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„Die größte Sorge eines Bloggers ist nicht der Shitstorm“ – Interview mit Campaignwatcher Jan Kercher zum Thema Wissenschaftsblogs

1. November 2012

Der Hohenheimer Online-Kurier, die Online-Zeitung der Universität Hohenheim, hat unseren Blogger Jan Kercher gestern zum Thema Wissenschaftsblogs im Allgemeinen und dem Campaignwatchers-Blog im Speziellen befragt. Mit freundlicher Genehmigung des Online-Kuriers können wir das Interview nun auch hier auf dem Blog veröffentlichen…

Jan Kercher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Hohenheim. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wahlkampf- und Verständlichkeitsforschung.

Online-Kurier: Herr Kercher, was hat es mit dem Blog Campainwatchers.de auf sich?

Die Campaignwatchers analysieren seit September 2011 kommunikationswissenschaftlich relevante Aspekte von aktuellen Wahl- und Werbekampagnen.

Gestartet ist das Ganze als Online-Tool für die gemeinsame Nachbereitung einer Vorlesung über Negative Campaigning in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Anschließend hat sich das Themenspektrum mehr und mehr erweitert. Fast alle Beiträge sind mit Grafiken, Fotos oder Youtube-Videos verknüpft.

Wer unser Blog in diesen Tagen aufruft, kann beispielsweise unseren „Election Live“-Countdown bis zur Präsidentschaftswahl am kommenden Dienstag verfolgen. Christian Fahrenbach schildert hier seine Beobachtungen live aus den USA.

Ihm ist zum Beispiel aufgefallen, dass kurz vor Halloween beim Kostümhändler deutlich mehr Obama- als Romney-Masken über die Theke gehen. So gesehen zeichnet sich ein Sieg des Amtsinhabers ab. Reinschauen lohnt sich also.

Online-Kurier: Warum sollte ein Wissenschaftler bloggen?

Auf den ersten Blick bringt einem ein eigenes Blog nichts: kein Geld, keine wissenschaftliche Anerkennung und die Karrierechancen steigen auch nicht unbedingt. Aber der normale Wissenschaftsbetrieb ist oft sehr schwerfällig und es dauert ewig, bis man seine Erkenntnisse endlich in einer Fachzeitschrift veröffentlicht hat.

Außerdem gibt es für wissenschaftliche Publikationen eine Menge einengender Vorgaben. Das kann einem manchmal fast schon den Spaß an der Forschung verderben. Ein Blog befreit von solchen Zwängen und das ist unglaublich erfüllend. Denn man kann eigene Erkenntnisse quasi in Echtzeit veröffentlichen und es gibt keinen Herausgeber, der einem in ermüdenden Review-Runden immer wieder kleine Detail-Änderungen vorschreibt.

Online-Kurier: Aber dieser Befreiungsschlag kostet Sie doch sicher sehr viel Zeit?

Blogs machen nur so viel Arbeit wie man bereit ist, in sie hinein zu stecken. Ein Blog ist ja kein Nachrichtenportal. Es gibt also keinen Zeitdruck und keine Veröffentlichungspflicht. Alle zwei Wochen ein neuer Beitrag ist vielleicht schon wünschenswert, damit die Leser merken, dass Leben im Blog ist. Aber mehr muss nicht unbedingt sein.

Umgekehrt sollte man es aber auch nicht übertreiben. Wer alle paar Minuten etwas postet, überfordert seine Leser möglicherweise. Denn Blogs werden eben anders gelesen als Nachrichtenportale, es geht hier also um die richtige Dosis von neuen Beiträgen. Es empfiehlt sich daher, die Beiträge gleichmäßig über den Tag oder die Woche zu verteilen. Dabei gilt: Je länger der Text, desto weniger Leser. Ich schreibe zum Beispiel selten mehr als fünf kurze Absätze zu einem Thema.

Online-Kurier: Müssen Sie nicht befürchten, dass Ihnen jemand Ihre Ideen aus dem Blog klaut?

Aus einem Blog zu klauen wäre wirklich eine schlechte Idee. Denn auch ein Blog ist eine Veröffentlichung und Plagiate lassen sich viel schneller und einfacher nachweisen als bei Aufsätzen in Fachzeitschriften. Es ist noch nicht einmal eine spezielle Software notwendig. Google reicht völlig und führt schon nach wenigen Augenblicken zum Erfolg.

Ich sehe das eigentlich genau andersherum: Das Blog gibt mir die Möglichkeit, eigene Ideen und Erkenntnisse sehr schnell zu veröffentlichen. Und nicht erst im nächsten Jahr, wenn mir dann vielleicht schon jemand anderes mit der Idee zuvorgekommen ist.

Außerdem veröffentlicht man meistens keine End- sondern nur Zwischen- und Teilergebnisse in einem Blog. Die sind gröber und eignen sich deshalb nicht für Fachzeitschriften, da die verwendeten Methoden und Daten auch nicht im hierfür nötigen Maß dokumentiert werden. Wenn jemand diese Befunde für einen wissenschaftlichen Aufsatz klauen würde, dann würde das also sofort auffallen. Und selbst offizielle Zitate aus Blog-Beiträgen sind eher unwahrscheinlich, denn das wird in wissenschaftlichen Journalen natürlich nicht gerne gesehen.

In erster Linie richtet sich das Blog also an die interessierte Öffentlichkeit und erst in zweiter Linie an Fachkollegen. Das funktioniert auch: Mich haben nun schon mehrere Journalisten angemailt oder angerufen, die durch das Blog auf die Forschung unseres Lehrstuhls aufmerksam geworden sind. Das ist ja auch das Schöne daran: Man kommuniziert durch das Blog mit Leuten, die sonst nie die eigenen Texte und Erkenntnisse lesen würden. Und wenn die Journalisten dann auch noch darüber berichten, wird der Leserkreis noch größer.

Online-Kurier: Viele Wissenschaftler sind eher öffentlichkeitsscheu. Haben Sie keine Angst vor einem Shitstorm?

Nein, überhaupt nicht. Wenn man fundiert argumentiert, seine Schlussfolgerungen gut begründet und den Lesern so keine unnötigen Anlässe für Unmutsbekundungen bietet, muss man sich auch keine Sorgen über Shitstorms machen. Mir ist das jedenfalls noch nicht passiert. Ich freue mich eigentlich über jeden Kommentar, auch über negative oder kritische. Gegebenenfalls korrigiere oder ergänze ich meine Beiträge danach auch noch einmal. Und manchmal inspirieren mich kritische oder ergänzende Kommentare auch zu weiteren Beiträgen.

Die größte Sorge eines Bloggers ist also nicht der Shitstorm. Im Gegenteil: Man freut sich, wenn Beiträge überhaupt kommentiert werden. Das kommt nämlich nicht allzu häufig vor. Campaignwatchers.de kommt in normalen Zeiten auf 100 bis 300 Klicks am Tag, in Ausnahmefällen auch mal auf bis zu 2000 Klicks am Tag. Die meisten Leute lesen aber nur, einige heben zusätzlich den Gefällt-mir-Daumen. Nur ein Bruchteil schreibt wirklich einen Kommentar. Deshalb ist eigentlich jeder neue Kommentar wie ein kleines Geschenk.

Online-Kurier: Vielen Dank für das Gespräch.

Frühere Interviews mit Jan Kercher:

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