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Campaignwatch: Sind die US-Medien wirklich auf Obamas Seite?

5. Juni 2012
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Wenn man sich ein wenig mit dem aktuellen amerikanischen Wahlkampf beschäftigt, stößt man schnell auf die Behauptung, dass die US-amerikanischen Medien Obama in ihrer Berichterstattung im A llgemeinen gegenüber Romney bevorzugen würden. Oder umgekehrt: Negativer über Romney berichten würden als über Obama. Solche Vorwürfe kommen natürlich in den allermeisten Fällen aus dem republikanischen Lager (oder von Fox News, was ja fast dasselbe ist), aber man findet sie auch immer wieder mal bei Journalisten, die eigentlich nicht im Verdacht stehen, republikanische Propaganda zu betreiben.

So sorgte beispielsweise letzte Woche ein Artikel im Politico für Aufsehen, der zu dem Schluss kommt, dass ein Medien-Bias zugunsten Obamas keinesfalls reine Wahlkampf-Propaganda der Republikaner sei: „Republicans cry ‚bias‘ so often it feels like a campaign theme. It is, largely because it fires up conservatives and diminishes the punch of legitimate investigative or narrative journalism. But it also is because it often rings true, even to people who don’t listen to Rush Limbaugh – or Haley Barbour.“

Worauf stützen die beiden Autoren Jim VandeHei und Mike Allen diese Feststellung? Erschreckenderweise auf ganze vier (!!) Artikel aus der New York Times und der Washington Post. So berichtete die New York Times berichtete auf ihrer Titelseite über Ann Romneys teures Reit-Hobby, aber nur auf Seite 15 über Obamas Drogenvergangenheit auf dem College. Ganz ähnlich berichtete die Washington Post auf ihrer Titelseite über Romneys angebliches Mobbing eines schwulen Klassenkameraden während seiner High School-Zeit, aber nur auf Seite 6 über Obamas Drogeneskapaden.

Nun dürfte VandeHei und Allen eigentlich bekannt sein, dass die US-Medienlandschaft nicht nur aus New York Times und Washington Post besteht. Das hindert sie aber leider nicht daran, trotzdem das Gerücht eines Pro-Obama-Medien-Bias weiter zu befeuern. Dabei lässt sich mit ein paar wenigen Klicks beweisen, dass dieses Gerücht tatsächlich nicht mehr ist als republikanische Propaganda bzw. – etwas wohlmeinender formuliert – ein klassischer Fall von verzerrter Wahrnehmung.

Denn das „Pew Research Center’s Project for Excellence in Journalism“ betreibt seit Juli 2011 eine sehr nützliche und öffentlich zugängliche Datenbank, in der die Tendenz der Wahlkampfberichterstattung von 52 amerikanischen Print-, TV- und Radio-Medien erfasst wird. Mit Hilfe dieser Datenbank lässt sich der angebliche Pro-Obama-Medien-Bias schnell als Ente entlarven. Hierzu zunächst zwei Grafiken:

Berichterstattung über Obama (positiv = durchgezogene Linie / negativ = gestrichelte Linie)

Berichterstattung über Romney (positiv = durchgezogene Linie / negativ = gestrichelte Linie)

Wie sich anhand dieser beiden Grafiken bzw. der zugrundeliegenden Daten des Pew Research Centers zeigt, ist die Berichterstattung über Obama seit dem Beginn der Erhebung im Juli 2011 mehrheilich negativ gewesen. Dazu kommt: Auch Romney hatte in einigen Phasen mit mehr negativer als positiver Berichterstattung zu kämpfen, aber seit dem Ende des republikanischen Vorwahlkampfs überwiegt zu allen Messzeitpunkten die positive Berichterstattung. Und das teilweise sogar sehr deutlich, wie man bei den März-Daten sehen kann.

Eine dritte Grafik, in der die obigen Daten kombiniert werden, zeigt schließlich: Der Anteil der positiven Berichterstattung über Romney ist zu allen Messzeitpunkten höher als der Anteil positiver Berichterstattung über Obama. Und bis auf wenige Ausnahmen liegt auch der Anteil der negativen Berichterstattung über Obama fast immer über dem Anteil der negativen Berichterstattung über Romney:

Fazit: Wenn es also überhaupt irgendeinen Medien-Bias im amerikanischen Wahlkampf geben sollte, dann würde dieser eher zugunsten Romneys ausfallen, nicht zugunsten Obamas. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Unterschiede zwischen Obama und Romney durch die unterschiedlichen Rollen der beiden Kontrahenten erklären lassen, wie auch James Fallows im Atlantic kommentiert: „You can argue that negative coverage of the administration is justified. You can argue that incumbents are – and should be – held to a tougher standard, since they have a record to defend.“

Nur: Ein Pro-Obama-Bias wird – auch dann – beim besten Willen nicht daraus. Und schon gar nicht aus vier Artikeln aus New York Times und Washington Post. Zum Vergleich: Das wäre in etwa so, als ob man von vier Artikeln aus der FAZ und der Welt auf einen generellen Pro-Merkel-Bias aller deutschen Medien schließen würde. Selbstverständlich gibt es Blattlinien, die dazu führen, dass Zeitungen bestimmte politische Tendenzen aufweisen. Das ist in einem außenpluralistischen Mediensystem, das auf die Vielfalt unterschiedlich ausgerichteter Medien setzt, um im Gesamtbild ein ausgewogenes Meinungsspektrum abzubilden, aber auch genau so gedacht. Sich aus dieser Vielfalt einfach willkürlich zwei Zeitungen herauszugreifen (noch dazu zwei, die ohnehin eher für eine eher linksliberale Tendenz bekannt sind) und daraus einen Pro-Obama-Bias der US-Medien zu konstruieren: Das ist alles, aber bestimmt kein seriöser Journalismus.

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