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US-Wahlkampf, Lektion 17 (Teil 3): Zögere nicht, Zitate deines Gegners schamlos aus dem Zusammenhang zu reißen

24. September 2012
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Es läuft nicht gut zur Zeit für Mitt Romney und die US-Republikaner. Das „Victims“-Video von Romney dominiert zur Zeit die Diskussion in den US-Medien und wird in den Angriffsspots der Demokraten ganz sicher bis zum Wahltag immer wieder eine Rolle spielen. Wenig beachtet wird deshalb der aktuelle Versuch der republikanischen Parteizentrale, Obama als einen Verfechter sozialistisch anmutender Umverteilung von oben nach unten zu porträtieren.

Ich will den beiden letzten Angriffsspots des RNC hier trotzdem ein wenig Aufmerksamkeit schenken, weil sie mal wieder so ein schönes Beispiel für die US-Wahlkampf-Lektion „Zögere nicht, Zitate deines Gegners schamlos aus dem Zusammenhang zu reißen“ sind. Es geht darin um folgendes Zitat von Obama: „I actually believe in redistribution“. Das Zitat wird in den beiden Spots als Beleg für Obamas quasi-sozialistische Tendenzen herangezogen:

Dazu sollte man jedoch wissen: Die Rede, aus der das Zitat stammt, hat Obama im Jahr 1998 gehalten. Ganz unabhängig vom Kontext des Zitats lässt sich also schon einmal feststellen: Es ist nicht gerade das, was man als „taufrisch“ bezeichnen könnte. Innerhalb von 14 Jahren könnte sich die eine oder andere Ansicht von Obama ja eventuell durchaus geändert haben. Aber was soll’s, es ist halt so ein schönes Zitat und eine aktuellere Version gab es nun mal leider nicht.

Noch interessanter wird das Ganze, wenn man sich den Kontext des Zitats einmal genauer anschaut:

Hier das Transkript des entscheidenden Teils der Rede:

I think the trick is figuring out how do we structure government systems that pool resources and hence facilitate some redistribution because I actually believe in redistribution, at least at a certain level to make sure that everybody’s got a shot. How do we pool resources at the same time as we decentralize delivery systems in ways that both foster competition, can work in the marketplace, and can foster innovation at the local level and can be tailored to particular communities.

Besonders absurd erscheint die neue Anti-Umverteilungskampagne der Republikaner angesichts der Tatsache, dass sich nachweisen lässt, dass die Umverteilungsmaßnahmen der US-Regierung im Laufe der letzten Jahrzehnte immer stärker abgenommen haben. Mit dem Ergebnis, dass die reichsten Amerikaner heute einen deutlich größeren Anteil des Volkseinkommens nach Steuern erhalten (11,5 Prozent) als noch vor 30 Jahren (7,4 Prozent) – im Gegensatz zu den Normalbürgern und den ärmsten Bürgern Amerikas.

Fazit: „Was nicht passt, wird passend gemacht“ – so könnte man die Regel auch umschreiben, die sich in Fällen wie dem obigen zeigt. Der kleinste Nebensatz kann im amerikanischen Wahlkampf zum Verhängnis werden, auch wenn er 14 Jahre alt ist und schamlos aus dem Kontext herausgerissen wurde. Manchmal kann man doch froh sein, dass der deutsche Wahlkampf (noch) so angenehm altmodisch ist. :-)

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