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US-Wahlkampf, Lektion 20: Nimm einen erfolgreichen Spot und recycle ihn

14. Juni 2012
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Heute hat Romneys Wahlkampfteam noch einen weiteren Angriffsspot ins Netz gestellt, in dem wieder Obamas „Private Sector“-Zitat verwendet wird, auf das ich bereits in meinem Beitrag von heute Morgen und in meinem Beitrag vom 11. Juni eingangen war, Titel: „Doing Fine?“.

Als ich mir das Video anschaute, kam es mir sofort sehr bekannt vor, v.a. die Hintergrundmusik. Erst dachte ich, das läge daran, dass die republikanische Parteizentrale auch schon einen Angriffsspot mit dem selben Titel veröffentlicht hatte. Der hatte aber eine andere Aufmachung und auch eine andere Musik. Also habe ich mir noch ein paar andere Spots angeschaut, die in Frage kamen und siehe da, bei dem Obama-Spot von 2008, auf den ich in meinem Beitrag vom 11. Juni bereits verwiesen hatte, wurde ich fündig. Tatsächlich handelt es sich bei dem neuen Spot von Romney quasi um ein 1:1-Remake des Obama-Spots gegen McCain, nur mit ausgetauschten Protagonisten und aktualisierten Daten:

Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich keineswegs um eine neue Idee des Romney-Teams. Auch bei früheren Spots wurde bereits eifrig Spot-Recycling betrieben, wie ich ja auch schon am Beispiel des erfolgreichen „Celeb“-Spots von McCain gezeigt habe, der in diesem Jahr vom Super-PAC American Crossroads aufgegriffen wurde.

Selten ähneln sich jedoch Vorlage und Remake so sehr wie jetzt im Falle des neuen Romney-Spots und des „Fundamentals“-Spots von Obama. Mir fällt spontan eigentlich nur ein Beispiel ein, bei dem es eine ähnlich große Übereinstimmung von Original-Spot und Remake bzw. Konter-Spot gibt. Auch dieses Beispiel stammt aus dem vergangenen Präsidentschaftswahlkampf, allerdings aus dem demokratischen Vorwahlkampf zwischen Obama und Hillary Clinton.

Clinton hatte damals einen ebenfalls sehr erfolgreichen Angriffsspot gegen Obama veröffentlicht, der seine Kompetenz, in Katastrophenfällen einen kühlen Kopf zu bewahren, in Frage stellte. Damit griff Hillary einen wunden Punkt Obamas an, der später auch von seinem republikanischen Gegenspieler McCain immer wieder aufgegriffen und im Slogan „Is he ready to lead?“ zusammengefasst wurde.

Der Clinton-Spot „3 AM“ entwirft hierfür eine fiktive Situation, in der es mitten in der Nacht zu einem Anruf auf dem „roten Telefon“ des weißen Hauses kommt. Der Zuschauer wird dann – ohne dass konkrete Namen erwähnt werden – zur Auseinandersetzung mit der Frage gezwungen, wer an diesem Telefon sitzen soll: Hillary Clinton oder Barack Obama?

Der Hillary-Kampagne gelang es, mit dem Spot, der von den amerikanischen Medien sehr stark aufgegriffen und diskutiert wurde, einen Frame im Wahlkampf zu etablieren, der Obamas Kampagne einen schweren Schlag versetzte: Der Gegensatz zwischen der erfahrenen Politikerin Clinton und dem (v.a. außenpolitisch) weitgehend unerfahrenen Barack Obama. In seinem Buch „The Audacity To Win“ erläutert der damalige Kampagnenmanager von Obama, David Plouffe, dass sich die Obama-Kampagne deshalb zu einem unmittelbaren Vergeltungsschlag gezwungen sah, um die mediale Stimmung wieder im eigenen Sinne zu beeinflussen. Der Konter-Spot, der trotz der Reaktionsschnelligkeit des Obama-Teams nur für wenig mediale Aufmerksamkeit und Agenda-Setting-Wirkung sorgte (wie Plouffe in seinem Buch selbst eingesteht) sah dann so aus:

Fazit: Spot-Recycling ist eine beliebte Disziplin im amerikanischen Wahlkampf. Teilweise wird sogar im selben Wahlkampfzyklus auf Spots des Gegners als Vorlage für einen Konter-Spot zurückgegriffen. Selten sind Original und Remake dabei allerdings so ähnlich wie bei Obama und Clinton 2008 oder wie jetzt bei Romney und dem Obama-Spot von 2008.

Dass sich diese Disziplin so großer Beliebtheit erfreut, hat vermutlich meistens nur bedingt etwas mit der Wirkung der recycelten Spots beim eigentlichen Publikum, den Wählern, zu tun. Das wahre Ziel dieses Spot-Recyclings dürften Medien und Journalisten sein. Denn diese erkennen – anders als viele Wähler, die ja nicht alle vergangenen Spots im Kopf haben – das Recycling und nehmen es vermutlich häufig als Anlass für sog. „Ad Watching“, was der jeweiligen Kampagne jede Menge kostenloser Werbezeit einbringt.

Davon abgesehen dürfte es noch einen sehr viel banaleren Grund für die Beliebtheit des Spot-Recyclings geben: Häufig handelt es sich dabei sicherlich auch um eine Art inoffiziellen „Ätsch“-Battle zwischen den beiden Kampagnen-Lagern. Man kann sich ja geradezu bildlich vorstellen, wie vergnügt die Romney-Wahlkämpfer gewesen sein müssen, als sie Obamas „Fundamentals-„Spot genommen und daraus eine 1:1-Replik gemacht haben, um Obamas Arbeitsmarktpolitik zu verreißen. Und in Zeiten des Internets kostet einen so ein schnell produzierter und ins Netz gesteller Spot auch noch fast nichts, generiert aber trotzdem jede Menge Aufmerksamkeit. Kurz: Ein Traum für jeden Kampagnen-Macher… :-)

Nachtrag (15.06.2012): Auch die Kollegen von „The Caucus“ berichten jetzt über das Spot-Recycling von Romneys Team.

5 Kommentare leave one →
  1. Zita Meyer permalink
    19. Juni 2012 17:36

    Ich frage mich an dieser Stelle, wie viel eigentlich so ein Wahlkampfspot kostet? Wissen Sie das zufällig? Die Medienberichterstattung soll ja wahnsinnig viel Gelder verschlingen. Es wäre schön, mal eine Zahl zu kennen damit man sich in diese Dimension überhaupt mal rein denken kann.

    Vielen Dank!

Trackbacks

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