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Campaignwatch: Hat Mitt Romney Menschenleben auf dem Gewissen? Oder: Wie schmutzig will der US-Wahlkampf noch werden?

8. August 2012
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Wir erinnern uns: Im Mai sorgte der Angriffsspot „Steel“ der Obama-Kampagne (und seine inoffizielle Fortsetzung „Heads or Tails“ vom pro-demokratischen Super-PAC Priorities USA Action) für einiges (mediales) Aufsehen, da er auf sehr eingängige und persönliche Weise von den (angeblichen) Folgen von Romneys Arbeit bei Bain Capital berichtete. Joe Soptic, ein ehemaliger Stahlarbeiter bei GST Steel, der 30 Jahre lang in seinem Beruf gearbeitet hat, erzählte (zusammen mit ehemaligen Kollegen) auf herzzereißende Weise, wie Romney mit Bain Capital seinen Arbeitsplatz und damit auch sein Leben zerstörte:

Auch wenn Romneys Team umgehend eine Response Ad veröffentlichte, die Romneys Wirken bei Bain Capital als eine Art Beschäftigungsprogramm darzustellen versuchte: Der „Steel“-Spot von Obama saß. Auch durch seine teilweise – gerade für amerikanische Ohren – drastische Sprache. So erinnert sich einer der Arbeiter in dem Spot an Romney und seine Kollegen: „It was like a vampire. They came in and sucked the life out of us.“

Aber genug der Vorrede: Gestern hat Priorities USA Action nun den (von einigen Beobachtern vielleicht lang ersehnten) dritten Teil der „GST Steel-Trilogie“ veröffentlicht, Titel: „Understands“. Und dieser schickt sich an, für noch mehr Aufsehen zu sorgen als sein Vorgänger. Denn gegen die Angriffe des neuen Spots wirken die Angriffe aus dem ersten „Steel“-Spot wie ein lockeres Aufwärmprogramm:

Wieder treffen wir in dem neuen Spot auf Joe Soptic, den ehemaligen Stahlarbeiter von GST Steel. Die Geschichte, die er uns nun erzählt, ist allerdings noch einmal deutlich dramatischer als seine Ausführungen im ersten „Steel“-Spot:

When Mitt Romney and Bain closed the plant, I lost my healthcare, and my family lost their healthcare.  And a short time after that my wife became ill.

I don’t know how long she was sick and I think maybe she didn’t say anything because she knew that we couldn’t afford the insurance, and then one day she became ill and I took her up to the Jackson County Hospital and admitted her for pneumonia and that’s when they found the cancer and by then it was stage four.  It was, there was nothing they could do for her. And she passed away in 22 days.

I do not think Mitt Romney realizes what he’s done to anyone, and furthermore I do not think Mitt Romney is concerned.

Aus meiner Sicht haben wir es bei dem neuen „Understands“-Spot von Priorities USA Action mit dem bislang heftigsten Angriff im aktuellen US-Präsidentschaftswahlkampf zu tun. Denn die (nahegelegte) Botschaft ist klar: Romney ist verantwortlich für den Tod der Frau von Joe Soptic, ohne sein Wirken bei Bain Capital hätte sie die nötige medizinische Versorgung erhalten, die sie möglicherweise gerettet hätte. (Auch wenn Bill Burton, einer der Gründer von Priorities USA Action und ehemaliger stellvertretender Pressesprecher von Obama, diese Auslegung des Spots gegenüber der Washington Post als „überinterpretiert“ bezeichnete.)

Unabhängig davon, ob man diese Interpretation des Spots nun als übertrieben ansieht oder nicht, sollte angemerkt werden: Wie Journalisten von Politico.com herausfanden, starb Joe Soptics Ehefrau erst im Jahr 2006, also fünf Jahre nach der Schließung von GST Steel im Jahr 2001. Wie CNN zudem berichtet, war Frau Soptic anschließend über ihren eigenen Job krankenversichert, musste diesen allerdings aufgrund einer Verletzung aufgeben und verlor dadurch ihren Krankenversicherungsschutz, da der neue Job ihres Mannes – anders als sein Job bei GST Steel – keine Mitversicherung des Ehepartners einschloss.

Das ändert natürlich nichts an dem tragischen Umstand, dass Frau Soptic mit einer Krankenversicherung vermutlich länger gelebt hätte. Aber es relativiert durchaus Soptics Ausführung, dass seine Frau „a short time after that“ krank wurde und innerhalb von 22 Tagen starb. Hierzu Alexander Burns in seinem Politico-Beitrag: „The lapse in time between the plant closing and Soptic’s death doesn’t mean the ad is invalid, but it raises questions about the cause and effect relationship here.“

Burns konfrontierte auch Bill Burton von Priorities USA Action mit diesem Recherche-Ergebnis. Dessen Reaktion fiel so ausweichend wie vielsagend aus: „We’re illustrating how long it took for communities and individuals to recover from the closing of these businesses. Families and individuals had to find new jobs, new sources of health insurance and a way to make up for the pensions they lost. Mitt Romney has had an enduring impact on the lives of thousands of men and women and for many of them, that impact has been devastating.“

Fazit: „Wenn es besonders schmutzig wird, dann lass es deinen Super-PAC erledigen.“ So könnte man das Motto des neuen Angriffs des Obama-Lagers gegen Romney zusammenfassen. (Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, behauptete beim gestrigen Presse-Briefing, er habe den Spot noch nicht gesehen und könne sich deshalb nicht dazu äußern.) Dieses Motto ist zwar keineswegs neu, auch in früheren Wahlkämpfen kamen die heftigsten Angriffsspots fast immer von „unabhängigen“ Interessengruppen. Neu ist allerdings die Dimension der „Schmutzigkeit“ des Angriffs. Denn eine persönliche Verantwortung für den Tod von amerikanischen Zivilisten – das ist etwas, was meines Wissens bislang keinem Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf vorgeworfen wurde.

Nachtrag (09.08.2012): Heute hat die republikanische Parteizentrale eine Reponse Ad zum Angriffsspot von Priorities USA Action auf YouTube veröffentlicht. Der Spot zeigt u.a. einen Fernsehauftritt von Obamas stellvertretender Kampagnen-Managerin Stephanie Cutter, bei dem diese jegliche Verbindung zu Priorities USA Action und jegliches Wissen über den Tod von Joe Soptics Frau bestreitet. Diese Aussagen (und die Aufzeichnung eines Telefonats zwischen Stephanie Cutter und Joe Soptic) nimmt das RNC dann als Vorlage für einen Gegenangriff: „If they’re lying about this, what else are they lying about?“ Ob so ein Gegenangriff das beste Mittel ist, um einen Bumerang-Effekt des Spots zu unterstützen, darf bezweifelt werden…

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