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Neues aus der Forschung: Verständlichkeit und Dogmatismusgrad von Sigmar Gabriels Bankenpapier

7. August 2012

In der letzten und vorletzten Woche wurde ja viel über das sogenannte „Bankenpapier“ von Sigmar Gabiel berichtet. Die FAZ titelte lobend „Torschütze: Sigmar Gabriel“ und auch Peter Dausend von der Zeit war der Meinung, dass Gabriel mit dem Bankenpapier möglicherweise ein entscheidendes Wahlkampfthema gesetzt habe. In diesen und auch fast allen anderen Artikeln über Gabriels Thesenpapier zur Reform des Bankensektors wurde immer wieder v.a. die klare und deutliche Sprache des Papiers gelobt.

Ich habe mir das Bankenpapier von Gabriel deshalb nun vorgeknüpft und es einer Verständlichkeits- und Dogmatismusanalyse unterzogen, wie ich das zuvor auch schon mit zahlreichen Wahlprogrammen gemacht habe. Das Ergebnis ist relativ ernüchternd: Gabriels Thesenpapier fällt im Vergleich zu den unterschiedlichen Versionen des Bundestagswahlprogramms der SPD keineswegs außergewöhnlich verständlich und auch nicht überdurchschnittlich dogmatisch aus.

Abbildung 1: Verständlichkeit des Bankenpapiers von Gabriel

Zwar schneidet das Papier bei der Verständlichkeit etwas besser ab  (12,2 von 20 Punkten) als die Lang- und Kurzfassung des Bundestagswahlprogramms von 2009. Am besten vergleichbar ist das Thesenpapier aber eigentlich mit den „Acht Gründen“ der SPD von 2009, einer thesenartigen Zusammenfassung der wichtigsten Punkte aus dem Wahlprogramm. Denn schon das Kurzprogramm zur Bundestagswahl fällt etwa sieben Mal länger aus als das Bankenpapier. Vergleicht man nun die „Acht Gründe“ mit dem Bankenpapier (16,8 Punkte), so fällt die Verständlichkeit des Bankenpapiers wenig beeindruckend aus.

Noch unspektakulärer fällt der Dogmatismusgrad des Bankenpapiers aus. Hier erreicht Gabriel lediglich 0,4 Punkte auf der Dogmatismus-Skala von Ertel, die von 0 (sehr undogmatisch) bis 1 (sehr dogmatisch) reicht. Das ist exakt der selbe Wert, den auch die Langfassung des SPD-Wahlprogramms von 2009 erreicht und damit ein niedrigerer Wert als bei der Kurzfassung (0,45 Punkte) und den „Acht Gründen“ (0,58 Punkte).

Abbildung 2: Dogmatismusgrad des Bankenpapiers von Gabriel

Fazit: Verständlichkeit und Dogmatismusgrad von Gabriels Bankenpapier fallen – zumindest im Vergleich zu den Wahlprogrammen der SPD – eher durchschnittlich aus. Die Begeisterung der Journalisten dürfte also anders zu erklären sein. Offensichtlich dienten den Journalisten bei ihrer Wahrnehmung der Klarheit und Deutlichkeit von Gabriels Thesenpapier nicht Dokumente wie die Wahlprogramme als (unbewusste) Vergleichsbasis, sondern die (subjektive) Wahrnehmung einer allgemein schwer verständlichen und technokratischen Politikersprache, wenn es um das Thema Banken geht.

Nur so ist zu erkären, warum beispielsweise Peter Dausend von der Zeit geradezu in Verzückung gerät angesichts von Vokabeln wie „Abzocke“, „Erpressung“ und „Bankendiktat“ in Gabriels Papier. Dieser Befund macht daher wieder einmal deutlich: Verständlichkeit und Dogmatismus sind relative Konstrukte. Ein Text wie das Papier von Gabriel, das im Vergleich zu Wahlprogrammen nicht weiter auffallen würde, kann als besonders verständlich und dogmatisch erscheinen, wenn man es zu einem ganz bestimmten Ausschnitt von Politikersprache in Beziehung setzt, wie eben der Politikersprache zum Thema Banken. Allerdings: Dass diese besonders schwer verständlich und unverbindlich ausfällt, ist bislang bloß eine (implizite) Annahme der zitierten Journalisten. Ein wissenschaftlicher Beleg hierfür steht noch aus.

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