Skip to content

Campaignwatch: Ist das bessere „Ground Game“ von Obama der Schlüssel zum Sieg?

2. November 2012
tags:

Über usa2012.at bin ich auf einen äußerst lesenswerten Artikel der Atlantic-Redakteurin Molly Ball zum „Ground Game“ der beiden Kampagnen gestoßen. Ball vermutet, dass Obamas Überlegenheit beim sog. „Ground Game“, also dem Haustür-Wahlkampf der beiden Kampagnen letztlich der Schlüssel zum Sieg sein könnte.

Und für diese Vermutung liefert sie auch überzeugende Gründe: So hat Obama in fast allen wichtigen Swing States einen deutlichen Vorsprung bei der Anzahl der „Field Offices“, also der Wahlkampfbüros vor Ort. Hier die Zahlen für Ohio, Florida und Virginia, die drei Bundesstaaten, die vermutlich über den Wahlsieger entscheiden werden:

Abbildung 1: Anzahl der Wahlkampfbüros von Obama und Romney in den drei wichtigsten Swing States (Quelle: TheAtlantic.com)

Auch wenn die Republikaner versuchen, diesen Vorteil herunterzuspielen („We take a smaller, smarter approach, just like we do for government.“): Dass weniger hier mehr sein soll, ist für mich irgendwie wenig überzeugend. Dazu kommt: Die Überlegenheit der Obama-Kampagne ist vermutlich noch deutlich größer als in der obigen Grafik deutlich wird, denn neben den offiziellen Wahlkampfbüros gibt es auch noch Dutzende sog. „staging locations“ der lokalen Wahlkämpfer, bei denen es sich häufig um private Wohnzimmer handelt.

Eine für uns Deutsche äußerst merkwürdig anmutende Besonderheit des amerikanischen Wahlsystems führt dazu, dass man jetzt schon testen kann, ob sich die Beobachtungen von Molly Ball auch tatsächlich in der Wählermobilisierung niederschlagen: Denn die Ergebnisse des „Early Voting“ sind nicht wie bei der deutschen Briefwahl geheim, sondern werden teilweise unmittelbar veröffentlicht. Und hier hat Obama in der Mehrheit der Swing States, zu denen solche Daten vorliegen, einen deutlichen Vorteil (vgl. Abb. 2). Dasselbe gilt für die Zahlen zu den angeforderten Briefwahlunterlagen und die Zahlen zur Wählerregistrierung in den Swing States (vgl. Abb. 3 und 4).

Abbildung 2: Bisherige Ergebnisse des Early Votings in wichtigen Swing States, 2008 vs. 2012 (Darstellung und Quelle: TheAtlantic.com)

Abbildung 3: Anzahl der angeforderten Briefwahlunterlagen  in wichtigen Swing States, 2008 vs. 2012 (Darstellung und Quelle: TheAtlantic.com)

Abbildung 4: Anzahl der registrierte Wähler in wichtigen Swing States (Quelle: TheAtlantic.com)

Zu diesen Ergebnissen passt auch gut das folgende Web-Video der Obama-Kampagne, das gestern veröffentlicht wurde. Jim Messina, Obamas oberster Kampagnen-Manager stellt darin stolz den Stand des „Ground Games“, der Wählerregistrierung und des Early Votings in den wichtigsten Swing States vor:

Wenn Obama am Ende gewinnt, dann hat seine Überlegenheit beim „Ground Game“ dazu also sicherlich einen gehörigen Teil beigetragen. Romney müsste sich dann v.a. an die eigene Nase fassen. Denn in den Interviews von Molly Ball zeigte sich, dass Romneys Kampagne gar nicht erst versucht hat, Obama beim „Ground Game“ wirklich Konkurrenz zu machen: „The Romney campaign doesn’t do the ground game,“ so Rick Wiley, der politische Direktor der republikanischen Parteizentrale (RNC) gegenüber Ball im Interview. „They have essentially ceded that responsibility to the RNC. They understand this is our role.“

Das Problem daran: Die republikanischen Wahlkämpfer vor Ort fühlen sich häufig mehr mit den lokalen Kongresskandidaten verbunden als mit Romney, wie Molly Ball bei (unangekündigten) Besuchen in Wahlkampfbüros in drei Swing States (Ohio, Colorado, Virginia) feststellte:

These basic characteristics were repeated in all the offices I visited: The Obama offices were devoted almost entirely to the president’s reelection; the Republican offices were devoted almost entirely to local candidates, with little presence for Romney. In Greenwood Village, Colorado, I walked in past a handwritten sign reading „WE ARE OUT OF ROMNEY YARD SIGNS,“ then had a nice chat with a staffer for Rep. Mike Coffman. In Canton, Ohio, the small GOP storefront was dominated by „Win With Jim!“ signs for Rep. Jim Renacci. Obama’s nearest offices in both places were all Obama.

Fazit: Im Wahljahr 2008 kam dem „Ground Game“ letztlich keine wahlentscheidende Rolle zu, weil Obamas Wahlsieg hierfür einfach zu deutlich ausfiel (bundesweit sieben Punkte Vorsprung vor McCain) und er auch beim TV-Budget meilenweit vor McCain lag. (Laut Ball schätzen Experten den Effekt des „Ground Games“ auf maximal etwa zwei Prozentpunkte plus oder minus für jeden Kandidaten, wobei ich mich frage, wie man auf solche Zahlen kommt.) Zu diesem Ergebnis kommt auch eine wissenschaftliche Studie von Seth E. Masket, die hier kostenlos als PDF heruntergeladen werden kann.

2012 stellt sich die Lage deutlich anders dar: Romney und Obama liegen beim Werbebudget fast gleich auf, Romney hat hier sogar mittlerweile einen knappen Vorsprung. Und die Wahl wird aller Voraussicht nach deutlich knapper ausgehen als 2008. Mit anderen Worten: Der Effekt des „Ground Games“ wird dieses Mal eine deutlich wichtigere bzw. wahlentscheidendere Rolle spielen als noch vor vier Jahren. Obama hat alles dafür getan, sich am Ende hier nichts vorwerfen zu müssen – egal, wie die Wahl ausgeht. Von Romney kann man dasselbe nicht behaupten…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: