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Neues aus der Forschung: Der alte und neue NRW-Koalitionsvertrag im Vergleich

19. Juni 2012

Zur Abwechslung heute mal wieder ein Blog-Betrag zur aktuellen deutschen Politik. In Nordrhein-Westfalen wurde gestern der Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Regierung vorgestellt. Da fragt man sich natürlich, was sich zum vorherigen Koalitionsvertrag geändert hat bzw. ob sich überhaupt etwas geändert hat. Schließlich wurde der von den beiden selben Parteien geschlossen und das erst vor zwei Jahren. Ich habe deshalb mal wieder eine kleine Blitz-Analyse zu den häufigsten Begriffen, der Verständlichkeit und dem Dogmatismusgrad der beiden Koalitionsverträge durchgeführt. Hier die Ergebnisse.

Umfang und häufigste Begriffe

Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Koalitionsverträgen fällt einem auf, wenn man beide in der Hand hält: Während der Vertrag von 2010 noch mit 89 Seiten auskommt, hat der Vertrag von 2012 189 Seiten, also exakt 100 Seiten mehr. Etwas genauer, nämlich in Wörterzahl ausgedrückt, heißt das: Etwa 37.000 Wörter waren es im Jahr 2010, etwa 61.000 Wörter sind es im Jahr 2012.

Und welche Wörter? Hierfür habe ich von beiden Verträgen wieder ein Wordle angefertigt (mit Hilfe von wordle.net). Der Vergleich beider Wortwolken zeigt: Trotz des deutlich größeren Umfangs des neuen Koalitionsvertrags ähneln sich die begrifflichen Schwerpunkte beider Verträge stark. In beiden Verträgen fallen neben „NRW“ bzw. „Nordrhein-Westfalen“ v.a. die Begriffe „Kommunen“, „Menschen“, „stärken“ und „unterstützen“. Kleine Unterschiede sind bei den Begriffen „Förderung“ und „Entwicklung“ zu entdecken, die im neuen Vertrag etwas stärker betont werden  als im Vertrag von 2010.

Offensichtlich werden die Inhalte von 2010 also 2012 im Wesentlichen etwas umfangreicher umschrieben, eine grundlegende Schwerpunktänderung findet im neuen Vertrag nicht statt – soweit sich das anhand einer Wortwolken-Analyse abschätzen lässt. Dieses Ergebnis entspricht allerdings auch den Erwartungen (und Ankündigungen), denn Rot-Grün hatte ja im Wahlkampf bereits betont, dass nach der Wahl v.a. die Arbeit der letzten zwei Jahre fortgeführt werden soll.

Die 75 häufigsten Wörter im Koalitionsvertrag von 2010

Die 75 häufigsten Wörter im Koalitionsvertrag von 2012

Dogmatismusgrad

Den Dogmatismusgrad kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1, wobei die von uns bislang untersuchten Wahlprogramme lediglich Werte zwischen 0,26 und 0,59 Punkten aufwiesen (höhere Werte erreichen vermutlich nur extremistische Parteien).

Auch beim Dogmatismusgrad ergeben sich kaum Veränderungen zwischen altem und neuem Koalitionsvertrag: Der neue Vertrag weist einen geringfügig niedrigeren Dogmatismusgrad auf als der Vertrag von 2010. Der Unterschied ist jedoch so gering, dass man hieraus kaum belastbare Schlüsse ziehen kann. Auffälliger ist hingegen der Unterschied zwischen den Dogmatismusgraden der Wahlprogramme von SPD und Grünen (2010 und 2012) und den Koalitionsverträgen aus beiden Jahren. Hier zeigt sich, dass die Wahlprogramme jeweils deutlich dogmatischer formuliert sind als der Koalitionsvertrag – ein naheliegendes Ergebnis angesichts der Tatsache, dass es sich bei Koalitionsverträge v.a. auch um Kompromissvereinbarungen handelt. Besonders groß fällt hierbei der Unterschied zwischen dem Wahlprogramm der SPD von 2010 und dem Koalitionsvertrag von 2010 aus.

Formale Verständlichkeit

Um die formale Verständlichkeit der Wahlprogramme vergleichen zu können, haben wir diese wieder mit der Textanalyse-Software TextLab untersucht. Mit Hilfe dieser Software ist es möglich, eine Vielzahl von Textfaktoren zu erheben (u.a. zahlreiche Lesbarkeitsformeln), die eine objektive Erfassung der formalen Textverständlichkeit ermöglichen. Zusammengefasst werden diese Faktoren im sog. Hohenheimer Verständlichkeitsindex, der von 0 Punkten (sehr unverständlich) bis 20 Punkten (sehr verständlich) reicht. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen auf diesem Index im Schnitt einen Wert von 4,3 Punkten, Artikel aus dem politischen Teil der BILD-Zeitung hingegen einen Wert von 16,8 Punkten.

Betrachtet man die Ergebnisse zur formalen Verständlichkeit, so lässt sich feststellen, dass beide Koalitionsverträge eine vergleichsweise niedrige Verständlichkeit aufweisen. Der Wert des aktuellen Koalitionsvertrags liegt dabei mit 5,4 Punkten nur relativ knapp über dem Durchschnittswert für politikwissenschaftliche Doktorarbeiten (4,3, Punkte). Nur wenig besser schneidet der Vertrag von 2010 ab: 6,6 Punkte. Im Vergleich dazu fällt die Verständlichkeit der Wahlprogramme von SPD und Grünen erfreulich hoch aus (zwischen 8,4 und 10,6 Punkten).

Auch diese Ergebnisse überraschen kaum: Handelt es sich doch bei Koalitionsverträgen – noch viel stärker als bei Wahlprogrammen – um Expertenmedien, die kaum von einem „normalen Bürger“ gelesen werden, sondern v.a. von Politikern, Journalisten und Politikwissenschaftlern. Bei der Sprache dieser Texte wird also vermutlich kaum auf eine möglichst hohe Verständlichkeit für die breite Bevölkerung geachtet, sondern – wenn überhaupt – auf eine Verständlichkeit für andere Politik-Experten. Allerdings dürften beim Verfassen von Koalitionsverträgen – ähnlich wie beim Verfassen von Wahlprogrammen – teilweise ganz andere Motive eine Rolle spielen als Verständlichkeitsbemühungen. Häufig geht es hierbei v.a. um das Herstellen von Einigungen und Kompromissen, was nicht selten zu sog. „Formelkompromissen“ und „Insider-Lesarten“ (vgl. z.B. Klein 1996) führt, die sich zwangsläufig negativ auf die Verständlichkeit auswirken.

Zitierte Literatur:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Klein, Josef (1996): Insider-Lesarten: Einige Regeln zur latenten Fachkommunikation in Parteiprogrammen. In: Josef Klein und Hajo Diekmannshenke (Hrsg.): Sprachstrategien und Dialogblockaden: Linguistische und politikwissenschaftliche Studien zur politischen Kommunikation. Berlin, New York: Walter de Gruyter, S. 201-205.

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