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Campaignwatch: Obama-Referendum oder Kandidatenwahl? Welcher Frame zur US-Wahl wird sich durchsetzen?

18. September 2012
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Entscheiden die Amerikaner im November in einer Art Referendum über die bisherige Bilanz von Obama oder wählen sie zwischen zwei Politikalternativen für die kommenden vier Jahre? Das ist eine Frage, die sich in den USA jedes Mal stellt, wenn ein amtierender Präsident zur Wiederwahl antritt. Nate Silver hat dies vor Kurzem auf fivethirtyeight sehr schön aufgearbeitet.

Hier eine Kurzfassung: Für Wähler, die nach dem Referendumsschema wählen, spielt die Vergangenheit die zentrale Rolle. D.h. sie bewerten die Bilanz des amtierenden Präsidenten und entscheiden sich dann zwischen Wahl und Abwahl – welcher Herausforderer dabei im Falle einer Abwahl ins Weiße Hause einzieht, spielt nur bedingt eine Rolle. Wähler hingegen, die nach dem Kandidatenwahlschema wählen, werfen einen Blick in die Zukunft und versuchen sich vorzustellen, unter welchem der Kandidaten es ihnen bzw. dem Land in den nächsten vier Jahren vermutlich besser ergehen wird. Für diese Entscheidung spielt eine eingehende Prüfung des Herausforderers also eine deutlich wichtigere Rolle als für Wähler, die nach dem Benotungsschema wählen.

Natürlich sind diese beiden Schemata Idealtypen und kommen in der Realität nur sehr selten in ihrer Reinform vor. Bei den meisten (Wechsel)wählern wird die Wahlentscheidung eher eine Mischung aus Referendums- und Kandidatenwahlschema darstellen. Aber auch bei diesen Wählern wird entscheidend sein, welches der beiden Schemata stärker zum Tragen kommt. Und deshalb verwundert es kaum, dass beide Kandidaten versuchen, die Schemata der Wähler in ihrem Sinn zu beeinflussen. Besonders offensichtlich wurde dies bei dem Spot „The Choice“, den Obama vor einigen Wochen veröffentlichte und der eine Art Prototyp für das Kandidatenwahlschema darstellt:

Ein aktueller Angriffsspot von Romney zeigt hingegen sehr schön, wie man versuchen kann, Wähler im Sinne des Referendumsschemas zu beeinflussen. Unter dem Titel „Dear Daughter“ zählt der Spot auf, was Obama dem Baby, das im Spot zu sehen ist, mit seiner ersten Amtszeit alles angetan hat: einen steigenden Schuldenberg, steigende Armut und steigende Arbeitslosigkeit bei Frauen. Ganz klar: Der sollte schleunigst abgewählt werden! Was Romney anders machen würde als Obama, muss da gar nicht erst erwähnt werden, denn schließlich kann es unter ihm ja eigentlich nur besser werden:

Es ist allerdings keineswegs so, dass Obama sich in seinen Spots nun ausschließlich auf das Kandidatenwahlschema konzentriert und Romney nur auf das Referendumsschema. In den positiven Botschaften ihrer Spots versuchen nämlich beide, auch das jeweilige „Opportunitätsschema“ des Gegenkandidaten abzufedern. So versucht Obama beispielsweise in einem aktuellen Spot, die Vorwürfe Romneys, dass es den Amerikanern vor Obamas Amtszeit besser gegangen sei, zu entkräften, um auch Wähler zu erreichen, die ihre Wahlentscheidung trotz aller Beeinflussungsversuche Obamas nach dem Referendumsschema treffen:

Auch Romney hat gestern mal wieder einen Spot veröffentlicht, der sich ganz eindeutig an Wähler richtet, die eher nach dem Kandidatenwahlschema wählen, Titel: „The Romney Plan“. Dieser verzichtet weitgehend auf direkte Angriffe gegen Obama und konzentriert sich v.a. auf Romneys Pläne für die ersten vier Jahre seiner Präsidentschaft, u.a. die Schaffung 12 Millionen neuer Jobs:

Fazit: Welches Schema von welchem Kandidaten unterstützt und welches lediglich „abgefedert“ wird, hängt immer stark von den jeweiligen Umständen der Wahl ab. Hätte sich die amerikanische Wirtschaft im vergangegenen Jahr deutlich besser entwickelt, würde nun wohl eher Obama das Referendumsschema pushen und Romney seine Botschaften sehr viel stärker im Hinblick auf das Kandidatenwahlschema framen (dann wohl v.a. in Bezug auf die Gesundheitspolitik und die konservativen Werte).

Da es die Amerikaner aber aktuell mit einer wenig erfreulichen Wirtschaftslage zu tun haben, waren die Rollen von Anfang an klar verteilt: Obama muss auf die Zukunft setzen („Forward“) und Romney auf die Vergangenheit („Obama isn’t Working“). Welcher Frame bzw. welches Schema sich letzten Endes bei den Wechselwählern stärker durchsetzt, erfahren wir spätestens am 6. November…

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