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Campaignwatch: Analyse der Wahlspots zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein, Teil 2: Grüne und FDP

18. April 2012
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Im zweiten Teil unserer Wahlspot-Analyse für Schleswig-Holstein beschäftigen wir uns mit den Spots von Bündnis 90 / Die Grünen und FDP. Im dritten Teil folgen dann die Spots von Linkspartei, Piratenpartei und SSW.

Bündnis 90 / Die Grünen

Auch hier wieder mein erster, spontaner und persönlicher Eindruck: Der Grünen-Spot ist anders. Anders als die Spots von CDU und SPD. Aber auch anders als die meisten bisherigen Wahlspots überhaupt. Denn er setzt nicht auf schöne Bilder von Landschaften, Kindern und hübschen Menschen. Sondern einzig und allein auf die beiden Spitzenkandidaten der Grünen, Monika Heinold und Robert Habeck.

Diese Alleinstellung der beiden Spitzenkandidaten im Spot wird zudem kombiniert mit einem auffälligen, weil außergewöhnlichen Konzept der Kandidatenpräsentation. Heinold und Habeck sitzen auf zwei Stühlen direkt am Hafen und sprechen abwechselnd in die Kamera. Die Dynamik des Spots wird dabei durch eine unruhige Schnitt- und Zoomtechnik sowie den Kniff erreicht, dass die beiden Kandidaten immer wieder Sitzpositionen und Stühle wechseln.

Weitere Auffälligkeit des Grünen-Spots: Er enthält eine Art Erklärstück zum Zweistimmen-Wahlrecht. So erläutert Habeck gegen Ende des Spots: „Mit der Erststimme wählen Sie den Kandidaten oder die Kandatin für ihren Wahlkreis. Mit der Zweitstimme entscheiden Sie darüber, ob die Grünen so stark werden, dass sie in eine Regierung mit eintreten.“ Verknüpft wird diese Erklärung schließlich ganz am Ende mit dem Aufruf „Zweitstimme Grün“.

Fazit: Der Grünen-Spot ist anders. Und deshalb sicherlich nicht für jeden Zuschauer etwas. Denn er setzt v.a. auf die Überzeugungskraft der beiden Spitzenkandidaten und kaum auf emotionale Ausstrahlungseffekte durch schöne Bilder und knackige Slogans. Er dürfte aber durchaus dafür geeignet sein, die Zielgruppe der Grünen (in der Regel besser gebildete, besser verdienende, politisch überdurchschnittlich interessierte Wähler) erfolgreich anzusprechen. Denn obwohl er ganz offensichtlich mit einem sehr knappen Budget (und deshalb möglichst geringem Aufwand) produziert wurde, wirkt er nicht unprofessionell oder hausgemacht, sondern nüchtern und authentisch. Wodurch er sich aus Sicht der (anspruchsvollen) Zielgruppe vermutlich durchaus positiv von den üblichen Wahlspots abhebt.

P.S.: Ein Problem stellt aus meiner Sicht allerdings die Diskrepanz zwischen Wahlspot und Plakat-Kampagne der Grünen dar. Während die Partei bei den Plakaten einzig und allein auf Robert Habeck setzt, wird er im Wahlspot als gleichberechtigter Spitzenkandidat neben Monika Heinold präsentiert. Sollte dahinter eine tiefere Logik stecken, so erschließt sie sich mir nicht. Die einzige naheliegende Erklärung für mich: Heinold wurde als nicht geeignet für eine Präsentation auf den Plakaten befunden. Denn würde man voll und ganz auf den Spitzenkandidaten Habeck setzen, müsste man diesen auch im Spot alleinstellen.

FDP

Mein erster, spontaner und persönlicher Eindruck zum FDP-Spot: Hier haben wir es wieder mit einem klassischen Wahlspot zu tun, der niemandem weh tut, aber dafür auch etwas beliebig und verwechselbar wirkt. Diese Beliebigkeit drückt sich v.a. in den üblichen schönen Bildern von Land und Leuten aus: Der Spot beginnt mit Luftaufnahmen von Schleswig-Holstein und Eindrücken aus dem Arbeitsalltag seiner Bürger. Dazu werden verwechselbare und relativ nichtssagende Slogans eingeblendet, die mehr nach Produktwerbung klingen als nach politischen Inhalten: „Schleswig-Holstein kann inspirieren.“, „Schleswig-Holstein kann etwas leisten.“, „Schleswig-Holstein kann anpacken.“, „Schleswig-Holstein kann optimistisch sein.“, „Schleswig-Holstein kann innovativ sein.“ Ja, und was hat das mit der FDP zu tun? fragt man sich da unwillkürlich.

Dann der Bruch: Die schönen Bilder sind vorbei, die Slogans auch, Spitzenkandidat Kubicki wird eingeblendet und richtet sich an die Zuschauer: „Liebe Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner, die Wahl am 6. Mai ist eine Schicksalswahl für unser Land, es geht um die Zukunft Schleswig-Holsteins und der Menschen, die hier leben.“ Einen noch unpassenderen Übergang vom ersten Teil des Spots, der ja offensichtlich Optimismus und gute Laune verbreiten soll, kann man sich kaum vorstellen. Denn hier werden zwei vollkommen widersprüchliche Botschaften ohne nachvollziehbare Erklärung aneinander gereiht (1. „Wir setzen auf Optimismus!“, “ 2. „Der Untergang droht!“). Die auch im zweiten Teil freudig im Hintergrund weiter dudelnde Hintergrundmusik steht zudem in einem merkwürdigen Widerspruch zur Drohkulisse von Kubicki (Motto: „Wer nicht FDP wählt, gefährdet die Zukunft unseres Landes.“).

Auch danach wird es (leider) nicht besser. Kubicki: „Nur mit einer starken FDP gibt es weniger Schulden, wird der Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein gestärkt und das Wachstum gesichert. Nur eine starke FDP garantiert die Förderung aller Begabungen unserer Kinder und das Abitur nach neun Jahren an Gymnasien. Nur eine starke FDP schafft einen fairen Ausgleich in der Gesellschaft, insbesondere die Förderung von Familien mit Kindern. Also viele gute Gründe, am 6. Mai konsequent die FDP zu wählen.“ Nach diesem Teil des Spots musste mir tatsächlich ein Lachen verkneifen. Und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Seit wann steht die FDP für „fairen Ausgleich“ und die „Förderung von Familien mit Kindern“? Habe ich da etwas verpasst oder würde man diese Forderungen nicht eher bei der politischen Konkurrenz vermuten? Meine spontane Assoziation: Ist das der Ausdruck der Verzweiflung bei der FDP, dass man jetzt einfach die Kernthemen anderer Parteien als Kernthemen der FDP verkauft?
  2. Das dies alles „nur mit der FDP“ zu schaffen ist, scheint mittlerweile kaum noch jemand zu glauben, wenn man sich einmal die aktuellen Umfragewerte anschaut. Man kann der FDP natürlich nicht verbieten, dies trotzdem zu behaupten (und vielleicht auch zu glauben). Nur: Unfreiwillig komisch wirkt es trotzdem.
  3. Der Satz „Also viele gute Gründe, am 6. Mai konsequent die FDP zu wählen.“ bewirkt – zumindest bei mir – die Assoziation: Die FDP glaubt selbst nicht mehr daran, dass die Wähler wissen, weshalb sie eigentlich noch FDP wählen sollen. Deshalb sagt sie es lieber nochmal ganz explizit, damit es auch jeder versteht. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als Kubicki kurz darauf die Wähler fast schon fast darum anfleht, doch „jedenfalls“ mit der Zweitstimme FDP zu wählen.  Klingt in der aktuellen Lage ein bisschen nach:  „Tun Sie uns doch wenigstens noch diesen einen Gefallen!“

Es folgen dann noch einmal schöne Bilder, kombiniert mit zwei weiteren, nichtssagenden Werbesprache-Slogans: „Schleswig-Holstein kann Hoffnung wecken.“, „Schleswig-Holstein kann stolz sein.“. Zum Abschluss des Spots dann ein weiterer Bruch in der Erzähl-Logik: Eingeblendet wird das Kubicki-Wahlplakat mit dem Slogan „Wählen Sie doch, was Sie wollen“. Aber: Was hat das denn mit dem Inhalt des Spots zu tun? Richtig: Gar nichts. Der Plakat-Slogan wirkt deshalb deplatziert und verwirrt nur. Denn gerade eben hatte Kubicki doch ausführlich erläutert, dass das Schicksal des Landes davon abhängt, dass man nicht wählt, was man will, sondern eben die FDP („jedenfalls“ mit der Zweitstimme).

Fazit: Mag sein, dass ich in dem Spot Schwächen erkenne, die vielen Zuschauern beim flüchtigen Sehen nicht auffallen werden. Trotzdem bin ich entsetzt darüber, dass so ein Spot von der FDP abgenommen wurde. Denn die Zielgruppe der FDP weist ja ganz ähnliche Merkmale auf wie die Zielgruppe der Grünen (hoch gebildet, gut verdienend, politisch interessiert) und lässt sich deshalb nicht so einfach mit schönen Bildern, heiterer Musik, nett klingenden Slogans und einer unfreiwillig komischen Ansprache des Spitzenkandidaten überzeugen. Würde ich zumindest mal vermuten.

Nachtrag [24.04.2012]: Gerade werde ich per Kommentarfunktion darauf hingewiesen, dass es sich bei dem FDP-Spot zur Landtagswahl zu großen Teilen um den recycelten Wahlspot zur letzten Bundestagswahl handelt. Was auch die Brüche im Spot erkläre. Das habe ich natürlich gleich mal überprüft und bin dabei auf YouTube tatsächlich fündig geworden:

Bis auf die Ansprache von Kubicki und die Einblendung des Wahlplakats am Ende des aktuellen Landtagswahlspots ist demnach wirklich alles aus dem Bundestagswahlspot übernommen. Kein Wunder also, dass diese Teile nicht wirklich zu Kubickis Ansprache passen und auch nicht zum Slogan der aktuellen Kampagne („Wählen Sie doch, was Sie wollen“). Wirklich lustig, ich weiß nicht, ob sich das vor der FDP schonmal eine andere Partei getraut hat (falls doch, bin ich für Hinweise dankbar). Da muss das Wahlkampf-Budget ja wirklich arg knapp ausgefallen sein… :-)

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2 Kommentare leave one →
  1. Mehrheitswahl permalink
    24. April 2012 13:13

    Hallo, Herr Kercher, vielen Dank für die spannende Analyse der Wahlspots. Dass Sie beim Film der FDP an den beiden Brüchen verzweifeln, könnte daran liegen, dass die Liberalen im ersten Teil ihren alten Spot zur Bundestagswahl 2009 recyclen. Die schleswig-holsteinischen Botschaften sind einfach über die alten Texte drübergelegt. Wenn man genau hinschaut, sieht man sie sogar noch weiß durchschimmern. Der Break, wenn Herr Kubicki ins Bild kommt: Das ist das originär Neue für diese Landtagswahl. Damit dürfte dieser Spot der preiswerteste aller Parteien gewesen sein…

    • 24. April 2012 14:57

      Super, vielen Dank für diesen hilfreichen Hinweis, ich habe das gleich als Nachtrag in den Beitrag aufgenommen! :-)

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