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Neues aus der Forschung: Themengewichtung, Verständlichkeit und Dogmatismusgrad des alten und neuen FDP-Grundsatzprogramms

25. Mai 2012

Im ersten Teil unserer Grundsatzprogramm-Analyse haben wir die Grundsatzprogramme aller Parteien in Bezug auf Länge, Verständlichkeit und Dogmatismusgrad verglichen. Allerdings nur auf der Ebene der gesamten Programme. Mittlerweile haben wir nun das alte und neue FDP-Grundsatzprogramm einer Themenanalyse unterzogen und können deshalb beide Programme in Bezug auf deren Themengewichtung vergleichen. Außerdem lassen sich Verständlichkeit und Dogmatismusgrad jetzt nicht mehr nur auf Programm-Ebene, sondern auch auf Themen-Ebene vergleichen.

Themengewichtung

Beim Vergleich der Themengewichtungen (gemessen am jeweiligen Wortanteil) zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede zwischen altem und neuem FDP-Grundsatzprogramm. Deutlich abgenommen hat demnach das Gewicht der Themen Arbeitsmarktpolitik, Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik sowie Kultur- & Medienpolitik. Deutlich zugenommen hat hingegen der Umfang der Themen Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik, Justizpolitik & Innere Sicherheit sowie Wirtschaftspolitik.

Kaum Unterschiede gibt es hingegen bei der Gewichtung von Bildungs- & Forschungspolitik, Deutschlandpolitik sowie Integrations- & Gleichstellungspolitik.  Die Sozialpolitik (inklusive Familienpolitik, Gesundheitspolitik, Rentenpolitik) verliert im neuen Programm leicht an Bedeutung, Umwelt-, Energie- & Verkehrspolitik hingegen gewinnen leicht an Bedeutung.

Top-Thema im neuen Grundsatzprogramm ist – überraschenderweise – die Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik (17,5 Prozent Wortanteil), gefolgt von Deutschlandpolitik (13,2 Prozent) und Wirtschaftspolitik (10,9 Prozent). Im Programm von 1997 hingegen war das Top-Thema noch die Deutschlandpolitik (14,2 Prozent), gefolgt von Sozialpolitik (11,9 Prozent) und Kultur- & Medienpolitik (8,8 Prozent). Hier zeigt sich also eine deutliche inhaltliche Akzentverschiebung zwischen den beiden Programmen.

Dogmatismusgrad

Den Dogmatismusgrad kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1.

Auch hier zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede zwischen beiden FDP-Programmen. So fällt der Dogmatismusgrad in den Themenbereichen Deutschlandpolitik und Wirtschaftspolitik im neuen Programm deutlich höher aus als im alten Programm. In den Themenbereichen Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik sowie Sozialpolitik gibt sich die FDP hingegen im Jahr 2012 weniger dogmatisch als noch 1997. Die Veränderung des Dogmatismusgrads hängt demnach nicht eindeutig mit der Veränderung der Themengewichtung zusammen.

Am dogmatischsten formuliert die FDP in Ihrem neuen Grundsatzprogramm in den Themenbereichen Bildungs- & Forschungspolitik (0,52 Punkte), Deutschlandpolitik (0,46 Punkte) sowie Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik (0,42 Punkte), am wenigsten dogmatisch hingegen in den Themenbereichen Umwelt-, Energie- und Verkehrspolitik (0,32), Sozialpolitik (0,33), Kultur- & Medienpolitik (0,33) sowie Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik (0,33).

Im Grundsatzprogramm von 1997 hatte diese Rangfolge noch anders ausgehen: Spitzenwerte beim Dogmatismusgrad erreichten hier die Themenbereiche Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik (0,50 Punkte), Sozialpolitik (0,48 Punkte) sowie Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik (0,46 Punkte). Am geringsten fiel der Dogmatismusgrad in den Themenbereichen Wirtschaftspolitik (0,20), Umwelt-, Energie- & Verkehrspolitik (0,29) sowie Kultur- & Medienpolitik (0,29) aus.

Verständlichkeit

Um die Verständlichkeit der Grundsatzprogramme vergleichen zu können, haben wir diese wieder mit der Textanalyse-Software TextLab untersucht. Mit Hilfe dieser Software ist es möglich, eine Vielzahl ein Textfaktoren zu erheben (u.a. zahlreiche Lesbarkeitsformeln), die eine objektive Erfassung der formalen Textverständlichkeit ermöglichen. Zusammengefasst werden diese Faktoren im sog. Hohenheimer Verständlichkeitsindex, der von 0 Punkten (sehr unverständlich) bis 20 Punkten (sehr verständlich) reicht. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen auf diesem Index im Schnitt einen Wert von 4,3 Punkten, Artikel aus dem politischen Teil der BILD-Zeitung hingegen einen Wert von 16,8 Punkten.

Auch bei der Verständlichkeit zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede zwischen den beiden FDP-Programmen. So fällt die Verständlichkeit in den Themenbereichen Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik, Justizpolitik & Innere Sicherheit sowie Umwelt-, Energie- & Verkehrspolitik im neuen FDP-Programm deutlich niedriger aus als im alten Programm. Ein deutlicher Anstieg der Verständlichkeit ist im Gegensatz dazu in den Themenbereichen Bildungs- & Forschungspolitik, Kultur- & Medienpolitik, Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik festzustellen.

Die verständlichsten Themenbereiche im neuen Grundsatzprogramm sind Deutschlandpolitik (10,6 Punkte), Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik (10,3 Punkte) sowie Justizpolitik & Innere Sicherheit (9,5 Punkte), die unverständlichsten Themenbereiche sind Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik (6,8 Punkte), Umwelt-, Energie- & Verkehrspolitik (6,9 Punkte) sowie Arbeitsmarktpolitik (7,5 Punkte). Insgesamt weisen die Themenbereiche im neuen Grundsatzprogramm aber ein relativ einheitliches Verständlichkeitsniveau auf (Abstand zwischen den beiden Extremwerten: 3,8 Punkte).

Im Grundsatzprogramm von 1997 gab es im Gegensatz dazu noch deutlich ausgeprägtere Verständlichkeitsunterschiede. So lag der Abstand zwischen dem am besten und am schlechtesten verständlichen Themenbereich hier bei immerhin 7,1 Punkten. Die verständlichsten Themenbereiche im alten Grundsatzprogramm waren Justizpolitik & Innere Sicherheit (13,3 Punkte),  Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik (11,7 Punkte) sowie Deutschlandpolitik (11,4 Punkte), die unverständlichsten Themenbereiche waren Kultur- & Medienpolitik (6,2 Punkte), Sozialpolitik (6,4 Punkte) und Wirtschaftspolitik (6,6 Punkte).

Fazit

Die Unterschiede zwischen altem und neuem FDP-Grundsatzprogramm zeigen sich v.a. auf der Themen-Ebene und weniger auf der Programm-Ebene. So nimmt die FDP in ihrem neuen Grundsatzprogramm eine – im Vergleich zum früheren Grundsatzprogrammm – deutlich veränderte Schwerpunktsetzung vor. Außen-, Entwicklungs- & Verteidigungspolitik, Justizpolitik & Innere Sicherheit sowie Wirtschaftspolitik werden deutlich aufgewertet, Arbeitsmarktpolitik, Finanz-, Haushalts- & Steuerpolitik sowie Kultur- & Medienpolitik hingegen deutlich abgewertet.

Auch bei Verständlichkeit und Dogmatismusgrad zeigen sich auf der Themen-Ebene teilweise deutlich ausgeprägtere Unterschiede zwischen altem und neuem Grundsatzprogramm als auf der Programm-Ebene. Im Bereich Sozialpolitik wird beispielsweise nun deutlich undogmatischer formuliert, im Bereich Wirtschaftspolitik hingegen sehr viel dogmatischer. Auffällig ist zudem, dass im neuen Grundsatzprogramm ein sehr viel einheitlicheres Verständlichkeitsniveau festzustellen ist als im alten Grundsatzprogramm. Dies könnte dafür sprechen, dass für die Endredaktion des neuen Programms mehr Zeit und Mühe investiert wurde als beim Programm von 1997.

Im dritten und letzten Teil unserer Grundsatzprogramm-Analyse werden wir uns mit der Wortwahl der Grundsatzprogramme beschäftigen.

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.
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