Skip to content

Campaignwatch: „If you’ve got a business, you didn’t build that“ – Obama verschafft dem US-Wahlkampf ein neues Aufreger-Thema

20. Juli 2012
tags:

Es gibt einige Dinge, auf die man sich im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf verlassen kann. Dazu zählt auch die Tatsache, dass sich die Präsidentschaftskandidaten in regelmäßigen Abständen „verplappern“ und dem gegnerischen Lager so eine willkommene Vorlage für Angriffsspots liefern. Ich habe bereits mehrere Blog-Beiträge zu diesem Thema geschrieben (siehe Link-Liste weiter unten), was v.a. daran liegt, dass nicht nur Romney, sondern auch Obama zuverlässig immer wieder in ein verbales Fettnäpfchen tritt. Beispiele hierfür sind die Romney-Zitate „Let Detroit go bancrupt.„, „I don’t care about the very poor.„, „I like being able to fire people.“ oder die beiden Obama-Zitate „I don’t think that they are better off than they were three years ago.“ und „The private sector is doing fine.

Dabei ist es oft ziemlich unerheblich, dass die Zitate, wenn man sie in ihrem jeweiligen Kontext sieht, kaum für Aufsehen sorgen würden. Denn meistens entwickeln die Zitate sehr schnell ein mediales Eigenleben und werden nach einiger Zeit selbst von Journalisten kaum noch hinterfragt, sondern nur noch weiter transportiert. Darauf hinzuweisen, dass das Zitat doch vollkommen aus dem Kontext gerissen sei und das alles doch eigentlich ganz anders gemeint sei, wirkt dann auf die meisten Zuschauer (die keine Motivation haben, sich mit den genauen Hintergründen zu beschäftigen) nur noch wie verzweifelte Vertuschungsversuche.

Natürlich führt das dazu, dass bei der Planung von Wahlkampf-Reden und -Statements jedes Wort und jede Formulierung auf die Goldwaage gelegt wird. Aber angesichts der enormen Menge an Reden und Statements, die beide Präsidentschaftskandidaten zur Zeit produzieren, der Dauerpräsenz von Kameras und der Möglichkeit, dass jeder noch so kleine (und eventuell spontane) Teil dieser Reden potenziell als Vorlage für Angriffe der Gegenseite dienen kann, verwundert es kaum, dass es trotzdem immer wieder zu sog. „gaffes“ (verbalen Ausrutschern) kommt, die dann genüsslich ausgeschlachtet werden.

Aktuell ist Barack Obama mal wieder in die Falle getappt. Bei einer Wahlkampfrede ließ er sich zu der (meiner Einschätzung nach) spontanen Bemerkung hinreißen: „If you’ve got a business, you didn’t build that.“ Was Obama damit sagen wollte (das wird aus dem Kontext seiner Bemerkung deutlich): Keiner kann ganz alleine erfolgreich sein. Alle individuellen Erfolge beruhen letztendlich immer auf bestimmten Vorleistungen von anderen, oder allgemeiner: auf der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Als Unternehmer ist man für seinen Erfolg z.B. darauf angewiesen, dass die öffentliche Infrastruktur funktioniert.

Die Reaktion von Romneys Kampagne ließ nicht lange auf sich warten. Der erste Schritt: Man stellte Obamas T-On unverzüglich auf YouTube. Zunächst vollkommen ohne Einbettung (offensichtlich sollte es schnell gehen), dafür aber fünf (!) Mal hintereinander geschnitten:

Der zweite Schritt: Man produzierte zwei Web-Spots, die Obamas Bemerkung in einen bestimmten Kontext einbetteten und ihm somit den erwünschten „Spin“ bzw. „Dreh“ gaben. Zum einen ein Video („These Hands“), in dem sich ein Kleinunternehmer über die Respektlosigkeit gegenüber dem Unternehmertum beschwert, die aus Obamas Zitat (angeblich) hervorgeht (der Spot wurde heute noch in gekürzter Version als TV-Spot veröffentlicht). Zum anderen einen Spot, in dem sich Mitt Romney auf ähnliche Weise über Obamas Ausspruch mokiert:

In solch einer Situation stellt sich für den Angegriffenen immer die Frage, ob und wenn ja, wie man auf die Angriffe reagieren soll. Handelt es sich um vollkommen haltlose und überzogene Angriffe, so kann es eventuell das Beste sein, gar nicht (oder zumindest nicht öffentlich) zu reagieren und auf einen Bumerang-Effekt der Angriffe zu hoffen (oder diesen noch zusätzlich durch die Weiterleitung von Hintergrundmaterial an Journalisten zu unterstützen). Falls es sich aber um Angriffe handelt, die dazu geeignet sind, den Wahlkampf des Angegriffenen ernsthaft und nachhaltig zu beschädigen (z.B. weil sie gut zu bereits bestehenden Vorwürfen passen), dann ist eine möglichst schnelle und umfassende Reaktion angeraten.

Offensichtlich ist man in Obamas Wahlkampfteam zu der Einschätzung gelangt, dass es sich bei der jüngsten Angriffswelle von Romney um einen Fall der zweiten Kategorie handelt. Dann man hat dort relativ rasch einen Konterspot produziert, der eine Doppelstrategie enthält: Zum einen wird Obamas Zitat in den entsprechenden Kontext seiner Rede gestellt. Zum anderen wird anhand von Zitaten Romneys der Gegenangriff eingeleitet, der lautet: Romney sagt doch eigentlich genau dasselbe wie Obama und versucht trotzdem so zu tun, als ob Obama der Böse wäre. Oder anders formuliert: Er wird euch alles erzählen, wenn es irgendwie seine Wahlchancen verbessern könnte („Mitt Romney: Saying Anything to Get Elected“).

Fazit: Romneys Wahlkämpfer haben gut erkannt, dass es sich bei Obamas Zitat um eine äußerst vielversprechende Vorlage handelt. Denn egal, ob man sein Zitat mit oder ohne Kontext betrachtet: Obamas Äußerungen widersprechen dem ur-amerikanischen Anspruch des „Do it yourself“ bzw. der „selfmade career“: Jeder kann erfolgreich sein, wenn man es nur will und an sich glaubt. Dass dabei natürlich auch gesellschaftliche Strukturen und Grundlagen eine Rolle spielen, wird meistens ausgeblendet, weil es nicht in das amerikanische Selbstbild passt, in dem das Inviduum im Mittelpunkt steht und nicht die Gemeinschaft.

Obamas Ausführungen mögen für uns Deutsche nachvollziehbar und vielleicht sogar sympathisch klingen, weil es in Deutschland sehr viel selbstverständlicher ist, dass der Einzelne auch auf die Hilfe der Gemeinschaft angewiesen ist. Für die Ohren vieler Amerikaner dürften sie aber fast schon klingen, als wolle Obama bald den Kommunismus ausrufen – oder zumindest, als sei er „out of touch“ mit der Lebenswelt des „normalen Amerikaners“. Und genau darauf dürften Mitt Romney und sein Wahlkampfteam setzen.

P.S.: Ich sehe gerade, dass der pro-republikanische Super-PAC American Crossroads bereits nachgezogen hat und ebenfalls einen Spot zu Obamas „You didn’t build that“-Zitat veröffentlicht hat, der das Zitat sogar ganz explizit als Beleg dafür anführt, dass Obama „out of touch“ sei:

Und hier noch eine Übersicht mit früheren Blog-Beiträgen mit Bezug zum Thema:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: