler nur die e-mails ihres jeweiligen Favoriten bestellen.

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