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Campaignwatch: Das Endorsement-Rennen in den USA – Wer sammelt mehr Wahlempfehlungen von (wichtigen) Zeitungen?

29. Oktober 2012
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Stellen Sie sich einmal vor, Sie schlagen Anfang September 2013 Ihre Tageszeitung auf und lesen dort: „Wir empfehlen unseren Lesern, die SPD zu wählen. Peer Steinbrück ist aus unserer Sicht der bessere Kanzlerkandidat.“ Unvorstellbar? In Deutschland vielleicht, aber nicht in den USA. Dort gehören solche „Endorsements“, also Wahlempfehlungen von Tageszeitungen, zum Wahlkampf-Alltag.

Wenige Wochen vor dem Wahltermin (also in der aktuellen Phase des Wahlkampfs) entscheiden sich viele Tages- und Wochenzeitungen zur Wahlempfehlung für einen der beiden Kandidaten und begründen diese dann in einem längeren Meinungsbeitrag. So schließt die „New York Times“ ihre diesjährige Wahlempfehlung für Präsident Obama beispielsweise mit folgendem, leidenschaftlichen Appell an ihre (ca. 1,3 Mio.) Leser: „For these and many other reasons, we enthusiastically endorse President Barack Obama for a second term, and express the hope that his victory will be accompanied by a new Congress willing to work for policies that Americans need.“

Natürlich versuchen die Kampagnen von Obama und Romney, diese Wahlempfehlungen für den eigenen Wahlkampf zu nutzen und dabei ihre Wirkung über die eigentliche Leserschaft hinaus auszudehnen. Gerne werden aktuelle Endorsements zum Beispiel in Wahlspots zitiert, wie z.B. in diesem aktuellen Spot von Romney, der das Endorsement der „Detroit News“ als Beleg für Romneys Wählbarkeit anführt:

Die spannende Frage ist natürlich in jedem US-Präsidentschaftswahlkampf, welcher Kandidat mehr Endorsements einsammeln kann und wieviele Leser mit diesen Wahlempfehlungen jeweils erreicht werden. Zudem werden Wahlempfehlungen von Zeitungen besonders aufmerksam registriert, die von ihrem Votum bei der letzten Wahl abweichen. So sorgte beispielsweise gestern die Wahlempfehlung des „Des Moines Registers“ aus Iowa (ca. 200.000 Leser) für Aufsehen. Denn 2008 hatte diese Zeitung noch Obama empfohlen, nun empfiehlt sie aber Romney – wegen dessen „fresh economic vision“.

Wie ist also der aktuelle Stand im „Endorsement Race“? Im Internet kursieren unterschiedliche Zählungen, die auch unterschiedlich vollständig sind. Die aus meiner Sicht vollständigste und aktuellste Zählung stammt von DailyKos.com. Demnach haben bislang 71 Tages- und 31 wochenzeitungen ein Endorsement für Obama ausgesprochen, während Romney 102 Tageszeitungen und 27 Wochenzeitungen auf seiner Seite hat (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Anzahl der Endorsements durch Tages- und Wochenzeitungen (Stand: 29.10.2012)

Quelle: DailyKos.com

Sieht auf den ersten Blick nach einem Vorteil für Romney aus. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn es macht natürlich einen gehörigen Unterschied, ob mich (auf Deutschland übertragen) der Reutlinger Generalanzeiger zur Wahl empfiehlt oder die Süddeutsche Zeitung. Zum einen aufgrund der unterschiedlichen Reichweiten bzw. Leserzahlen, zum anderen aufgrund der größeren Signalwirkung, auch auf andere Zeitungen. Und hier hat eindeutig Obama die Nase vorn. „Seine“ Zeitungen kommen auf eine Gesamtreichweite von 14,4 Mio. Lesern, Romneys Zeitungen hingegen nur auf 8,6 Mio. Leser (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Anzahl der durch die Endorsements von Tages- und Wochenzeitungen erreichten Leser (in Mio., Stand: 29.10.2012)

Quelle: DailyKos.com

Dies ist v.a. dadurch zu erklären, dass Romney von vielen kleinen Zeitungen aus ländlichen Regionen unterstützt wird, während Obama eher von Zeitungen aus städtischen Ballungszentren unterstützt wird. Z.B. von den Tageszeitungslegenden New York Times (ca. 1,3 Mio. Leser) und Washington Post (ca. 500.000 Leser) und dem einfluss- und erfolgreichen Polit-Magazin „The New Yorker“ (ca. 1 Mio. Leser). Aber auch die ebenfalls reichweitenstarken Zeitungen Chicago Tribune (ca. 800.000 Leser), Denver Post (ca. 600.000 Leser), Los Angeles Times (ca. 500.00 Leser) und Philadelphia Inqurirer (ca. 500.000 Leser) haben bereits eine Endorsement für Obama ausgesprochen.

Unter den größten Tageszeitungen, die Romney unterstützen, findet sich hingegen nur ein wirklich bekannter Name: die New York Post (ca. 500.000 Leser). Dazu kommen reichweitenstarke Zeitungen wie der Houston Chronicle (ca. 1 Mio. Leser) und die Dallas Morning News (ca. 700.000 Leser). Alle anderen Pro-Romney-Zeitungen werden von (teilweise deutlich) unter 300.000 Lesern gelesen. Romney kann sich aber damit trösten, bislang zumindest in den wichtigsten Swing States knapp die Nase vor Obama zu haben (elf vs. acht Endorsements) und auch den größten „Switcher“ auf seiner Seite zu haben. Denn der Houston Chronicle hatte 2008 noch ein Endorsement für Obama ausgesprochen.

Auch die meisten der Zeitungen, die bei ihrer diesjährigen Wahlempfehlung im Vergleich zu 2008 die Partei gewechselt haben, finden sich zudem bei Romney. Was allerdings v.a. daran liegt, dass Obama im Jahr 2008 (nach der Zählung von DailyKos.com) fast doppelt so viele Wahlempfehlungen für sich verzeichnen konnte (407) wie John McCain (212). Auch 2004 hatten sich mehr Tages- und Wochenzeitungen auf die Seite des demokratischen Kandidaten John Kerry geschlagen (273) als auf die Seite des republikanischen Amtsinhabers George W. Bush (205). Was bekanntlich nichts daran änderte, dass Bush die Wahl gewann. Wobei natürlich niemand sagen kann, ob das Wahlergebnis ohne die Wahlempfehlungen noch deutlicher zugunsten von Bush ausgefallen wäre…

P.S.: Es gibt bei jeder Wahl auch eine Gruppe von Zeitungen, die explizit keine Wahlempfehlung ausspricht. Entweder, weil sie beschlossen haben, generell keine Endorsements (mehr) abzugeben oder weil sie sich aufgrund des Kandidatenaufgebots nicht zu einer Wahlempfehlung in der Lage sehen. Zur ersten Gruppe zählen in diesem Jahr die folgenden sechs Zeitungen mit mehr als 75.000 Lesern: The Wall Street Journal, USA Today, Deseret News, Chicago Sun-Times, Milwaukee Journal-Sentinel, Knoxville News Sentinel. Zur zweiten Gruppe hingegen die folgenden sechs Zeitungen: The Oregonian, Sarasota Herald-Tribune, Daytona Beach News-Journal, Atlanta Journal-Constitution, Indianpolis Star, New Orleans Times-Picayune.

Nachtrag (01.11.2012): Gestern hat Romney noch zwei Wahl-Spots veröffentlicht, die sich ausschließlich auf Endorsements unterschiedlicher Zeitungen beziehen, u.a. auf die oben erwähnte Wahlempfehlung des „Des Moines Registers“. Das Wertvolle an dieser Wahlempfehlung für Romney ist nämlich auch, dass die Zeitung bei den letzten neun Präsidentschaftswahlen immer den demokratischen Kandidaten unterstützt hat, der Überraschungseffekt ist hier also besonders groß:

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