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Campaignwatch: Warum hat Obama einen so schwachen Auftritt im ersten TV-Duell hingelegt? Fünf Erklärungsversuche

4. Oktober 2012
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Gerade hat ein Journalist angefragt, welche Erklärung ich für das schwache Abschneiden Obamas im gestrigen TV-Duell hätte. Gute Frage. Denn zunächst einmal war ich da auch ziemlich ratlos. Nun habe ich mir aber mal ein paar Gedanken dazu gemacht und bin zu fünf möglichen Erklärungen gekommen, die ich im folgenden kurz umreißen will. Und zwar in aufsteigender Reihenfolge, was ihre Überzeugungskraft aus meiner Sicht betrifft:

  1. Zunächst kam ich auf die Idee, dass Obama von Romneys gutem Auftritt einfach kalt erwischt wurde. Allerdings trägt das nicht wirklich als Erklärung, denn erstens musste Obama damit rechnen, dass Romney sehr angriffslustig und gut vorbereitet sein würde und zweitens war sein Auftreten von Anfang sehr zögerlich, nicht erst nach Romneys erstem oder zweitem Statement.
  2. Was mich zur zweiten möglichen Erklärung führt. Diese ist – zugegebenermaßen – relativ simpel: Jeder kann man einen schlechten Tag haben, auch ein Barack Obama. Ist natürlich ein bisschen seltsam, wenn das gerade am Tag des ersten TV-Duells passiert, weil dessen (potenzielle) Bedeutung auch Obama klar sein dürfte, aber manchmal hilft eben auch die beste Vorbereitung nichts, wenn man im entscheidenden Moment einfach nicht gut drauf ist (Sportler können davon vermutlich ein Lied singen).
  3. Die dritte Erklärung ist in gewisser Weise mit der zweiten verwandt: Vielleicht war Obama abgelenkt. Schließlich hat sich kurz vor dem TV-Duell die Lage in Syrien sehr zugespitzt. Womöglich musste Obama noch kurz vor dem TV-Duell eine Krisensitzung zur Lage in Syrien leiten und konnte danach nicht gut bzw. schnell genug umstellen auf Wahlkampfmodus. Ganz ähnnlich ging es 2002 Gerhard Schröder bei seinem ersten, schwachen Duell-Auftritt gegen Edmund Stoiber. Wie sich später herausstellte, war er da tatsächlich abgelenkt, weil er sich bis kurz zuvor mit der Flut-Katastrophe im Osten Deutschlands und den Folgen für die dort lebenden Menschen auseinandergesetzt hatte (die Flutkatastrophe half ihm allerdings letztlich im Wahlkampf eher half als dass sie ihm schadete – so zynisch das klingt).
  4. Ich halte diese dritte Erklärung für nicht ganz unwahrscheinlich. Und möglicherweise kommt sie zusammen mit einer vierten Erklärung. Meine persönliche Einschätzung ist nämlich, dass es Obama bislang noch nicht gelungen ist, im Wahlkampf eine gelungene Mischung aus staatsmännischem Auftreten, Verteidigung der eigenen Bilanz (und damit auch seiner Ansprüche aus 2008) und (Gegen-)Angriffen auf Romney zu finden. Das hat man bereits bei seiner Convention-Rede bemerkt, die ja auch eher enttäuschend ausfiel.
  5. Dazu kommt schließlich , dass TV-Debatten noch nie eine besondere Stärke von Obama waren. Das seine Wahlkampagne zwar auch seit einigen Tagen immer wieder betont, um die Erwartungen vorab runterzuschrauben – aber es stimmt auch. Obama ist zwar ein brillianter Redner, aber kein brillianter Diskutant, das war auch beim letzten Wahlkampf schon so, nur fiel es dort nicht so auf, weil Obama in einer sehr viel angenehmeren Position war (als unbelasteter Herausforderer) und McCain gleichzeitig unerwartet schwach war in den Debatten. Diesen Gefallen hat ihm Romney nun nicht getan, was in Kombination mit Obamas schwierigerer Rolle als amtierender Präsident mit einer schwächelnden Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage und seiner ohnehin nicht besonders ausgeprägten Vorliebe für das Debatten-Format offensichtlich zu diesem Ergebnis führte.

So viel zu meinen Einschätzungen. Wer diese gerne ergänzen oder konstruktiv kritisieren würde, ist herzlich dazu eingeladen. :-)

P.S.: Hier noch der Link zu dem Artikel im Schweizer Tagesanzeiger, der Anlass für diesen Beitrag hier war.

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5 Kommentare leave one →
  1. CFahrenbach permalink
    4. Oktober 2012 13:38

    Meines Erachtens ist er im Vorfeld auch schlecht beraten worden, bzw. haben er und sein Team vor der Debatte schlechte Grundsatzentscheidungen zur Debattenstrategie getroffen.

    Sie _müssen_ sich zuvor darauf geeinigt haben, Romney nicht gezielt anzugreifen, die 47-Prozent-der-Wähler-sind-faul-Debatte auszulassen, ihn nicht als reichen Luftikus darzustellen, nicht konkreter die 700-Millionen-Dollar bei Obamacare auseinanderzunehmen etc.

    Obama erschien mir viel zu defensiv, als dass dies alles in der laufenden Debatte passiert sein kann – da erscheint mir eine im Vorfeld getroffene falsche Richtungsentscheidung sehr wahrscheinlich.

    • 4. Oktober 2012 14:28

      Ja, da stimme ich dir zu, es wirkte wirklich so, als hätten Obamas Kampagnen-Manager ihm eine Art „Maulkorb“ verpasst. Vielleicht, weil sie voll auf seine staatsmännische Aura setzen wollten und Romney kein Material für Spots liefern wollten, in denen er Obama wieder eine verlogene Schmutzkampagne gegen ihn vorwirft. Aber man hätte sich ja auch überlegen können, wie man das so formuliert, dass jeder weiß, was gemeint ist, aber es trotzdem nicht als unfairer Angriff gewertet werden kann. Sowas hätte man den Jungs eigentlich zugetraut, sind ja schließlich keine Anfänger…

      Allgemein fand ich es ziemlich befremdlich, wie freundlich beide Kandidaten miteinander umgegangen sind. Besonders skuril fand ich Obamas Bedankung am Ende: „Ich will mich auch auch bei Gouverneur Romney bedanken für diese tolle Debatte!“ :-) Also, man kann es auch übertreiben mit der Strategie „killing with love“…

  2. Halina permalink
    8. Oktober 2012 10:36

    Eine weitere mögliche Erklärung stammt von der ZEIT: Präsidenten sind Widerworte nicht mehr gewohnt und reagieren deswegen nicht souverän…

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-10/analyse-tv-duell-obama-romney

Trackbacks

  1. Campaignwatch: “The Real Mitt Romney” – Obama veräppelt Romneys Duell-Auftritt « campaignwatchers.de
  2. Campaignwatch: Warum hat Obama einen so schwachen Auftritt im ersten TV-Duell hingelegt? (Teil 2) « campaignwatchers.de

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