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Campaignwatch: Warum hat Obama einen so schwachen Auftritt im ersten TV-Duell hingelegt? (Teil 2)

11. Oktober 2012
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Vor genau einer Woche habe ich hier ein paar Überlegungen dazu angestellt, warum Obama im ersten TV-Duell gegen Romney wohl so einen schwachen Auftritt hingelegt hat. Seitdem habe ich einige Erkenntnisse hinzugewonnen, u.a. durch Kommentare zu meinem damaligen Beitrag. Ich will deshalb heute die fünf Erklärungsversuche aus der letzten Woche um fünf weitere Erklärungsversuche ergänzen:

  1. Obama fehlte die Übung – im Gegensatz zu Romney. Diese Erklärung mag zunächst überraschen, da natürlich beide Kandidaten intensiv auf das TV-Duell vorbereitet wurden, inklusive sog. „Mock Debates“, bei denen auf demokratischer Seite wohl John Kerry als Obamas Kontrahent fungierte. Aber: So aufwändig und lebensnah diese Vorbereitungsduelle auch sein mögen (Obamas Helfer bauten hierfür das komplette TV-Studio der ersten Debatte nach) – sie sind vermutlich trotzdem kein Ersatz für ein „echtes“ TV-Duell mit einem Millionen-Publikum vor dem Fernseher und einem Kontrahenten, der einen tatsächlich aus dem Weißen Haus vertreiben möchte. Was man dabei nicht vergessen sollte: Während Mitt Romney im republikanischen Vorwahlkampf an insgesamt 27 TV-Duellen teilgenommen hat, liegt Obamas letztes „echtes“ TV-Duell bereits vier Jahre zurück.
  2. Obama ist mit einer falschen, zu defensiven Strategie in das TV-Duell gegangen, eventuell aufgrund einer falschen Beratung durch seine Helfer (was ihn aus meiner Sicht natürlich trotzdem nicht von der Verantwortung für diesen Auftritt entbindet). So schreibt CFahrenbach in einem Kommentar zu meinem ersten Blog-Beitrag zum Thema: „Meines Erachtens ist er im Vorfeld auch schlecht beraten worden, bzw. haben er und sein Team vor der Debatte schlechte Grundsatzentscheidungen zur Debattenstrategie getroffen. Sie _müssen_ sich zuvor darauf geeinigt haben, Romney nicht gezielt anzugreifen, die 47-Prozent-der-Wähler-sind-faul-Debatte auszulassen, ihn nicht als reichen Luftikus darzustellen, nicht konkreter die 700-Millionen-Dollar bei Obamacare auseinanderzunehmen etc. Obama erschien mir viel zu defensiv, als dass dies alles in der laufenden Debatte passiert sein kann – da erscheint mir eine im Vorfeld getroffene falsche Richtungsentscheidung sehr wahrscheinlich.“
  3. Eine allgemeinere Erklärung kommt von Christoph von Marshall, einem deutschen Journalisten, der Obama seit Jahren verfolgt und auch schon eine Biographie über ihn geschrieben hat (vielen Dank an Kommentatorin Halina für den Link-Tipp!). Dieser schreibt in einem Kommentar für die Zeit, in dem er sich auch mit dem schwachen Duell-Auftritt von Obama beschäftigt: „Präsidenten sind Widerspruch nicht mehr gewohnt. Seit vier Jahren redet ihnen die Umgebung meist nach dem Mund. Sie reagieren nicht souverän, wenn der Konkurrent Kontra gibt, und das womöglich mit Behauptungen, von denen beide wissen, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen, sondern Wähler umgarnen sollen.“ Hier gilt allerdings dieselbe Einschränkung wie bei meinem ersten Erklärungsversuch: Obama wirkte auf mich von seinem ersten Statement an seltsam abwesend und lustlos, nicht erst nach dem ersten Angriff von Romney.
  4. Was mich zu einer Abwandlung dieses ersten Erklärungsversuchs führt, in Kombination mit dem zweiten und dritten Erklärungsversuch von letzter Woche: Möglicherweise hatte Obama tatsächlich einen schlechten Tag und keine wirkliche Lust auf dieses TV-Duell. Möglicherweise hatte er sich kurz zuvor auch noch mit der krisenhaften Zupsitzung der Situation in Syrien beschäftigt und hatte deshalb noch ganz andere Dinge im Kopf. Das führte dazu, dass er von Anfang an etwas durch den Wind war. Und dann kommt auch noch Romney und lässt alles fallen, was er bisher im Wahlkampf vertreten hat, womit auch alle einstudierten Angriffsstrategien von Obama obsolet waren. Das kann einen an so einem Tag dann natürlich schon einmal aus der Bahn werfen, noch dazu, wenn man ohnehin kein geborener „Debater“ ist, sondern eher ein Redner (siehe Erklärungsversuch Nummer 5 von letzter Woche).
  5. Eine weitere, ebenfalls überzeugende Erklärung habe ich in einem lesenswerten Kommentar zum TV-Duell von Matt Bai auf dem NYT-Blog „The Caucus“ gefunden („Obama’s Enthusiasm Gap“): Obama hat einfach keinen großen Spaß am Präsidentendasein und der Überzeugungsarbeit, die damit verbunden ist – und das hat er sich auch im TV-Duell anmerken lassen. Matt Bai: „Watching the president grimace his way through the restrained back-and-forth reminded me of a conversation I recently had with a friend in Democratic politics, who posited that Mr. Obama simply doesn’t love being president. Not that he doesn’t want the job or believe he should have it, or that its challenges don’t give him plenty of cause for stress or solemnity — just that he doesn’t appear to actually enjoy the daily business of running the country. (…) He came to Denver with no larger theme he wanted urgently to get across, no story to tell, no apparent passion for the chance to make himself understood and make his opponent look silly. He was there to defend his policies, but he wasn’t going to get all needy about it, and no one was going to make him have an ounce of fun.“
    Und das ist nach Einschätzung von Bai auch der entscheidende Unterschied zu Obamas demokratischem Vorgänger Bill Clinton: „Mostly, what Mr. Obama seems to get no joy from, and what debates really demand of you, is the opportunity to persuade people that you’re right, by making complex arguments sound simple and self-evident. This is why Bill Clinton’s convention speech stood out as it did — because it reminded everyone of how powerful an enthusiastic presidential explanation can be. Mr. Clinton can’t rest until he’s made the truth as plain to you as the sun and trees. It’s always obvious how much he wishes he could have the big job for one more day, or one more hour. Mr. Obama can sleep just fine either way. It’s hard to imagine him looking back five years from now with anything other than relief at being home.“
    Auf eine ganz ähnliche Erklärung bin ich heute in der aktuellen Zeit gestoßen, in einem Beitrag von Martin Klingst und Jan Ross („Die coole Macht“, leider noch nicht online verfügbar): „Dass Barack Obama so neben sich zu stehen schien, ist kein bloßer Zufall, es gehört zu seinem Wesen, mindestens als Möglichkeit. Er ist ein Intellektueller, ein Beobachter, auch ein Selbstbeobachter – kein instinktives Machttier, dem es in seiner Kämpferhaut behagt und das auf seine Reflexe vertraut. Ausgerechnet auf dem Parteitag der Demokraten (wo seine Rede auch schon etwas matt ausfiel) hat der Präsident zu erkennen gegeben, dass er Wahlkampf letztlich albern findet. Er will kein normaler Politiker sein, seine ganze Karriere, sein gesamter Anspruch beruhen auf dem Anderssein.“

Auch heute gilt natürlich: Konstruktive Kritik und Ergänzungsvorschläge sind herzlich willkommen! :-)

Frühere Beiträge zum Thema:

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