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„Coolness ist das Wichtigste!“ – Ein Gespräch über Idee und Ziele der liberalen Graswurzel-Bewegung “FDP Liberté” mit Initiator Hasso Mansfeld

30. Mai 2012

Im Rahmen eines Beitrags zu den Wahlplakaten der Saar-FDP hatten wir hier im Blog schon im Februar einmal das Phänomen „FDP Liberté“ thematisiert, eine Art Graswurzel-Bewegung von FDP-Anhängern, die dabei helfen will, das arg ramponierte Image der FDP wieder aufzubessern. Am vergangenen Sonntag wurde die mittlerweile als Verein eingetragene Organisation nun im Schloss der Universität Hohenheim mit dem „Arno Esch-Preis“ des Verbandes liberaler Akademiker (VLA) ausgezeichnet.

Quelle: fdp-liberte.de

Höchste Zeit für uns also, uns noch einmal etwas eingehender mit dem Thema „FDP Liberté“ zu befassen. Denn schließlich hat keine andere deutsche Partei einen vergleichbaren Grasswurzel-Ableger. Auch aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive handelt es sich bei „FDP Liberté“ also um ein interessantes Phänomen politischer Kommunikation. Anlass für uns, den Initiator von „FDP Liberté“, Unternehmensberater und Werbe-Fachmann Hasso Mansfeld, zur Idee, zu den Zielen und auch zur Kritik an „FDP Liberté“ zu befragen.

Campaignwatchers: Wenn man sich im Internet ein bisschen zum Thema „FDP Liberté“ schlau macht, dann stößt man dort z.B. auf den Hinweis, dass es sich um eine Kampagne von „frustrierten FDP-Mitgliedern“ handelt (Manager Magazin) und dass Sie – als Gründungsmitglied Nummer 1 – seit Jahren erfolglos versucht hätten, der FDP ehrenamtlich Ihre Fähigkeiten als PR-Experte anzubieten (The European). Ist „FDP Liberté“ also eine Art Sammelbecken von FDP-Wutbürgern?

Hasso Mansfeld (Jahrgang 1962) arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Seine Ideen und Kampagnen sind mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Deutschen PR-Preis. Mansfeld ist Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat von Bingen und stellvertretender Stadtverbandsvorsitzender der Liberalen.

Mansfeld: Allzu großes Engagement von der Basis ist in den Parteien nicht erwünscht. Die könnten ja mitreden wollen. Insofern haben wir jetzt einen Kanal entwickelt, indem wir selber Inhalte transportieren. Wutbürger sind wir deshalb noch lange nicht. Wir wollen ja nichts verhindern, sind auch nicht gegen irgendetwas, sondern wir wollen selber gestalten.

Campaignwatchers: Andere Begriffe, die einem in Bezug auf „FDP Liberté“ begegnen, sind „FDP-Piraten“ und „Grasswurzel-Think Thank“. Fühlen Sie sich damit besser beschrieben? Wie sehen Sie sich denn selbst und was sind Ihre Ziele und Ansprüche an die Organisation?

Mansfeld (lacht): Ja, Graswurzel ist gut. Vor allem weil es Gruppierungen gibt, die das Monopol für diesen Begriff für sich beanspruchen. Wir sehen uns als Kreativpool für die Kommunikation und Vermittlung liberaler Standpunkte. Wir fragen dabei niemanden, sondern machen einfach, was uns in den Sinn kommt. Ziel ist es, mitzuhelfen, das liberale Weltbild den Menschen ein Stück weit näher zubringen.

Campaignwatchers: Der Ursprung von „FDP Liberté“ war ja Ihre Verärgerung über den Kurs der FDP. „Die FDP steht am Abgrund, weil sie grundlegende Prinzipien des Liberalismus aus den Augen verloren hat.“ schreiben Sie in einem Beitrag für den Think Thank „Polisphere“. Was genau stört Sie denn am aktuellen Zustand der FDP? Geht es da v.a. um die mangelnde Einbindung der Parteibasis? Um die (falschen) politischen Ziele und Ansätze? Um die aus Ihrer Sicht mangelhafte Kommunikation der Partei? Oder um alles zusammen?

Mansfeld: Mich stören vor allem die starren Partei-Strukturen. Auch die FDP muss sich reformieren und mehr Partizipation der Basis zulassen. Ein entsprechender Antrag, die Zahl der Delegierenten zu erhöhen ist leider auf dem letzten Bundesparteitag abgeschmettert worden. Das Personal einer leistungsorientierten Partei muss sich selber nach der eigenen Leistung fragen lassen. Die Umfragewerte waren im letzten Jahr grottenschlecht, wichtige politische Themen wurden gar nicht besetzt und bezüglich der Kommunikation hatte sich eine Wagenburgmentalität breitgemacht.

Campaignwatchers: Wenn wir das richtig verstehen, dann beklagen Sie ja auch, dass die ursprünglichen Ideen des Liberalismus bei der FDP aktuell zu kurz kommen. Was meinen Sie damit genau?

Damit meine ich, dass man seine Entscheidungen nicht von einer liberalen Haltung heraus gefällt hat, sondern aus  Oportuniusmus, wie zum Beispiel den überhasteten Automausstieg.

Campaignwatchers: Sie selbst haben ja einmal in einem Interview mit dem Manager Magazin den Vorwurf geäußert, die FDP „hänge am Gängelband der Ärzte- und Apothekerkammern“. Woraufhin sich Christian Lindner bei Ihnen meldete und sie bat, solche Äußerungen in Zukunft zu unterlassen. Hat Sie diese harsche Reaktion von Christian Lindner erst recht in Ihrem Anliegen bestärkt, eine Art Protestbewegung frustrierter FDP-Anhänger ins Leben zu rufen?

Mansfeld: Also als Protestbewegung gegen die eignen Leute sehen wir uns bestimmt nicht. Wenn schon Protestbewegung, dann gegen Bevormundung und Gängelei. Aber der eigentliche Kern von „FDP Liberté“ ist konstruktiv, wir sind für den Liberalismus.

Campaignwatchers: Trotzdem nochmal nachgehakt: Hat diese Reaktion von Christian Lindner bei Ihnen zu einem „Jetzt erst recht!“ geführt oder fanden Sie seinen Einspruch gerechtfertigt und halten Ihre öffentliche Kritik im Rückblick für falsch?

Nein, das hat mit Lindner nix zu tun. Für meine Auseinandersetzung  mit ihm hab ich auch richtig Prügel bezogen, von den eigenen Leuten.  Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich es nicht noch mal machen, allerdings plagen mich auch keine Schuldgefühle. Das ist jetzt Vergangenheit.

Campaignwatchers: Haben Sie sich denn mittlerweile wieder mit Christian Lindner vertragen? Er wird momentan ja von den meisten Beobachtern als der größte Hoffnungsträger der FDP angesehen. Haben Sie auch das Gefühl, dass sich mit Christian Lindner an der Spitze der FDP die Dinge wieder mehr in Ihrem Sinne entwickeln würden?

Mansfeld: Wir haben uns zwar öffentlich gefetzt, aber man wäre schlecht beraten, wenn man die Dinge in der Politik persönlich nähme. Die Argumente sind ausgetauscht und es gibt keinen Grund nachtragend zu sein. Auch wären wir zu diesem Zeitpunkt schlecht beraten, eine Führungsdebatte vom Zaun zu brechen. Philipp Rösler hat in einer schwierigen Situation Verantwortung übernommen. Seinen wir also nicht unfair zu ihm, er hat sich meines Wissens nicht um das Amt des Vorsitzenden gerissen.

Campaignwatchers: Christian Lindner hat in Nordrhein-Westfalen ja einen sehr erfolgreichen Wahlkampf für die FDP geführt, ebenso Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein. Ist das nicht ein Beleg dafür, dass die FDP auch ganz gut ohne „FDP Liberté“ auskommt? Oder denken Sie, dass die FDP-Ergebnisse bei diesen beiden Wahlen ohne „FDP Liberté“ anders ausgesehen hätten?

Mansfeld: Klar kommt die FDP ohne „FDP Liberté“ aus. Nur: Mit Liberté ist sie attraktiver. Die Hauptsache, die wir leisten können, ist emotionale Zugänge für die FDP und deren Inhalte zu öffnen. Im Netz haben wir sicherlich eine deutliche Wirkung erzielt, wie sich das auf das Wahlergebnis ausgewirkt hat, oder wie das jetzt in Prozenten zu bewerten ist, da hab ich ehrlich noch nicht mal einen blassen Schimmer von.

Campaignwatchers: Während der Wahlkämpfe im Saarland und in Schleswig-Holstein konnte man lesen, dass auch die Parteiführungen dort auf Ihre Aktion aufmerksam geworden seien und sich überlegten, Wahlplakate von „FDP Liberté“ auch für den offiziellen Wahlkampf zu verwenden. Letztlich ist es aber doch nicht dazu gekommen. Warum?

Mansfeld: Im Saarland sind ja einige Motive verwendet worden. In Schleswig-Holstein war die Kampagne schon soweit fertig. Derjenige, der sich auf Crowd-Sourcing einlässt, gibt Macht ab, davor ist man in der letzten Konsequenz zurückgeschreckt. Es wird also noch ein wenig dauern, bis es sich neue Konzepte wie „FDP Liberté“ durchsetzten.

Campaignwatchers: Mal angenommen, die FDP schneidet bei den kommenden Landtagswahlen und der Bundestagswahl 2013 ähnlich gut ab wie in NRW und Schleswig-Holstein: Ist dann irgendwann der Punkt gekommen, an dem Sie sagen: Wir haben unsere Pflicht erfüllt? Oder sehen Sie „FDP Liberté“ als längerfristiges Projekt?

Mansfeld: Das Projekt ist nicht von meinem Willen abhängig. „FDP Liberté“ lebt und stirbt mit der Freude der auf dieser Facebook-Seite aktiven Menschen, politische Inhalte des Liberalismus in attraktive Motive umsetzen zu wollen. Und da kommen jeden Tag neue hinzu. Es wird also weitergehen, auch wenn die FDP wieder triumphale Siege einfahren sollte.

Campaignwatchers: In unserem bisherigen Austausch mit Ihnen und auch mit anderen Aktivisten von „FDP Liberté“ ist uns eine gewisse Trotzhaltung gegenüber den etablierten Medien aufgefallen. Sie selbst äußerten uns gegenüber den Verdacht, dass „FDP Liberté“ von den Meinungsführermedien in Deutschland nicht aufgegriffen würde, damit die Aktion nicht noch mehr Zulauf bekäme. In Ihrem Beitrag für Polisphere fanden wir außerdem die Einschätzung: „Die Medien schießen sich besonders gern auf die Liberalen ein.“ Ein Mitstreiter von Ihnen äußerte uns gegenüber auf Twitter seine Frustration darüber, dass von den Medien immer nur die FDP für die Hotelier-Steuer verantwortlich gemacht würde, obwohl doch eigentlich alle Parteien dafür gewesen seien (was nach einer Recherche von uns nicht zutrifft, zumindest nicht auf Bundesebene). Sind aus Ihrer Sicht also letztlich wirklich v.a. „die Medien“ Schuld an der Krise der FDP und des Liberalismus in Deutschland? Das klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie.

Mansfeld: Nix Verschwörungstheorie! Der Liberalismus hat in den meisten deutschen Medien keine Fans. Das ist Fakt. Natürlich hat die FDP durch ihre Schwäche die Angriffsfläche selber geliefert. Von daher sind wir Liberale selber Schuld, wenn wir in die Tonne gehauen und durch den Kakao gezogen werden. Nur wie und in welcher Intensität draufgehauen wurde, das ist schon bemerkenswert. Ich bleibe dabei: Eine Aktion „SPD Liberté“ wäre in den Himmel gelobt worden. Uns hat man bislang schön ignoriert.

Campaignwatchers: Was man als Außenstehender von „FDP Liberté“ mitbekommt, sind v.a. die mal mehr, mal weniger gelungenen Kampagnen-Motive, die über Facebook und Twitter verteilt werden. Sehen Sie diese Funktion auch als Hauptaufgabe Ihrer Organisation? Also die Verbreitung von mehr oder weniger originellem, zumindest aber unzensiertem Kampagnen-Material zum Thema Liberalismus?

Mansfeld: Unbedingt. Liberalismus bedeutet die Stärke, Diskurse auszuhalten. Und wenn etwas wirken soll, muss es auch wehtun.

Campaignwatchers: Gibt es eigentlich irgendeine Form von Vor- oder Nachzensur bei den Facebook-Veröffentlichungen auf der „FDP Liberté“-Seite? Uns sind z.B. während des NRW-Wahlkampfs Motive mit Bezug zu Hannelore Kraft aufgefallen, die schon hart an der Grenze zur Frauenfeindlichkeit waren – oder diese Grenze sogar bereits überschritten. Auch die Todesanzeige für Christian Wulffs Präsidentschaft könnte man als gezielte Grenzüberschreitung ansehen. Tut sich da nicht ein gewisser Widerspruch auf zwischen Ihrer (ebenfalls auf polisphere.eu erhobenen) Forderung „endlich wieder über Inhalte zu reden“ und einer auf Effekthascherei abzielenden Verkürzung der Inhalte auf anstößige Slogans und Motive? Und: Gibt es für Sie eine Grenze, bei deren Überschreitung auch einmal etwas gelöscht werden muss?

Mansfeld: Die Motive kommen ja nicht von einer offiziellen Stelle. Sie kommen von Einzelpersonen. Von daher ist es in dem Sinne keine gezielte Provokation von Liberté, sondern nur die Provokation von Einzelpersonen. Natürlich kann man mit entsprechenden Kommentierungen der Bilder nachhelfen. Gerade die Todesanzeige für Christian Wulff, die zugleich eine Todesanzeige für den Islam in Deutschland war, sehe ich als ein gute Möglichkeit, genau darüber zu diskutieren. Ansonsten werden die Grenzen ausschließlich durch das Strafrecht vorgegeben. Alles andere bleibt auf der Seite. Jeder hat doch die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern. Die Zensur überlassen wir gerne den anderen Parteien. Besonders die Grünen sind, was das Zulassen von deren Meinungen anbetrifft, extrem restriktiv.

Campaignwatchers: Ein Vorwurf gegenüber „FDP Liberté“ lautet ja, dass es bei Ihren Aktivitäten v.a. um eine coolere Verpackung der FDP geht, aber nicht wirklich um neue oder andere Inhalte. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Mansfeld: Ja, Coolness ist das Wichtigste. Es ist zugleich das Schwierigste, denn es darf nicht gewollt aussehen. Das ist es leider Gottes meistens, wenn Coolness von oben instruiert wird. Wer aber meint, wir würden uns hier in Oberflächlichkeit ergehen, der irrt. Es gibt auf der Facebook-Seite eine fundierte Herleitung der Idee des Liberalismus. Der Vorwurf „inhaltsleer“ ist schon der Klassiker auf unserer Seite. Sich mit den Idealen und Tugenden des Liberalismus auseinander zu setzen, heißt, darüber zu reflektieren was es bedeutet, Mensch zu sein. Das ist unser Anspruch. Und dabei ist es wurscht, wenn der politische Gegner das diffamieren will.

Campaignwatchers: Fühlen Sie sich mittlerweile von der Parteispitze der FDP ernst genommen? Ist denn schon irgendjemand von der aktuellen Parteiführung auf Sie zugekommen, um mit Ihnen über eine Zusammenarbeit von „FDP Liberté“ und Parteiführung Partei zu sprechen? Falls ja: Wollen Sie das überhaupt? Oder soll „FDP Liberté“ auch weiterhin vollkommen unabhängig von der Parteispitze agieren können?

Mansfeld: Ja, Philipp Rösler hat gerade an diesem Wochenende Bilder mit sich und Liberté-Motiven gepostet. Wir arbeiten bei unserer „101 Freiheitsthesen-Kampagne“ mit der FDP-Bundespartei zusammen und sind im ständigen Dialog miteinander. Wir suchen diesen Kontakt ganz intensiv, denn nur, wenn die Basis mit den offiziellen Parteistrukturen zusammen etwas gestaltet, kann der Prozess gelingen. Dabei werden wir unsere Unabhängigkeit bewahren. Es können einer solchen Internet-Bewegung wie „FDP Liberté“ keine Befehle gegeben werden. Und das ist auch gut so.

Campaignwatchers: Letzte Frage: Wenn Sie sich wünschen könnten, wo die FDP und „FDP Liberté“ in einem Jahr stehen – und damit meinen wir jetzt nicht nur Umfragewerte – was wäre dann Ihre Wunschvorstellung?

Mansfeld: Für die FDP wünsche ich mir, dass sie wieder als Hüter des Liberalismus und der Verteidiger der Freiheit in Deutschland wahrgenommen wird. Für „FDP Liberté“ wünsche ich mir die Anerkennung als eine der erfolgreichsten politischen Kampagnen der letzten Jahre, mit einer Fanzahl jenseits der 20.000.

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