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US-Wahlkampf, Lektion 17 (Teil 2): Zögere nicht, Zitate deines Gegners schamlos aus dem Zusammenhang zu reißen

24. Juli 2012
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Zur Zeit passiert so einiges im US-Präsidentschaftswahlkampf. So viel, dass man mit dem Bloggen kaum noch hinterher kommt. :) Aktuell haben wir es mal wieder mit einem schönen Beispiel für schamlos aus dem Zusammenhang gerissene Zitate des politischen Gegners zu tun. Anders als bei meinem letzten Beitrag zu diesem Thema, als die Demokraten Romneys Zitat „I’m not concerned about the very poor.“ schamlos aus dem Zusammenhang rissen, sind dieses Mal wieder die Republikaner und ihre Unterstützer die bösen Buben.

Es geht um Obamas Zitat „If you’ve got a business, you didn’t build that. Somebody else made that happen.“, das aktuell den Wahlkampf beider Seiten dominiert. Während Mitt Romney und seine Unterstützer alles tun, um das Zitat möglichst breit auszuschlachten (neben der Produktion zahlreicher Angriffsspots mit dem Zitat veranstaltete Romney beispielsweise eine Gesprächsrunde mit Unternehmensführern, bei der im Hintergrund eines riesigies „We Did Build It!“-Transparent zu sehen war), wehrt sich Obamas Kampagne mittlerweile mit einem eigenen Spot gegen die angebliche Verfälschung des Zitats:

Wie der in Obamas Spot zitierte Artikel der Washington Post zeigt, haben Obamas Wahlkämpfer Recht: Obamas Zitat wird in allen bisherigen Angriffsspots der Republikaner und ihrer Unterstützergruppen so aus dem Zusammenhang gerissen, dass nicht deutlich wird, was Obama damit eigentlich sagen wollte. Hier als Beispiel der Romney-Spot „These Hands“, auf den sich Obamas Konterspot bezieht, und zwar einmal in der Langversion für YouTube und einmal in der Kurzversion fürs Fernsehen:

In der Langversion sind folgende Rede-Ausschnitte von Obama zu hören und zu sehen: „If you’ve been successful, you didn’t get there on your own. You didn’t get there on your own. I’m always struck by people who think, well, it must be ’cause I was just so smart. There are a lot of smart people out there. It must be because I worked harder than everybody else. Let me tell you something: If you’ve got a business, you didn’t build that. Somebody else made that happen.“ Im TV-Spot bleibt davon dann nur noch Folgendes übrig: „If you’ve been successful, you didn’t get there on your own. If you’ve got a business, you didn’t build that. Somebody else made that happen.“ Ganz ähnlich verfahren Romneys erster Web-Spot zum „Build“-Zitat von Obama und die entsprechenden Angriffsspots der republikanischen Parteizentrale und der konservativen Unterstützergruppen.

Zum Vergleich hier nun der komplette Rede-Ausschnitt aus dem relevanten Teil von Obamas Rede, mit Fettungen der in Romneys Spot geschnittenen Stellen: „Let me tell you something: There are a whole bunch of hardworking people out there. If you were successful, somebody along the line gave you some help. There was a great teacher somewhere in your life. Somebody helped to create this unbelievable American system that we have that allowed you to thrive. Somebody invested in roads and bridges. If you’ve got a business, you didn’t build that. Somebody else made that happen.“ Die Obama-Kampagne hat mittlerweile auch ein Video mit dem vollständigen Reden-Ausschnitt online gestellt (relevante Passage ab Minute 2:02):

Sieht man das komplette Zitat von Obama, dann wird deutlich: Das „that“ in Obamas Satz „If you’ve got a business, you didn’t build that.“ bezieht sich nicht auf das „business“, sondern auf das „unbelievable American system that we have that allowed you to thrive“ bzw. die „roads and bridges“. Das ist also die eigentliche Aussage Obamas: Jeder unternehmerische Erfolg baut auf einer Vorleistung der Gesellschaft auf. Noch deutlicher wird dies, wenn man sich den Teil seiner Rede nach dem mittlerweile berühmten „You didn’t build that“-Zitat ansieht: „The internet didn’t get invented on its own. Government research created the internet so that all the companies could make money off the internet.“

Obama wollte also keineswegs sagen, dass er der Meinung ist, dass Unternehmen nicht von ihren jeweiligen Gründern selbst aufgebaut wurden. So wird es nun aber bewusst von seinen republikanischen Kontrahenten ausgelegt und durch die Auslassung der entscheidenden Passagen seiner Rede wirkt dies auch vollkommen plausibel.

Fazit: Mal wieder zeigt sich, wie leicht man ein auf den ersten Blick so eindeutiges Zitat durch das Weglassen des entsprechenden Kontextes (oder durch das Herausschneiden von Teilen des Zitates selbst) in seiner Bedeutung verzerren kann. Das bedeutet nun aber nicht unbedingt, dass man deshalb unbedingt Mitleid mit Obama und seinen demokratischen Unterstützern haben muss. Schließlich haben diese bereits dasselbe – oder zumindest sehr ähnliches – mit Zitaten von Mitt Romney gemacht und werden es sicher wieder tun, sobald sich die nächste Gelegenheit dazu bietet.

Dazu kommt: Obama hätte bei seiner Rede eigentlich bewusst sein müssen, dass diese Passage leicht aus dem Zusammenhang gerissen und gegen ihn verwendet werden kann, weil sie auch in der vollständigen Version schon hart an der Grenze zur Beleidigung der amerikanischen „Jeder ist seines Glückes Schmied“-Mentalität verläuft. Ich bin deshalb nach wie vor davon überzeugt, dass Obama an dieser Stelle seiner Rede spontan vom eigentlichen Rede-Manuskript abgewichen ist. (Andernfalls sollte er schleunigst den verantwortlichen Reden-Schreiber feuern.)

Offensichtlich ist man sich im Obama-Team aber der Bedeutung der aktuellen Angriffe der Gegenseite durchaus bewusst. Anders ist die umgehende und umfassende Konterattacke kaum zu erklären, die auch ein neues YouTube-Video von Stephanie Cutter, der stellvertretenden Kampagnen-Managerin von Obama, beeinhaltet. Und ein Video von Stephanie Cutter ist immer ein sicheres Indiz dafür, dass Romney oder seine Unterstützer gerade etwas machen, das dem Obama-Team gefährlich erscheint. Oder – aus der Sicht von Romney formuliert: Dass die Republikaner gerade etwas richtig machen.

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