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Neues aus der Forschung: Verständlichkeit, Tonalität und Dogmatimusgrad der Wahlprogramme in Schleswig-Holstein

25. April 2012
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Am 24. April wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Sechs Parteien können sich mehr oder weniger berechtigte Hoffnungen auf einen Einzug in diesen Landtag machen. Zehn Tage vor dem Wahltag werfen wir nun einen Blick auf Verständlichkeit, Tonalität und Dogmatismusgrad der Wahlprogramme von CDU, SPD, FDP, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linke und Piratenpartei.

Verständlichkeit

Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme abschätzen zu können, unterzogen wir sie – wie schon bei früheren Wahlen – einer Lesbarkeitsanalyse mit der Textanalyse-Software TextLab. Diese berechnet u.a. den Hohenheimer Index für Wahlprogramme, eine von uns entwickelte Meta-Lesbarkeitsformel, die die formale Verständlichkeit der Programme von 0 (sehr unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) misst. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erreichen auf diesem Index im Durchschnitt einen Wert von 4,3 Punkten, Bild-Zeitungs-Artikel aus dem Politik-Teil in etwa einen Wert von 16,8 Punkten.

Betrachtet man die Ergebnisse, so lässt sich zunächst feststellen, dass die FDP mit Abstand den letzten Platz belegt. Ihr Programm erreicht lediglich 5,6 Punkte auf dem Hohenheimer Index. Am oberen Ende des Verständlichkeitsrankings befindet sich die Linkspartei mit 9,4 Punkten. Dies ist gleichzeitig der höchste Wert, den Die Linke bislang bei unseren Wahlprogramm-Checks erreicht hat. SPD (8,6) und Grüne (8,4) folgen fast punktgleich auf Rang 2 und 3. Wie schon im Saarland belegt die Piratenpartei mit 7,7 Punkten den vierten Rang, kurz vor der CDU (7,2).

Wie bei früheren Wahlprogramm-Analysen schneiden die Kurzfassungen der Wahlprogramme im Vergleich zu den Langfassungen deutlich verständlicher ab – bis auf das sog. „Sofort-Programm“ der SPD. Dieses erreicht lediglich einen Wert von 4,9 Punkten und liegt damit sogar noch unterhalb der Langfassung der FDP – und nur knapp über dem Mittelwert politikwissenschaftlicher Doktorarbeiten (4,3). Besonders verständlich fallen hingegen die „10 Gründe“ der Grünen aus (13,4 Punkte). Die Linke legt als einzige Partei kein Kurz- oder Sofortprogramm vor.

Tonalität

Zum ersten Mal haben wir auch die Tonalität der Wahlprogramme untersucht. Hierfür haben wir die Programme nach positiven und negativen Aussagen und Ausdrücken durchsucht. Auch bei dieser Analyse diente TextLab als Analyse-Software. Im ersten Schritt wurden alle Programme automatisiert auf die Verwendung positiver und negativer Begriffe und Aussagen untersucht. Anschließend wurden alle Treffer kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert bzw. nicht gefundene Aussagen im System ergänzt. Am Ende des Prozesses wurden dann alle Texte erneut analysiert.

Beispiele für positive Ausdrücke sind „Wohlstand“ und „Zugewinn“, Beispiele für negative Ausdrücke hingegen „Armut“ und „Verlust“. Als positive Aussage wurde z.B. folgender Satz gezählt: „Wir wollen ihre Finanzierung durch die Krankenkassen absichern und ausbauen.“ Als negative Aussage hingegen zählte der Satz: „Es ist immer schwerer, das Wohlstandsversprechen einzulösen, das unsere Gesellschaft in der Vergangenheit einmal zusammengehalten hat.“

Betrachtet man die Ergebnisse der Tonalitätsanalyse, so zeigt sich – bis auf die Ausnahme der SPD – eine klare Aufteilung in Regierungsparteien (CDU, FDP) und Oppositionsparteien (Bündnis 90 / Die Grünen, Piratenpartei, Die Linke). Denn in den Programmen der Regierungsparteien überwiegen positive Aussagen deutlich stärker als in den Programmen der drei erwähnten Oppositionsparteien. So kommen bei der CDU im Themenbereich Bildung & Forschung auf eine negative Aussage 20,5 positive Aussagen, bei der Linken hingegen nur 1,7 positive Aussagen.

Diese Ergebnisse sind äußerst plausibel, müssen doch die Regierungsparteien versuchen, ihre Bilanz möglichst positiv darzustellen, während die Opposition im Allgemeinen bemüht ist, die Regierungsbilanz (und ihre Folgen) zu kritisieren. Die einzige Partei, die aus dieser Logik ausbricht, ist die SPD. Denn ihr Wahlprogramm weist eine äußerst positive Tonalität auf und übertrifft hierin sogar die FDP.

Der bereits häufiger geäußerte Vorwurf, die SPD betreibe in Schleswig-Holstein einen „Kuschel-“ oder „Wohlfühl-Wahlkampf“, scheint also nicht vollkommen aus der Luft gegriffen zu sein. Dem entspricht im Übrigen – durchaus im positiven Sinne – auch die Gestaltung des SPD-Programms: Es handelt sich hierbei um das ansprechendste und freundlichste Layout, das uns bislang bei unseren Wahlprogramm-Checks begegnet ist, während bei den anderen Parteien nach wie vor Bleiwüste angesagt ist.

Dogmatismusgrad

Bei unserer Analyse zu den saarländischen Wahlprogrammen haben wir zum ersten Mal den Dogmatismusgrad erhoben. Diesen kann man über das sogenannte DOTA- oder DTA-Verfahren von Ertel (1972) bestimmen. Hierfür werden bestimmte Wörter und Wortgruppe ausgezählt, die auf einen hohen bzw. niedrigen Dogmatismusgrad schließen lassen und anschließend miteinander verrechnet. So lassen beispielsweise die Wörter “immer”, “nie”, “ausschließlich” und “müssen” auf einen höheren Dogmatismusgrad schließen als die Wörter “gelegentlich”, “selten”, “auch” und “können”. Der mögliche Wertebereich des Dogmatismusgrads reicht von 0 bis 1, wobei die Wahlprogramme im Saarland lediglich Werte zwischen 0,28 und 0,44 Punkten aufwiesen. (Höhere Werte werden vermutlich nur von extremistischen Parteien erreicht.)

In Schleswig-Holstein liegen die Ausprägungen des Dogmatismusgrades zwischen Werten von 0,3 (CDU) und 0,48 Punkten (Die Linke). Anders als im Saarland weist das Piraten-Programm als nicht den höchsten, sondern nur den zweithöchsten Dogmatismusgrad auf (0,41 Punkte). Die FDP formuliert nur geringfügig dogmatischer als die CDU (0,33 Punkte), gefolgt von den Grünen mit 0,36 Punkten und der SPD mit 0,39 Punkten.

Der komplette Wahlprogramm-Check mit zusätzlichen Auswertungen und Grafiken kann hier als PDF heruntergeladen werden. Eine Kurz-Version der Ergebnis-Präsentation findet sich hier.

Literatur zum DOTA-Verfahren nach Ertel:

  • Ertel, Suitbert (1972): Erkenntnis und Dogmatismus. Psychologische Rundschau, Nr. 23, S. 241-269.
  • Günther, Ulrich / Groeben, Norbert (1978): Mißt Ertels Dogmatismus-Textauswertungs-Verfahren Dogmatismus? Ansätze zur Konstruktvalidierung des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 85-131.
  • Stadler, Michael / Huckenbeck, Bernd / Spanuth, Rudolf (1978): Erkenntnistheorie oder Dogmatismus: Validität und innere Konsistenz des DTA-Verfahrens. In: Keiler, Peter / Stadler, Michael (Hrsg.): Erkenntnis oder Dogmatismus? Kritik des psychologischen “Dogmatismus”-Konzepts. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag, S. 210-238.
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