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Neues aus der Forschung: Länge, Verständlichkeit und Dogmatismusgrad der Grundsatzprogramme der deutschen Parteien

3. Mai 2012

Mittlerweile hat die FDP nun auch die finale Version ihres neuen Grundsatzprogramms – der „Karlsruher Freiheitsthesen“ – veröffentlicht. Daher folgt nun – wie bereits angekündigt – der Vergleich des neuen und alten FDP-Grundsatzprogramms mit den Grundsatzprogrammen der übrigen deutschen Bundestagsparteien. Aus aktuellem Anlass beziehen wir zudem das Grundsatzprogramm der Piratenpartei von 2006 in unsere Analyse mit ein.

Länge der Programme

Wie auch bei unseren Wahlprogramm-Checks haben wir uns zunächst einmal die Länge der unterschiedlichen Grundsatzprogramme angeschaut. Aufgrund der unterschiedlichen Satzspiegel und Schriftgrößen der Programme bietet die Anzahl der Wörter hier eine bessere Vergleichsbasis als die Seitenzahl.

Die Ergebnisse der Messung zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Grundsatzprogrammen der Parteien. Ähnlich wie bei den Wahlprogramm-Analysen fällt das Programm der  Grünen wieder mit deutlichem Abstand am längsten aus (ca. 42.000 Wörter). Damit ist es mehr als vier Mal so lang wie das kürzeste Grundsatzprogramm, nämlich das der Piratenpartei (ca. 9.500 Wörter).

Auffällig ist zudem, dass sich die Länge des FDP-Grundsatzprogramms durch die Neuauflage mehr als verdoppelt hat (ca. 23.000 Wörter statt bisher ca. 10.500 Wörter). Damit fällt die finale Version der Karlsruher Freiheitsthesen auch noch einmal deutlich länger aus als der ursprüngliche Entwurf (ca. 14.500 Wörter). Die auf dem Parteitag in Karlsruhe beschlossenen Änderungsanträge haben das Programm also noch einmal um mehr als 50 Prozent länger werden lassen.


Verständlichkeit der Programme

Für die Analyse der Programm-Verständlichkeit haben wir als Vergleichsbasis die Verständlichkeitswerte der Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2009 herangezogen. Insgesamt zeigen sich sehr geringe Verständlichkeitsunterschiede zwischen Grundsatzprogrammen und Bundestagswahlprogrammen. Bei den meisten Parteien scheint es also so etwas wie eine „Stamm-Verständlichkeit“ zu geben.

Die auffälligste Ausnahme zu dieser Regel sind wiederum die Grünen. Deren Grundsatzprogramm belegt mit 6,6 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex nur knapp den drittletzten Platz vor der Piratenpartei. Das Bundestagswahlprogramm 2009 hingegen fällt mit 11,0 Punkten verständlicher aus als alle anderen untersuchten Wahl- und Grundsatzprogramme.

Die Verständlichkeit des alten und neuen FDP-Grundsatzprogramms unterscheiden sich kaum. Die „Karlsruher Freiheitsthesen“ fallen nur geringfügig verständlicher aus (9,3 Punkte) als die sog. „Wiesbadener Thesen“ (9,0 Punkte). Interessant ist aber, dass die finale Version der „Karlsruher Freiheitsthesen“ eine etwas geringere Verständlichkeit aufweist als der ursprüngliche Entwurf (9,7 Punkte). Die Einarbeitung der Änderungsanträge, die auf dem Karlsruher Parteitag beschlossen wurden, hat also zu einem leichten Absinken der Verständlichkeit geführt.

Dogmatismusgrad der Programme

Auch bei der Dogmatismus-Analyse haben wir als Vergleichsbasis wieder die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2009 herangezogen. Den Dogmatismusgrad kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1.

Betrachtet man die Ergebnisse, so fällt zunächst auf, dass bei den meisten Parteien der Dogmatismusgrad beim Grundsatzprogramm etwas höher ausfällt als beim Wahlprogramm. Das ist ein durchaus plausibles Ergebnis: Denn die Grundsatzprogramme richten sich v.a. an die eigenen Parteimitglieder und können deshalb kompromissloser formuliert werden als die Wahlprogramme, die eine deutlich breitere und damit auch heterogenere Zielgruppe ansprechen und überzeugen wollen. Ausnahmen zu dieser Regel sind das neue FDP-Grundsatzprogramm, das exakt denselben Dogmatismusgrad aufweist wie das letzte FDP-Bundestagswahlprogramm, sowie das Piraten-Programm, das sogar etwas weniger dogmatisch ausfällt als das letzte Wahlprogramm.

Das Grundsatzprogramm der SPD erzielt den höchsten (0,47 Punkte), das Programm der CDU den niedrigsten Dogmatismuswert (0,40 Punkte). Dabei fällt jedoch auf, dass sich die Werte alle innerhalb einer sehr geringen Bandbreite bewegen, anders als z.B. bei unseren Dogmatismusanalysen zur Landtagswahl im Saarland. Hier lagen die Dogmatismuswerte zwischen 0,28 Punkten (CDU) und 0,44 Punkten (Piratenpartei). Angesichts dieser geringen Bandbreite fällt der Unterschied zwischen neuem und altem FDP-Grundsatzprogramm durchaus beachtlich aus: Lag das alte Programm mit 0,45 Punkten noch auf dem zweiten Platz der Dogmatismus-Rangliste (gemeinsam mit der CSU), so teilt sich das neue FDP-Grundsatzprogramm nun den vorletzten Platz mit den Grünen (0,41 Punkte).

Im zweiten Teil werden wir uns mit den Inhalten der Grundsatzprogramme beschäftigen, d.h. mit der Wort- und Themenwahl der Parteien.

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.
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4 Kommentare leave one →
  1. foo permalink
    9. Mai 2012 20:07

    Nach welchem Verfahren wird denn bei dieser Analyse die „formale Verständlichkeit“ ermittelt? Für den Dogmatismus wird ja auf DOTA-Verfahren nach Ertel verwiesen, aber für die Verständlichkeit fehlt mir die Methodik.

    • 10. Mai 2012 11:20

      Vielen Dank für den Hinweis! Ich hatte das in diesem Beitrag nicht noch einmal erläutert, weil wir es bereits in vielen vorigen Beiträgen erläutert haben und es sich hier ja nur um eine kurze „Sofortanalyse“ handelte. Aber da es natürlich trotzdem den ein oder anderen Leser (wie Sie :-)) interessieren könnte, habe ich die Erläuterung zur Methode nun noch ergänzt.

      Beste Grüße
      Jan Kercher

Trackbacks

  1. Neues aus der Forschung: Themengewichtung, Verständlichkeit und Dogmatismusgrad des alten und neuen FDP-Grundsatzprogramms « campaignwatchers.de
  2. Campaignwatch: Merkel vs. Steinbrück – Die Parteitagsreden im Vergleich (Verständlichkeit, Dogmatismusgrad, begriffliche Schwerpunkte) « campaignwatchers.de

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