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Campaignwatch: Die republikanische Convention – Ein Rohrkrepierer?

3. September 2012
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So, mit ein paar Tagen Abstand wage ich nun mal eine Einschätzung zur republikanischen Convention letzte Woche. Ich lehne mich mal ein wenig aus dem Fenster und sage: Diese Convention war ein Rohrkrepierer und alles andere als der erhoffte Schub für Romney. Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Der Hurrikan

Wir Deutschen wissen ja spätestens seit 2002, dass Naturkatastrophen wahlentscheidend sein können. Die Jahrhundertflut im Osten Deutschlands hatte vermutlich einen erheblichen Anteil daran, dass Gerhard Schröders rot-grüne Regierung noch einmal eine zweite Amtszeit beschert wurde. Denn solche Katastrophen spielen potenziell immer eher dem jeweiligen Amtsinhaber in die Hände, der sich als mitfühlender und zupackender Führer profilieren kann.

Das weiß auch Obama, der sofort alle Katastrophenbehödern in Alarmbereitschaft versetzen ließ und seinen Urlaub cancelte, um jederzeit einsatzbereit zu sein. Hierbei spielte ihm auch noch in die Hände, dass sich sein Vorgänger George W. Bush beim Krisenmanagement zum Hurrikan Cathrina nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte und Obamas entschlossener Einsatz so nun einen umso deutlicheren Kontrast bildete:

Ich schließe mich also voll und ganz folgendem Fazit von Sabrina Fritz auf dem SWR-Blog „Amerika wählt“ an:

Verheerend ist der Tropensturm für den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner Mitt Romney. Er kann sich kaum als Krisenmanager aufspielen, das wirkt anbiedernd. Zuviel Jubel auf dem Parteitag während um die Ecke die Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz stehen kommt auch nicht gut. Und die amerikanischen Fernsehsender räumen “Isaac” viel mehr Sendezeit ein als Romney. Katastrophen verkaufen sich eben immer noch besser als Politik.

2. Ron Paul

Auch wenn im Vorfeld von Romneys Strategen alles versucht wurde, um den „Ron Paul-Schaden“ so gering wie möglich zu halten: Es hat nicht wirklich viel gebracht. Vor, während und nach der Convention tat Ron Paul so ziemlich alles, um deutlich zu machen, wie unzufrieden er mit der Kandidatenauswahl der republikanischen Partei ist, und zwar sowohl, was den Prozess, als auch was das Ergebnis betrifft. Weshalb er sich auch nach wie vor weigert, eine Wahlempfehlung für Romney abzugeben:

Und auch wenn Romneys Team zumindest verhindern konnte, dass Ron Paul auf dem Parteitag eine Rede hielt, so wurde doch immerhin dieses Video gezeigt, was Ron Paul zu einer Art „Gewinner der Herzen“ hochstilisiert (und bei vielen Zuschauern die Frage hervorgerufen haben dürfte, warum man eigentlich nicht mit Ron Paul in den Wahlkampf zieht, wenn er denn so ein toller Typ ist wie es im Video auch von zahlreichen republikanischen Politikern dargestellt wird):

3. Clint Eastwoods Überraschungsauftritt

Die Republikaner hatten ein großes Geheimnis aus dem „Überraschungsredner“ auf dem Parteitag gemacht. Kurz vorher sickerte dann allerdings doch noch durch, dass es sich wohl um Clint Eastwood handelte. An sich keine schlechte Wahl, schließlich handelt es sich um einen bekannten und beliebten Schauspieler und Regisseur, wovon sich potenziell auch Wähler angesprochen fühlen, die alle Politiker für Lügner und Scharlatane halten.

Aber dann das: Eastwood spricht mit brüchiger Stimme und zahlreichen Aussetzern mit einem leeren Stuhl, der Obama symbolisieren soll. Wenn jemand noch nicht wusste, was „fremdschämen“ bedeutet, dann wusste er es nach dieser Rede (auch wenn die anwesenden Zuschauer wie auf Kommando mitlachten und mitklatschten). Hier ein schöner „Best Of“-Zusammenschnitt und ein sehr treffender Kommentar von Rachel Maddows („That Was The Weirdest Thing I’ve Ever Seen At A Political Convention In My Life“):

Ach ja, die Simpons haben es übrigens mal wieder früher gewusst und Obamas Team hat sich den Spaß nicht nehmen lassen, über Twitter auf Eastwoods Stuhl-Rede zu reagieren:

4. Paul Ryans Convention-Rede

Es war von Anfang an klar, dass neben Romneys Rede die Rede von Paul Ryan mit die wichtigste Rede auf dem republikanischen Parteitag sein würde. Offensichtlich war Paul Ryan deshalb ein wenig übermotiviert und stopfte so viele nachweisliche Unwahrheiten in seine Rede, um Obama angreifen zu können, dass das Medien-Echo ziemlich einhellig negativ ausfiel (wenn man mal von FOX NEWS absieht). Das mussten Obamas Wahlkämpfer dann nur noch zu einer Art „Best Of“ zusammenschneiden und mit der Botschaft „Paul Ryan: Wrong for the Middle Class“ versehen:

Ach ja, Paul Ryans Rede war außerdem noch der erste direkte Vergleich zwischen ihm und seiner Vorgängerin, Sarah Palin. Und diesen Vergleich gewann sehr deutlich… Sarah Palin. Denn bei ihrer Rede auf dem Nominierungsparteitag 2008 hatten stolze 37 Millionen Zuschauer eingeschaltet, während es bei Paul Ryan gerade einmal etwas mehr als halb so viele waren, nämlich magere 20 Millionen.

5. Mitt Romneys Convention-Rede

OK, sie war keine Katastrophe wie der Auftritt von Clint Eastwood und sie enthielt auch nicht ganz so viele Unwahrheiten wie die Rede von Paul Ryan. Aber war sie inspirierend? Nein. Wie Nate Silver auf „The Caucus“ sehr treffend resümiert:

It was a speech that Mr. Romney’s pollsters and consultants should have been pleased with, although it may have suffered from trying to check too many focus-group-approved boxes.

But most of all, and in contrast to Mr. Romney’s selection of Mr. Ryan, it was full of the choices that a candidate makes when he thinks he can win the election by running a by-the-book campaign.

Fazit: Zwei Frauen haben verhindert, dass mein Fazit zur republikanischen Convention nur „Rohrkrepierer“ lautet und nicht „Desaster“: Ann Romney und Condoleezza Rice. Deren Reden waren wohl die einzigen Ereignisse des Parteitags, die die Erwartungen (positiv) übertreffen konnten. Vielleicht wurde Romneys Image dadurch ein wenig menschlicher und die Republikaner ein klein wenig wählbarer für Afro-Amerikaner.

Sehr viel entscheidender dürfte aber der verschenkte „Bounce“ sein, den sich die Republikaner vom Parteitag erhofft hatten: Die Einschaltquoten, die im Allgemeinen ein guter Prädiktor für den Umfrage-Effekt der Nominierungsparteitage sind, lagen im Schnitt etwa 30 Prozent unter den Einschaltquoten von 2008. Und tatsächlich: Die Umfrage-Effekte fallen bislang eher mager aus, wenn man sie mit früheren Effekten von Nominierungsparteitagen vergleicht. Ein „Game Changer“ sieht definitiv anders aus.

Romney muss nun also hoffen, dass der große Spendenvorsprung, den er mittlerweile angesammelt hat, sich in den nächsten Wochen für ihn auszahlt. Denn ab sofort dürfen diese Spendengelder nun für den Hauptwahlkampf eingesetzt werden. Auf weitere „Game Changer“ kann Romney kaum hoffen, sieht man einmal von der unwahrscheinlichen Möglichkeit ab, dass Obama oder Biden in den TV-Duellen im Oktober komplett versagen…

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