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Neues aus der Forschung: Verständlichkeit, Tonalität und Dogmatismusgrad der Wahlprogramme in Nordrhein-Westfalen

10. Mai 2012

Wie bereits vor zwei Tagen angekündigt, folgt heute nun die Analyse aller relevanten Wahlprogramme zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Wie schon bei unserer Analyse zu den Wahlprogrammen in Schleswig-Holstein haben wir uns wieder mit Verständlichkeit, Tonalität und Dogmatismusgrad  NRW-Wahlprogramme beschäftigt. Eine Analyse der thematischen und begrifflichen Schwerpunkte der Programme, sowie eine Analyse der kurzen und leichten Fassungen der Programme folgen dann in gesonderten Beiträgen.

Verständlichkeit

Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme vergleichen zu können, haben wir diese wieder mit der Textanalyse-Software TextLab untersucht. Mit Hilfe dieser Software ist es möglich, eine Vielzahl ein Textfaktoren zu erheben (u.a. zahlreiche Lesbarkeitsformeln), die eine objektive Erfassung der formalen Textverständlichkeit ermöglichen. Zusammengefasst werden diese Faktoren im sog. Hohenheimer Verständlichkeitsindex, der von 0 Punkten (sehr unverständlich) bis 20 Punkten (sehr verständlich) reicht. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen auf diesem Index im Schnitt einen Wert von 4,3 Punkten, Artikel aus dem politischen Teil der BILD-Zeitung hingegen einen Wert von 16,8 Punkten.

Betrachtet man die Ergebnisse zur formalen Verständlichkeit der Wahlprogramme, so ergibt sich zunächst eine erfreuliche Nachricht: Insgesamt fallen die Ergebnisse so gut aus wie bei keiner anderen Landtagswahl, die wir bislang untersucht haben. Der Durchschnittswert aller untersuchten Programme liegt bei 9,4 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Keines der untersuchten Programme liegt unter sieben Punkten und die Hälfte der Programme liegt über 10 Punkten.

Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen den Parteien. Grob betrachtet teilen sich die sechs untersuchten Parteien in zwei Gruppen: Die Spitzengruppe stellen FDP, SPD und CDU dar, die alle Programme bzw. Wahlaufrufe (FDP, CDU) vorlegen, die einen Wert von mehr als 10 Punkten erreichen. Die zweite Gruppe stellen Bündnis 90 / Die Grünen, Piratenpartei und Die Linke dar, deren Programme alle auf Werte zwischen 7,7 und 8,4 Punkten kommen.

Ganz offensichtlich scheint es also einen gewissen Zusammenhang zwischen Programmlänge und Programmverständlichkeit zu geben, denn FDP, SPD und CDU legen auch die drei kürzesten Programme vor, während Grüne, Piratenpartei und Linkspartei die drei längsten Programme veröffentlicht haben (Normalfassungen der Programme).

Interessant ist schließlich auch der Vergleich zur Verständlichkeit der Wahlprogramme aus dem Jahr 2010: Hier zeigt sich, dass die FDP mit ihrem Wahlprogramm 2010 noch mit Abstand den letzten Platz belegte (5,8 Punkte), während ihr „Wahlaufruf“ im Jahr 2012 die höchste Verständlichkeit aller untersuchten Programme aufweist  (11,0 Punkte). Die CDU hingegen rutscht trotz ihres vergleichsweise kurzen „Wahlaufrufs“ im Jahr 2012 etwas ab und muss sich nach dem ersten Platz im Jahr 2010 (11,8 Punkte) nun den zweiten Platz mit der SPD teilen (jeweils 10,6 Punkte). Bei den anderen Parteien ergeben sich nur geringfügige Veränderungen.

Tonalität

Für die Untersuchung der Programm-Tonalität haben wir die Programme wieder nach positiven und negativen Aussagen und Ausdrücken durchsucht. Auch bei dieser Analyse diente TextLab als Analyse-Software. Im ersten Schritt wurden alle Programme automatisiert auf die Verwendung positiver und negativer Begriffe und Aussagen untersucht. Anschließend wurden alle Treffer kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert bzw. nicht gefundene Aussagen im System ergänzt. Am Ende des Prozesses wurden dann alle Texte erneut analysiert.

Wie zu erwarten war, fällt die Tonalität der Wahlprogramme der beiden Regierungsparteien wieder deutlich positiver aus als die Programm-Tonalität der Oppositionsparteien. Allerdings lassen sich innerhalb beider Gruppen durchaus Unterschiede feststellen: So formuliert die SPD im Vergleich zum grünen Koalitionspartner noch einmal deutlich positiver. Dies wird – überraschenderweise – insbesondere beim Themenbereich „Umwelt, Energie & Verkehr“ deutlich. Hier entfallen bei der SPD 12,7 positive Aussagen auf eine negative Aussage, bei den Grünen hingegen nur 3,4 Aussagen. Ähnlich deutlich fällt der Vergleich beim Themenbereich „Sozialpolitik“ aus. In den Bereicheren „Bildung & Forschung“ sowie „Finanzen, Haushalt & Steuern“ kommunizieren die Grünen zwar etwas positiver als die SPD, diese Unterschiede fallen jedoch vergleichsweise gering aus.

Auch bei den Oppositionsparteien zeigen sich deutliche Unterschiede: So reicht die positive Tonalität des FDP-Programms im Themenbereich „Bildung & Forschung“ fast schon an die Tonalität des SPD-Programms heran. Und die Piratenpartei formuliert im Bereich „Umwelt, Energie & Verkehr“ sogar positiver als die Grünen. CDU und Linkspartei hingegen nehmen die klassische Oppositionsrolle ein und formulieren in allen untersuchten Themenbereichen negativer als die Regierungsparteien. Besonders deutlich wird dies im Bereich „Finanzen, Haushalt & Steuern“ bei der Linkspartei: Hier entfallen gerade einmal 0,5 positive Aussagen auf eine negative Aussage.

Dogmatismusgrad

Schließlich noch ein Blick auf den Dogmatisgrad der Wahlprogramme. Diesen kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der mögliche Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1, wobei die Wahlprogramme im Saarland und in Schleswig-Holstein lediglich Werte zwischen 0,28 und 0,48 Punkten aufwiesen. (Höhere Werte werden vermutlich nur von extremistischen Parteien erreicht.)

Die Dogmatismus-Analyse führt zu einem äußerst überraschenden Ergebnis: Denn die CDU legt mit ihrem Wahlaufruf in NRW – anders als bei unseren bisherigen Analysen – mit deutlichem Abstand das dogmatischste Wahlprogramm von allen Parteien vor (0,49 Punkte). Bei den bisherigen Dogmatismus-Analysen zu den Wahlprogrammen im Saarland und in Schleswig-Holstein hatte die CDU jeweils das Programm mit dem geringsten Dogmatismusgrad vorzuweisen.

Möglicherweise handelt es sich hierbei um einen – durch das Sonderformat „Wahlaufruf“ bedingten – Ausreißer. Hierfür sprechen zwei Gründe: Zum einen zeigt der Vergleich mit dem NRW-Wahlprogramm der CDU von 2010, dass der hohe Dogmatismusgrad keineswegs typisch für die NRW-CDU ist. Zum anderen zeigt sich bei der FDP, die 2012 ebenfalls nur einen „Wahlaufruf“ vorgelegt hat,  eine ganz ähnliche Tendenz (nur nicht ganz so deutlich ausgeprägt): Auch hier fällt der Dogmatismusgrad deutlich höher aus (0,37 Punkte) als beim Wahlprogramm von 2010 (0,29 Punkte).

Wie ist dieser Effekt zu erklären? Hier können wir nur Vermutungen anstellen. Aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit für den Wahlkampf 2012 haben sich CDU und FDP gegen reguläre Wahlprogramme und für sog. „Wahlaufrufe“ entschieden. Der Unterschied zu den üblichen Wahlprogrammen besteht zum einen im Umfang (deutlich kürzer), v.a. aber im Entstehungsprozess: Während Wahlprogramme zumeist einen relativ langwierigen parteiinternen Abstimmungsprozess durchlaufen, ist dies bei den Wahlaufrufen von CDU und FDP nicht der Fall gewesen. Dies spricht dafür, dass die parteiinterne Abstimmung von Wahlprogrammen – durch Verhandlung und Kompromissbildung – eher zu einem Absinken des Dogmatismusgrads führt.

Allerdings muss eine mangelnde Abstimmung in der Partei nicht zwangsläufig zu einem ausgeprägteren Dogmatismusgrad führen, wie das Beispiel des letzten Wahlprogramms der saarländischen CDU zeigt. Dieses stellte ausdrücklich ein „Kandidatinnen-Programm“ von Annegret Kramp-Karrenbauer dar und erzielte trotzdem nur einen Dogmatismuswert von 0,28 Punkten. Mit anderen Worten: Man kann eine mangelnde parteiinterne Abstimmung offensichtlich dazu nutzen, ein dogmatischeres Programm zu formulieren als sonst, man muss aber nicht.

P.S.: Die komplette Ergebnis-Präsentation zu unserem Wahlprogramm-Check kann man hier als PDF herunterladen. Und hier gibt es auch noch die offizielle Pressemitteilung.

Nachtrag: Und hier die Links zum zweiten und dritten Teil unserer Wahlprogramm-Analyse:

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6 Kommentare leave one →
  1. Eva permalink
    10. Mai 2012 20:00

    Interessanter Artikel! Aber beim Punkt „Verhältnis positive/ negative Aussagen“ ist das Diagramm falsch beschriftet, oder?

    • 11. Mai 2012 10:05

      Vielen Dank für den Hinweis! Es ist immer wieder faszinierend, was man trotz mehrfachem Durchschauen von mehreren Personen noch übersieht. :-) Ich habe das jetzt gleich korrigiert.

      Beste Grüße
      Jan Kercher

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