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Campaignwatch: Werden die US-Waffengesetze nun doch noch zum Wahlkampfthema?

27. Juli 2012
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In den ersten beiden Tagen nach dem Amoklauf von Aurora sah es zunächst so aus, als wäre das Thema „Gun Control“ für beide Präsidentschaftskandidaten ein zu heißes Eisen, um es im Wahlkampf aufzugreifen. Denn bekanntlich ist die Waffenlobby in den USA keine ganz unbedeutende Einflussgruppe. Nun scheint sich Obama aber doch dazu entschlossen zu haben, das Thema auf die Wahlkampf-Tagesordnung zu setzen. In einer Rede vor der National Urban League (einer Bürgerrechtsorganisation, die sich für die Rechte von Afroamerikanern einsetzt) sprach Obama das Thema vorgestern mit recht deutlichen Worten an (ab Minute 28:30):

Hier der Wortlaut des betreffenden Rede-Ausschnitts:

I, like most Americans, believe that the Second Amendment guarantees an individual the right to bear arms. And we recognize the traditions of gun ownership that passed on from generation to generation – that hunting and shooting are part of a cherished national heritage. But I also believe that a lot of gun owners would agree that AK-47s belong in the hands of soldiers, not in the hands of criminals – that they belong on the battlefield of war, not on the streets of our cities.

I believe the majority of gun owners would agree that we should do everything possible to prevent criminals and fugitives from purchasing weapons; that we should check someone’s criminal record before they can check out a gun seller; that a mentally unbalanced individual should not be able to get his hands on a gun so easily. These steps shouldn’t be controversial. They should be common sense. So I’m going to continue to work with members of both parties, and with religious groups, and with civic organizations to arrive at a consensus around violence reduction.

In der selben Rede thematisierte Obama auch die Gefahr, dass nach schrecklichen Vorfällen wie dem in Aurora viel über neue Gesetze geredet würde, aber es letztlich meistens bei folgenlosen Forderungen bleiben würde. Auch die wichtigsten Grüne hierfür benannte Obama: politische Interessen, Blockade-Politik im Kongress, Lobbying und die Ablenkung der Aufmerksamkeit durch andere aktuelle und drängende Probleme. Aus seiner Sicht sei es deshalb wichtig, nicht nur auf eue Gesetze als Lösung zu bauen, sondern auch auf Präventionsprojekte und einen engeren Austausch zwischen betroffenen Gemeinden, z.B. durch das Lernen an Best-Practice-Beispielen (ab Minute 26:30):

Hier der Wortlaut der betreffenden Passage aus Obamas Rede:

And when there’s an extraordinary heartbreaking tragedy like the one we saw, there’s always an outcry immediately after for action. And there’s talk of new reforms and there’s talk of new legislation. And too often those efforts are defeated by politics and by lobbying and eventually by the pull of our collective attention elsewhere. But what I said in the wake of Tucson was we were going to stay on this, persistently. So we’ve been able to take some actions on our own, recognizing that it’s not always easy getting things through Congress these days. The background checks conducted on those looking to purchase firearms are now more thorough and more complete.

Instead of just throwing more money at the problem of violence, the federal government is now in the trenches with communities and schools and law enforcement and faith-based institutions with outstanding mayors like Mayor Nutter and Mayor Landrieu, recognizing we are stronger when we are work together. So in cities like New Orleans, we’re partnering with local officials to reduce crime using best practices. And in places like Boston and Chicago, we’ve been able to help connect more young people to summer jobs so that they spend less time on the streets. In cities like Detroit and Salinas, we’re helping communities set up youth prevention and intervention programs that steer young people away from a life of gang violence, and towards the safety and promise of a classroom.

Von republikanischer Seite war hingegen – erwartungsgemäß – wenig zu hören. Romney verstieg sich in einem NBC-Interview sogar zu der – nachweislich falschen – These, dass der Amokläufer von Aurora unrechtmäßig im Besitz seiner Waffen gewesen sei, was zeigen würde, dass das Problem nicht durch neue Gesetze zu lösen sei, sondern nur durch eine Veränderung des „Herzens der Amerikaner“ (was immer auch damit gemeint sein soll): 

Well this person shouldn’t have had any kind of weapons and bombs and other devices and it was illegal for him to have many of those things already. But he had them. And so we can sometimes hope that just changing the law will make all bad things go away. It won’t. Changing the heart of the American people may well be what’s essential, to improve the lots of the American people.

Ähnlich ausweichend äußerte sich auch der Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus, John Boehner:

I think that what’s appropriate at this point is to look at all of the laws that we already have on the books to make sure that they’re working as they’re intended to work, that they’re being enforced the way they’re intended to be enforced.

Fazit: Die Reaktionen von Obama und Romney auf das Massaker in Aurora fallen ziemlich genau so aus, wie man es vorhergesagt hätte. Romney versteckt sich hinter nichtssagen Floskeln, um einer Diskussion um wirkliche Konsequenzen auszuweichen und die Waffenlobby, eine der engagiertesten Unterstützer der Republikaner im Wahlkampf, nicht unnötig zu verägern.

Obama hingegen scheint für sich die Rechnung aufgemacht zu haben, dass bei Waffenliebhabern für ihn ohnehin nicht viele Stimmen zu holen sind, sondern eher bei denjenigen Wählern, die von ihm erwarten, dass er nun offen darüber spricht, wie solche Vorfälle in Zukunft besser verhindert werden könnten – und es anschließend nicht nur bei diesen Forderungen belässt.

Man darf gespannt sein, ob sich das Thema nun schnell wieder im Sande verläuft oder ob es den Wahlkampf nachhaltig beeinflussen wird. Zumindest hat Obama mit seiner Rede vor der National Urban League bereits die  „Brady Campaign to Prevent Gun Violence“ auf den Plan gerufen, die nun konkrete Pläne und Aktionen von Obama fordert: „The president said very similar things in his last campaign. A speech is not a plan.“ so der Präsident der Organisation, Dan Gross in einem Presse-Statement.

Ein aktueller Bericht der Brady Campaign („7 Reasons President Obama and Gov. Romney Must Lead on Solutions to Prevent Gun Violence“) verweist zudem darauf, dass die amerikanische Öffentlichkeit erwarte, dass das Thema auch in der ersten TV-Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten im Oktober behandelt würde:

The first presidential debate will be held in Denver, CO. President Obama and Gov. Romney will be asked about what they would do to prevent gun violence, and the public will expect them to offer solutions – solutions that they owe to the citizens of the state that experienced both the tragedies of Columbine and Aurora – solutions they owe our entire nation.

Spätestens im Oktober wissen wir also, welche Lobbygruppe sich bezüglich der Themenliste für die drei geplanten TV-Debatten zwischen Obama und Romney (und damit auch bei der Themensetzung für die heiße Phase des Wahlkampfs) durchsetzen konnte…

Nachtrag (28.07.2012): Es sollte jedoch nicht verschwiegen werden, dass sowohl die Anzahl der Gewalttaten als auch die Anzahl der Morde in den USA seit 1990 stetig gesunken ist, wie der Beitrag „The Declining Culture of Guns and Violence in the United States“ von John Sides auf dem Monkey Cage-Blog sehr deutlich zeigt. Vielleicht noch überraschender: Auch die Anzahl der US-Bürger, die bekunden, eine Waffe zu besitzen, hat seit den 1970er Jahren deutlich abgenommen.

Allerdings, auch das sollte erwähnt werden, wurde in einem heute journal-Beitrag vor zwei Tagen berichtet, dass die Waffenverkäufe nach dem Amoklauf von Aurora stark zugenommen haben. Der Grund: Viele Amerikaner wollen zurückschießen können, wenn sie einmal selbst mit einem Amokläufer konfrontiert sind. Als Vorbild dient dabei ein 71-jähriger Rentner, der vor Kurzem mit seiner Waffe einen Überfall auf ein Internet-Café in Flordia vereitelte und dabei von den Überwachungskameras gefilmt wurde:

One Comment leave one →
  1. Michael permalink
    27. Juli 2012 15:19

    Was mir grade Auffällt: Im Amerikanischen Wahlkampf geht es viel mehr darum, was die Kandidaten ‚glauben‘ bzw. welcher Meinung sie sind.
    Ich weiß nicht obs an der allgemeinen Mentalität liegt aber ich hab das Gefühl bei uns gehts mehr um Zahlen und Fakten.

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