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US-Wahlkampf, Lektion 22: Erlaube dir keine Fehler bei der Auswahl deines Vize-Kandidaten

28. Juni 2012
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Wer das Buch „Game Change“ der beiden Journalisten John Heilemann and Mark Halperin gelesen oder dessen Verfilmung gesehen hat, der weiß: Die Auswahl des Kandidaten (oder der Kandidatin) für das Amt des Vize-Präsidentin kann entscheidend für den Auswahl der Präsidentschaftswahl sein. (Und wer Buch oder Film noch nicht kennt, dem sei dringend zu einer Änderung dieses Zustands geraten. :-))

Der Wahlkampf von John McCain befand sich zum Zeitpunkt der Auswahl von Sarah Palin als Vize-Kandidatin in einer verzweifelten Lage: Alle Umfragen sahen Obama mit einem deutlichen Vorsprung vor McCain, dem das schlechte Image der Bush-Regierung anhaftete und der große Wunsch der Bevölkerung nach einem grundlegenden politischen Wechsel schadete. Hinzu kam der Umstand, das McCain aufgrund seiner politischen Vita massive Probleme mit der Mobilisierung des konservativen Parteiflügels hatte. McCains Team gelangte daher zu der Überzeugung, dass man dringend einen „Game Changer“ bräuchte. Also eine aufsehenerregende Aktion, die die Karten im Wahlkampf noch einmal neu verteilen würde.

Und so kam man schließlich auf die folgenschwere Idee, die weitgehend unbekannte und international absolut unerfahrene, aber charismatische und grundkonserative Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, als Vize-Kandidatin auszuwählen. Im ersten Moment sah alles nach einem großen Coup von McCain aus: Seine Umfragewerte besserten sich, die frisch gekürte Kandidatin schlug sich gut in den ersten Wahlkampf-Veranstaltungen und löste sogar einen kleinen Palin-Hype aus.

Dann aber kam das böse Erwachen: Palin leistete sich immer mehr peinliche Fehltritte in den Medien und wurde so zu einer tickenden Zeitbombe für das Wahlkampf-Team von McCain. Alle verzweifelten Versuche, die Situation mit Crash-Kursen über Außenpolitik und einer strengeren Überwachung von Palins Medienkontakten unter Kontrolle zu bekommen, scheiterten: Palin war in kürzester Zeit von der „Game Changerin“ zur Belastung für den Wahlkampf geworden, wie dieser Film-Trailer schön zeigt:

Wie man in einem lesenswerten Beitrag von Carl M. Cannon auf RealClearPolitics erfährt, war McCain aber keineswegs der Erste, der versuchte, die Vizepräsidenten-Auswahl zum „Game Changer“ zu machen. Cannon listet in seinem Artikel acht historische Strategien auf, nach denen Vizepräsidenten-Kandidaten typischerweise ausgewählt werden. Darunter auch die Strategie „Hail Mary“, die man nach 2008 auch als „Hail Sarah“ bezeichnen könnnte.

Hier eine Übersicht mit allen von Cannon beschriebenen Auswahl-Strategien, ergänzt um historische Beispiele und Anwendungen auf den aktuellen Wahlkampf von Mitt Romney:

  • Geography: Häufig wird versucht, einem Kandidaten aus dem Norden einen Vize-Kandidaten aus dem Süden zur Seite zu stellen – oder andersherum. Auf diese Weise kann man die unterschiedlichen Kulturen in beiden Landesteilen in die Kampagne einbinden und den Vorwurf vermeiden, dass größere Bevölkerungsgruppen „ausgeschlossen“ würden. Sollte Romney (aus Massachusetts) heute nach diesem Prinzip verfahren, so würde er vermutlich Bob McDonnell (Gouverneur von Virginia), Mike Huckabee (früherer Gouverneur von Arkansas), Marco Rubio (Senator aus Florida) oder Jeb Bush (ehemaliger Gouverneur von Florida) auswählen.
  • Ideological Balance: Häufig wird auch versucht, einen besonders konservativen Vize-Kandidaten auszuwählen, der einen eher moderaten Präsidentschaftskandidaten „ausgleicht“ – oder andersherum. Auch bei Sarah Palin spielte dieses Argument eine wichtige Rolle, da McCain in vielen Fragen eher als gemäßigter Republikaner galt. Im aktuellen Wahlkampf wurde deshalb immer wieder über Vize-Kandidaten wie Mike Huckabee, Marco Rubio oder sogar Rick Santorum spekuliert, die Romneys moderates Image um ein konservatives Profil erweitern könnten.
  • Doubling Down: Hier gilt die Botschaft an die Wähler: „Wir meinen es ernst!“ Mit anderen Worten: Der Vize-Kandidat wird so ausgewählt, dass er dem Präsidentschaftskandidaten politisch möglichst ähnlich ist. Bill Clintons Wahl von Al Gore als Vize-Kandidaten wäre ein Beispiel für diese Strategie. Für Romney käme hier eigentlich nur der frühere Gouverneur von Utah (und frühere Präsidentschaftskandidat) Jon Huntsman in Frage. Aber daran glaubt eigentlich niemand.
  • Complementary Choice: Immer wieder wird auch versucht, bestimmte offensichtliche Schwächen des Präsidentschaftskandidaten durch die Wahl des Vize-Kandidaten auszugleichen. Zum Beispiel einen „Washington Insider“ (was in den USA ein Schimpfwort ist) durch jemand unverbrauchten „von außen“ zu ergänzen – oder umgekehrt. Auf diese Weise kann man einen „Wechsel“-Wahlkampf führen, auch wenn der eigentliche Kandidat keinen wirklichen politischen Wechsel darstellen würde – wie im Fall von McCain und Palin. Auch die Auswahl von Joe Biden als Vize-Kandidat für Obama fällt in diese Kategorie. Denn Obama versuchte mit dem „alten Hasen“ Biden, seine mangelnde außenpolitische Erfahrung und seinen geringen Einfluss im Washingtoner Politikbetrieb auszugleichen. Im aktuellen Wahlkampf kämen für Romney nach dieser Strategie v.a. Chris Christie (Gouverneur von New Jersey), Paul Ryan (Abgeordneter aus Wisconsin), Marco Rubio oder Tim Pawlenty (früherer Gouverneur von Minnesota) in Frage. Christie ist – anders als Romney – ein guter und mitreißender Redner und kommt gleichzeitig – anders als Romney – aus kleinen Verhältnissen. Dasselbe gilt für Ryan, Rubio und Pawlenty.
  • Diversity: Selten wurde bislang versucht, mit der Wahl des Vize-Kandidaten auch eine gewisse Diversität der Regierungsmannschaft abzubilden. Im Wahlkampf 2008 setzten aber beide Parteien auch auf diese Strategie: Obama wäre vermutlich nie auf den Gedanken gekommen, auch als Vize-Präsidenten einen Afro-Amerikaner zu benennen. Und McCain versuchte, durch die Wahl einer Frau seinen fast hoffnungslosen Rückstand bei den weiblichen Wählern auszugleichen. Im aktuellen Wahlkampf wurde aus dem selben Grund viel über den kubanisch-amerikanischen Marco Rubio als Vize-Kandidat von Romney spekuliert. Mittlerweile hat Romney aber verkündet, dass Rubio nicht zum Kreis der möglichen Vize-Kandidaten zählt. Bleibt die Möglichkeit einer weiblichen Vize-Kandidatin. Hier kämen beispielsweise die Senatorin Kelly Ayotte aus New Hampshire oder die Gouverneurin von Oklahoma, Mary Fallin, in Frage.
  • Doing The Heavy Lifting: Hierbei handelt es sich eigentlich nur um eine Unterstrategie des „Complementary Choice“. Als Vize-Kandidat wird in diesem Fall jemand gewählt, der die offensichtliche politische Unerfahrenheit des Präsidentschaftskandidaten ausgleichen kann. Wie zum Beispiel Dick Cheney bei George W. Bush oder eben Joe Biden bei Barack Obama. Auch nach dieser Strategie wären Chris Christie, Jeb Bush und Paul Ryan geeignete Vize-Kandidaten für Romney. Allerdings ist Romneys Hauptproblem sicherlich nicht seine mangelnde politische Erfahrung.
  • Running Alone: Wenn man als Präsidentschaftskandidat eigentlich gar keine Lust hat, sich mit einem populären und im schlimmsten Fall aufmüpfigen Vize-Kandidaten abzugeben, dann wählt man am besten einen möglichst farblosen, aber erfahrenen Politiker, der niemandem weh tut. Ein historisches Beispiel wäre Dan Quayle, der Vize-Präsident unter George Bush Senior. Im aktuellen Wahlkampf entspricht diesem unauffälligen, risikolosen Vize-Kandidaten-Typ wohl am ehesten Tim Pawlenty.
  • Hail Mary: Die bereits weiter oben ausgeführte „Game Change“-Strategie. Wähle einen Vize-Kandidaten, den niemand erwartet hat und der deshalb für große Medienaufmerksamkeit und – im besten Fall – einen Sprung in den Umfragewerten sorgt. Nur sollte dieser Sprung auch möglichst nachhaltig sein, was bei Sarah Palin eben nicht der Fall war. Ebenso wenig wie bei den meisten anderen Kandidaten, die nach dem „Hail Mary“-Prinzip ausgewählt wurden, wie z.B. auch Richard Schweiker, der Vize-Kandidat von Ronald Reagan im Jahr 1976. Nach dem Palin-Desaster wird wohl kaum jemand in Romneys Team daran denken, noch einmal ein ähnliches Risiko einzugehen. Umso weniger, als Romneys aktuelle Lage einen grundlegenden „Game Change“ gar nicht erfordert.

Fazit: Egal, wie sich Romney letztlich entscheidet, er sollte dabei auf einen Rat von John McCain hören, den dieser in einem ABC-Interview zum Besten gab (und der sicherlich seine eigenen Erfahrungen widerspiegelt, denn bezeichnenderweise spricht er nur von einem „him“, nicht von einer „her“): „The absolute most important aspect is, if something happened to him, would that person be well qualified to take that place?“ Denn wenn sich der Kandidat selbst diese Frage nicht stellt, dann übernehmen das gerne die Medien für ihn. Zu was dies führt, lässt sich eindrucksvoll und abschreckendend am Beispiel von Sarah Palins kurzer Zeit als „Next American Vice President“ demonstrieren.

P.S.: Wer immer auf dem aktuellsten Stand sein will, was die Spekulationen um Romneys Vize-Kandidaten angeht, der sollte sich mal die Seite „Veepstakes“ des Google-Blogs „Politics & Elections“ genauer anschauen.

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