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„Ein Schuss in den Ofen“ – Interview mit Jan Kercher zu Mitt Romneys Auslandstrip

1. August 2012
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Der Hohenheimer Online-Kurier, die Online-Zeitung der Universität Hohenheim, hat unseren Blogger Jan Kercher zu seiner Einschätzung von Romneys Auslandsreise befragt. Mit freundlicher Genehmigung des Online-Kuriers können wir das Interview auch hier auf dem Blog veröffentlichen…

Jan Kercher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Hohenheim. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wahlkampf- und Verständlichkeitsforschung.

Online-Kurier: Herr Kercher, warum ist Mitt Romney noch mal gerade in Europa unterwegs?

Eigentlich sollte die Reise wohl so etwas wie eine PR-Tour werden. Obama hat mit seiner Auslandsreise im Wahlkampf 2008 mächtig Punkte einfahren können: Hunderttausende haben ihm in Deutschland zugejubelt, er hat viel Respekt für seine Truppenbesuche in Irak und Afghanistan bekommen, und er wurde, etwas ungewöhnlich für Wahlkämpfer, bereits von mehreren amtierenden Staats- und Regierungschefs empfangen.

In etwa das dürfte auch Mitt Romney im Sinn gehabt haben. Allerdings stehen die Chancen, dass er gewählt wird, um einiges geringer als bei Obama damals.

Online-Kurier: Und er scheint die Chancen nicht gerade verbessern zu wollen…

Tatsächlich hat er sich mit den Aussagen in London und Israel nicht nur Freunde gemacht. Das ist für ihn und sein Team v.a. deshalb ärgerlich, weil solche Auslandsreisen im Wahlkampf ja gerade zeigen sollen, dass man sich auch auf dem internationalen Parkett sicher bewegen kann und keine Peinlichkeiten produzieren wird, falls man Präsident wird. In London hat Romney nun aber genau das Gegenteil bewiesen – aus meiner Sicht war das also ein Schuss in den Ofen.

Romney ist aber generell dafür bekannt, sich öfter mal verbal zu vergaloppieren. Berühmt ist ja z.B. mittlerweile sein Zitat, dass er es genießen würde, Leute feuern zu können („I like being able to fire people.“): Sein Wahlkampf-Team hat deswegen auch nur ein Mindestmaß an öffentlichen Auftritten für ihn vorgesehen. London ließ sich allerdings nicht vermeiden: Da musste ein öffentlicher Termin her.

Aber auch hier hat man schon die Notbremse gezogen: Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Cameron waren keine Fragen an Romney erlaubt.

Online-Kurier: Warum eigentlich gerade Großbritannien, Polen und Israel? Warum nicht Deutschland?

Ich denke, dass er versucht, dem direkten Vergleich mit Obama zu entgehen. Deshalb wird er nicht nach Deutschland gekommen sein: Das Obama-Fieber von damals hätte er unmöglich toppen können.

Großbritannien, weil es der engste Verbündete der USA ist. Und weil die Olympischen Spiele zeitlich gerade  sehr gut passen. Durch seine Rolle als Organisator der Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City konnte er auch darauf zählen von den jetzigen Organisatoren empfangen zu werden.

Israel mit Sicherheit, weil es eine Schwachstelle Obamas ist: Er hat sich bisher nie so entschieden zu Israel und beispielsweise gegen Iran geäußert, wie das konservative und jüdische Wähler gerne hören würden. Hier kann Romney sein konservatives Profil schärfen – und seine Aussage, Jerusalem sei die Hauptstadt Israels hat ja nicht nur für Empörung, sondern bei manchen auch für Beifall gesorgt.

Und Polen: Damit will er wohl Wähler zuhause beeindrucken. In ein paar wichtigen Swing States, zum Beispiel Michigan, Pennsylvania, Ohio und Wisconsin leben viele polnische Einwanderer, die er sich mit einem Auftritt in Polen angeln will.

Online-Kurier: Beeindruckt die Reise denn tatsächlich irgendjemanden in den USA?

Ganz unter den Teppich kehren lässt sie sich sicher nicht. Zum Beispiel hat Obama fast zeitgleich mit dem Besuch Romneys in Israel eine Mini-Dokumentation veröffentlicht, die zeigt, wie eng Obamas Regierung eigentlich mit Israel und seinen Politikern zusammen arbeitet. Einerseits sicher, um das Gefühl auszuräumen, die Israelpolitik sei seine Schwachstelle, andererseits aber bestimmt auch, um damit Romney den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch die London-Patzer von Romney haben die Demokraten schon aufgenommen und zu einem Angriffs-Spot verarbeitet.

Aber einen besonders großen Wahlkampf-Effekt wird Romneys Auslandstrip sicherlich nicht haben – weder im positiven noch im negativen Sinn. Es geht im Wahlkampf ja bislang auch kaum um Außenpolitik. In den nächsten Wochen und Monaten wird es daher noch so einige Ereignisse geben, die eine deutlich größere Bedeutung für den Wahlausgang haben dürften.

Online-Kurier: Welche sind das?

Dieser oder nächste Woche wird voraussichtlich bekannt gegeben, wer Vizepräsident unter Romney werden soll. Dabei ist immer ganz wichtig, aus welchem Staat der kommt, denn das kann gerade bei einem Swing State die entscheidenden Prozentpunkte bringen. Dann erscheinen demnächst die neuen Arbeitsmarktzahlen – auch ein ganz wichtiges Wahlkampfthema.

Ende August und Anfang September sind dann die Nominierungsparteitage, erst bei den Republikanern, dann bei den Demokraten. Dabei ist auch ganz wichtig, wer dabei mehr positive Presse bekommt, wer mehr Zustimmung bei der Bevölkerung rausholen kann, z.B. auch durch prominente Gastredner. Obama verdankte seine landesweite Bekanntheit ja z.B. seiner umjubelten Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im Jahr 2004, als John Kerry noch der Präsidentschaftskandidat war.

Und krönender Höhepunkt im Wahlkampf sind dann natürlich die drei TV-Debatten im Oktober: Die können tatsächlich noch Verschiebungen auslösen, die für den Ausgang der Wahl entscheidend sein könnten – denn die Wahl wird allem Anschein nach sehr knapp ausgehen. Da zählt am Ende tatsächlich jede Stimme.

P.S.: Hier ein aktueller Beitrag von ABC zu Romneys Auslandstrip, der einen schönen Eindruck davon liefert, wie das Ganze in (Teilen) der heimischen Presse verarbeitet wird:

P.P.S.: Das haben sich die Demokraten natürlich nicht entgehen lassen und gleich einen schönen Zusammenschnitt der negativen Medien-Reaktionen auf Romneys Auslandstrip produziert:

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