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US-Wahlkampf, Lektion 8 (Teil 2): Setze opportune Zeugen ein, so oft du kannst

27. April 2012
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Gestern gab es wieder ein schönes Beispiel für den geschickten Einsatz opportuner Zeugen im US-Wahlkampf. Diesmal hat das RNC (Republican National Committee) zugeschlagen. Denn den Opposition Researchers des RNC ist offensichtlich aufgefallen, das Luis Gutierrez, ein demokratischer Vertreter im US-Repräsentantenhaus, bei einem Interview in der Sendung „Face to Face“ ein paar Dinge gesagt hat, die Obama nicht sonderlich freuen dürften.

Zwei Zitate haben die Republikaner aus dem Interview herausgeschnitten und auf YouTube veröffentlicht: „The president hasn’t done everything he promised and he has a problem.“ und „He has a huge credibility gap.“ Natürlich kann man nun einwenden, dass solche Zitate immer gerne aus dem Kontext gerissen werden, was ja hier zweifellos auch der Fall ist. Leider konnte ich diesen Kontext bisher nicht gegenchecken, weil das komplette Interview im Netz bislang nicht aufzufinden ist (falls es doch jemand findet, bin ich für Hinweise sehr dankbar).

Was mich allerdings schon ein wenig verwundert, ist der geradezu sichtbare Eifer von Gutierrez, mit dem er die Kritik des Interviewers an Obama bestätigt (man beobachte mal sein eifriges Kopfnicken beim ersten Video :-)). Entweder ist das eine ganz ausgeklügelte rhetorische Strategie und nach dem Schnitt der Republikaner folgt ein genialer Konter, der alle vorherigen Antworten ins genaue Gegenteil verkehrt oder wir haben es hier mit jemandem zu tun, der sich seine Wiederwahlchancen nicht durch die niedrigen Zustimmungswerte des aktuellen Präsidenten verbauen lassen will und deshalb lieber mal ein wenig auf Distanz geht.

Aber selbst wenn Ersteres zutreffen sollte: Wer nicht erst seit gestern den amerikanischen Wahlkampf beobachtet, dem sollte eigentlich bewusst sein, dass man als amerikanische Politiker – gerade in Wahlkampfzeiten und gerade bei einem öffenltich übertragenen Fernseh-Interview – Aussagen vermeiden sollte, die sich nur allzu leicht aus dem Kontext reißen und von der Gegenseite instrumentalisieren lassen. Die Opposition Researchers der Republikaner werden gestern jedenfalls ein kleines Fest gefeiert haben… :-)

Nachtrag (11.05.2012): Nachdem mich Felix Reimer freundlicherweise auf einen Link hingewiesen hat, unter dem man sich alle aktuellen Face to Face-Intervies anschauen kann, habe ich mir die beiden relevanten Stellen im Interview nun noch einmal genauer angeschaut. Allerdings muss ich sagen, dass sie auch mit dem entsprechenden Kontext nicht viel positiver für Obama ausfallen.

Allerdings ergibt sich durchaus ein anderes Bild, wenn man sich das komplette Interview mit Luis Gutierrez anschaut, da er Obama in allen anderen Punkten gegenüber dem Moderator verteidigt. Die Republikaner haben sich also – wie schon vermutet – die beiden kurzen Stellen herausgepickt, in denen Gutierrez Kritik an Obama übt bzw. der Kritik des Moderators nicht widerspricht (wie im Rest des Interviews).

Das zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem man sich als amerikanischer Politiker in Wahlkampfzeiten bewegt. Und dass im Wahlkampf jede parteiinterne Kritik am Präsidenten mindestens doppelt so stark wiegt wie sonst. Denn so eine Möglichkeit lässt sich der politische Gegner natürlich nicht entgehen.

Ältere Beiträge zum Thema „opportune Zeugen“ im Wahlkampf:

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