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Campaignwatch: Wie Obama, Romney und die Washington Post die Wahlkampf-Berichterstattung für sich nutzen

2. Juli 2012

In den letzten Wochen und Monaten haben Mitt Romneys Konkurrenten und Gegner aus der republikanischen und demokratischen Partei immer wieder aggressive Attack Ads zu seiner Bain Capital-Vergangenheit produziert. Auffälligerweise verzichtete Romneys Kampagne bislang auf direkte Response Ads. Offensichtlich war man bemüht, das Thema nicht größer zu machen als es ohnehin schon war und hoffte vermutlich darauf, dass es sich irgendwann von selbst totlaufen würde.

Nun hat sich diese Strategie jedoch plötzlich und auf sehr eindrückliche Weise geändert. Anlass hierfür war ein Artikel in der Washington Post, den ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt hatte. In diesem Artikel wird dargelegt, dass Bain Capital (Romneys ehemaliger Arbeitgeber) für die Verlagerung zahlreicher amerikanischer Arbeitsplätze ins Ausland verantwortlich war.

Offensichtlich ist man in Romneys Wahlkampfteam nun zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei diesem Vorwurf (vermutlich nicht zuletzt aufgrund der äußerst seriösen Quelle des Vorwurfs) um ein ernst zu nehmendes Problem für die Kampagne handeln könnte. Denn Romneys Wahlkampfmanager versuchten umgehend, die Berichterstattung der Washington Post anhand eigener Daten zu widerlegen und die Washington Post zu einer Gegendarstellung zu bewegen. Allerdings erfolglos: Die Washington Post bleibt bei ihren Aussagen.

Der Washington Post-Artikel dürfte auf der anderen Seite, in Obamas Wahlkampfteam, für knallende Sektkorken gesorgt haben (und es ist nicht auszuschließen, dass einige der Informationen, die als Grundlage für den Artikel dienten, von hier aus zur Washington Post „durchgesteckt“ wurden). Dort hat man nun die optimale Grundlage für zahlreiche weitere Attack Ads, Stichwort: Opportune Zeugen. Wie schön sich der Washington Post-Artikel von Obamas Team nutzen lässt, sieht man zum Beispiel an diesem aktuellen Spot:

Zwar kann Romneys Team nichts gegen die Berichterstattung der Washington Post unternehmen (so lange diese nicht nachweisbar falsche Fakten verbreitet, was offensichtlich nicht der Fall zu sein scheint). Aber man kann natürlich Response Ads schalten und genau das hat man nun getan. Dabei greifen auch Romneys Spotmacher auf das altbewährte Mittel der opportunen Zeugen zurück. Und setzen dabei amüsanter Weise ebenfalls auf die Berichterstattung der Washington Post, die einem von Obamas aktuellen Angriffsspots bescheinigt: „On just about every level, this ad is misleading, unfair and untrue“.

Das Ganze wird noch ergänzt um ein Zitat von Obamas ehemaliger innerparteilicher Konkurrentin und heutigen Außenministerin Hillary Clinton. Diese hatte Obama noch im Wahlkampf 2008 vorgeworfen: „He continues to spend millions of dollars perpetuating falsehoods. So shame on you, Barack Obama!“ (Ein Vorwurf, der sie allerdings nicht davon abhielt, nach Obamas Wahlsieg Teil seines Regierungsteams zu werden.)

Aber zurück zur Washington Post: Wie kann es sein, dass beide Kandidaten die selbe Zeitung zitieren, um ihre jeweiligen Angriffe auf den Gegner zu rechtfertigen? Nun, zunächst einmal bezieht sich der Angriffsspot von Obama auf einen anderen Washington Post-Artikel als der Spot von Romney. In dem Beitrag, der in Romneys Spots zitiert wird, beschäftigte sich die Washington Post mit folgendem Obama-Spot und verlieh diesem abschließend „vier Pinocchios“, was der Höchstwertung des Washington Post Fact Checkers für unwahre Tatsachenbehauptungen im Wahlkampf entspricht.

Die Washington Post hat sich nun aber auch mit der Zitierung ihres Bain Capital-Artikels in den aktuellen Angriffsspots von Obama beschäftigt und kommt zu folgendem Ergebnis: „The Obama campaign moved quickly to define what the article said, claiming that this transfer of jobs took place while Romney ran Bain. That’s not what the original article said. Yet the campaign clearly seized on this report because their interpretation fit with a long-term ‚outsourcing‘ attack they have waged against Romney. One of their outsourcing ads before the article ran, in fact, earned Four Pinocchios. These new ads would not fare much better; there is little in the Post article that backs up the Obama campaign’s spin.“

Wurde der Washington Post-Artikel also von Obamas Wahlkampfteam absichtlich falsch interpretiert, ohne, dass es hierfür irgendeinen Anlass gab? Nicht ganz. Denn wie die Washington Post selbst anmerkt, lautet die Überschrift zu ihren Artikel in der Online-Ausgabe: „Romney’s Bain Capital invested in companies that moved jobs overseas“. Und nicht wie in der Print-Ausgabe: „Bain’s Firms Sent Jobs Overseas.“ Meiner Meinung nach hat es die Washington Post mit ihrer Online-Ausgabe des Artikels und der – in meinen Augen eindeutig irreführenden Überschrift – also durchaus ein wenig darauf angelegt, falsch verstanden zu werden. Schließlich sorgt so etwas nicht nur für Wahlkampffutter für Obama, sondern auch für Aufmerksamkeit für die Washington Post und ihre Berichterstattung.

Fazit: Die Feststellung der Washington Post, dass sie durch die Übernahme ihrer Zitate durch beide Präsidentschaftskampagnen „in a bit of a strange position“ gebracht wurde, mag durchaus zutreffen. Allerdings ist sie daran nicht ganz unschuldig – und hat es womöglich sogar genau darauf angelegt. Was lernen wir daraus? Nicht nur die beiden Präsidentschaftskandidaten versuchen, die mediale Vermittlung des Wahlkampfs für sich zu nutzen. Auch die Massenmedien selbst verfolgen ihre eigenen (kommerziellen) Interessen und versuchen, den Wahlkampf als Werbeplattform für ihre eigene Berichterstattung zu nutzen. Auch das sollte man also im Hinterkopf haben, wenn man die amerikanische Wahlkampfberichterstattung verfolgt…

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