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Campaignwatch: Die Plakat-Kampagne der Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen – Mehr Stil als Ziel?

5. April 2012

Nebeb Linkspartei und SPD hat auch die Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen mittlerweile die erste Welle ihrer Themen-Plakate veröffentlicht. Betrachtet man zunächst einmal nur die Slogans der Plakate, so fällt auf: Abgesehen von der Bildungspolitik („Keine Bildung ist viel zu teuer“) wird kein klassisches Politik-Feld behandelt und kein inhaltliches politisches Ziel benannt.

So beschreiben fünf der sechs Plakate eher die Ansprüche an den Politik-Stil der Piraten als die inhaltlichen Ziele der Partei: „Du bist systemrelevant“, „Lieber einen albernen Namen als lächerliche Politik“, „Nicht käuflich, nur wählbar“, „Wir halten uns an das Grundgesetz, da sind wir konservativ.“, „Für dieses System ist ein Update verfügbar“.

     

     

Damit hebt sich die Plakat-Kampagne der NRW-Piraten deutlich von der Kampagne der Saar-Piraten ab, die mit ihren Slogans sehr viel stärker klassische Politik-Felder aufgegriffen („Lernziele statt Lehrpläne“, „Familie hat viele Gesichter“, „Lebenswerte Umwelt erhalten“) und politische Ziele benannt hatten („Jana (16) hätte gerne die Wahl“, „Transparenz im Staatswesen“, „Erst der Mensch, dann der Markt“).

Doch auch wenn man den NRW-Piraten aufgrund dieser „Stil statt Ziel“-Strategie eine gewisse Inhaltsleere vorwerfen kann: Zum aktuellen Erscheinungsbild der Piratenpartei scheint diese Form der Wahlkampfkommunikation sehr viel besser zu passen als die fast schon konservative Plakat-Strategie der Saar-Piraten. Denn: Für viele Wähler stehen die Piraten vermutlich bislang eher für einen bestimmten Politik-Stil (teilweise sicherlich auch in der Ausprägung „irgendwie anders“) als für klar benennbare politische Inhalte.

Interessant ist zudem die Vorgeschichte zu den Wahlplakaten der NRW-Piraten. Denn diese wurden – streng basisdemokratisch – in einem zweistufigen Verfahren per Doodle-Abstimmung ausgewählt. In der ersten Runde ging es dabei um die Auswahl zwischen sieben Entwürfen für das Plakat-Design. Mit 181 von insgesamt 818 Stimmen (22 Prozent) gewann hierbei das Design „7tA“. Hier ein Überblick über die restlichen sechs Design-Entwürfe:

     

     

In der zweiten Runde wurde dann über insgesamt 84 Slogan-Vorschläge abgestimmt. Dabei wurden insgesamt 58.632 (!!) Stimmen abgegeben. Aus den „Top 10“, d.h. den zehn Slogans, die die meisten Stimmen erhielten, wurden dann fünf Slogans für die erste Plakat-Welle ausgewählt und um einen weiteren Slogan („Du bist systemrelevant“) ergänzt (wie es dieser sechste Slogan in die erste Plakat-Welle geschafft hat, konnte ich leider noch nicht herausfinden). Dieser sechste Slogan war nach Auskunft der Piratenpartei uns gegenüber bei der Abstimmung leider vergessen worden, war aber trotzdem „besonders beliebt“. (Wobei ich mich gerade frage, wie diese Beliebtheit gemessen wurde, wenn er bei der Abstimmung vergessen wurde, wäre also toll, wenn uns die Piratenpartei das auch noch mitteilen könnte. :-))

  1. Für dieses System ist ein Update verfügbar (361 Stimmen)
  2. Lieber einen albernen Namen als lächerliche Politik (290 Stimmen)
  3. Fragt mal eure Kinder, warum sie uns wählen (283 Stimmen)
  4. Nicht käuflich, nur wählbar (274 Stimmen)
  5. Unser Wahlprogramm darf kopiert werden (271 Stimmen)
  6. Unser Programm gilt auch nach der Wahl (259 Stimmen)
  7. Kein Lobbyist zahlte für dieses Plakat (252 Stimmen)
  8. Danke, dass Sie unser Plakat lesen. Wir haben auch ein Wahlprogramm. (250 Stimmen)
  9. Wir halten uns an das Grundgesetz, da sind wir konservativ. (249 Stimmen)
  10. Keine Bildung ist zu teuer (232 Stimmen)

Betrachtet man die fünf übrigen Slogans aus den Top 10 („Fragt mal eure Kinder, warum sie uns wählen“, „Unser Wahlprogramm darf kopiert werden“, „Unser Programm gilt auch nach der Wahl“, „Kein Lobbyist zahlte für dieses Plakat“, „Danke, dass Sie unser Plakat lesen. Wir haben auch ein Wahlprogramm.“), so finden sich auch hier keine inhaltlichen politischen Ziele.

Es fragt sich deshalb, ob sich der Schwerpunkt auf Stil-Fragen bei den Slogans durch den basisdemokratischen Selektionsmodus erklären lässt oder ob bereits die Entwürfe für die Wahl-Slogans kaum inhaltliche politische Ziele enthielten. Ein Blick auf die 84 zur Wahl stehenden Slogans zeigt: Nur zehn davon lassen sich mit etwas Wohlwollen als inhaltliche Politik-Ziele bezeichnen, nur einer davon schaffte es in die Top 10. Die Erklärung liegt also offensichtlich in einer Mischung aus Vorauswahl- und Auswahl-Effekt:

  • Keine Bildung ist zu teuer
  • Weil Demokratie von Bildung lebt
  • Freies Wissen: Chancen für alle
  • Freifunk statt Kameras
  • Fahrscheinlos, nicht planlos.
  • Freie Bürger fahren frei
  • Besser haushalten statt Luftschlösser bauen
  • Ehrensold für alle. Bedingungsloses Grundeinkommen für alle.
  • Menschen sind zu wertvoll für Billiglöhne
  • Quizfrage: Welche Parteien waren 2005 an der Abschaffung des Sozialstaats beteiligt?

P.S.: Einer der 84 Vorauswahl-Slogans wurde nachträglich aus der Abstimmungsliste gestrichen: „Du willst es doch auch“. Begründung: „Dieses Motiv wird’s eh nicht geben. Das ist auch gar nicht lustig! Basta! Shitstorms bitte an @7tA“.

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13 Kommentare leave one →
  1. Oliver permalink
    18. April 2012 00:51

    > „um einen weiteren Slogan (“Du bist systemrelevant”) ergänzt (wie es dieser sechste Slogan in die erste Plakat-Welle geschafft hat, konnte ich leider noch nicht herausfinden)“
    Die Lösung: Er wurde bei der Abstimmung schlicht vergessen. Es hätten 85 Slogans aus der Vorwahl im Pad (wo etliche Piraten mit +1 gute Slogans markierten) in die Abstimmung kommen sollen. “Du bist systemrelevant” war besonders beliebt.

    • 18. April 2012 10:22

      Hallo Oliver, vielen Dank für die Rückmeldung und die Erläuterung! Was ich mich jetzt nur noch frage, ist, wie die besondere Beliebtheit des Slogans gemessen wurde, wenn er doch bei der Abstimmung vergessen wurde. :-) Wäre toll, wenn ihr uns das auch noch kurz erläutern könntet, damit wir es im Beitrag entsprechend erklären können.

  2. @de_Wastl permalink
    16. Mai 2012 10:21

    Die erste Plakatwelle ging bereits vor dem Sonderparteitag (Programmparteitag) in Druck. Daher konnten programmatische Plakate erst danach, mit der 2. Welle, erstellt werden. „Bildung“ war da wohl einzig sicher… ;)

  3. Derendorfer permalink
    18. Mai 2012 10:39

    Also ich denke schon, dass die NRW-Plakate inhaltlich politischen Ziele enthalten, man muss sie nur verstehen und interpretieren:

    „Du bist systemrelevant”:
    Wir stehen für Basisdemokratie und direkte Mitbestimmung durch die Wähler.
    “Lieber einen albernen Namen als lächerliche Politik”:
    Wir denken erst nach und handeln dann, nicht erst etwas machen und dann merken das es so gar nicht funktionieren kann.
    “Nicht käuflich, nur wählbar”:
    Wir sind gegen Lobbyismus.
    “Wir halten uns an das Grundgesetz, da sind wir konservativ.”:
    Wir sind gegen die Abschaffung und Aushöhlung der Grund- und Bürgerrechte (z.B. durch Vorratsdatenspeicherung und Zensur).
    “Für dieses System ist ein Update verfügbar”:
    Wir modernisieren die Politik und ändern bestehende, verkrustete Strukturen und bringen frischen Wind in die Politik.

    Wobei dies meine Deutungen sind, und jeder dies auch anders deuten kann.

    • 22. Mai 2012 16:15

      Hallo Frau/Herr Derendorfer,

      vielen Dank für Ihre Rückmeldung zur Plakat-Analyse! Zwei Anmerkungen hierzu von mir: Die Aussagen, die Sie beschreiben, sind aus meiner Sicht eben keine inhaltlichen Aussagen. Damit meine ich, dass sich die (auf den Plakaten) kommunizierten Botschaften nicht auf politische Inhalte beziehen (also auf die Frage, WAS politisch erreicht werden soll), sondern v.a. auf Forderungen bezüglich des politischen Stils bzw. politischer Verfahren (und damit eher auf die Frage, WIE etwas politisch erreicht werden soll). Beispiel Basisdemokratie: Die Forderung nach mehr Basisdemokratie ist ja eine Forderung nach Änderung eines Verfahrens, keine Forderung nach Änderung von politischen Inhalten. Möglicherweise wäre mit der Einführung von mehr Basisdemokratie auch eine Änderung der politischen Inhalte verbunden, aber nicht zwangsläufig.

      Es geht mir bei der Feststellung, dass sich die Plakate der Piraten v.a. auf politischen Stil und politische Verfahren beziehen also gar nicht um eine Wertung, sondern zunächst einmal nur um die Feststellung, dass es hier einen auffälligen Unterschied zu den anderen Parteien gibt, die sich weniger mit politischem Stil und politischen Verfahren beschäftigen und mehr mit den „klassischen“ inhaltlichen Themen wie eben z.B. Bildungspolitik, Umweltpolitik usw.. D.h. hier geht es mehr darum, WAS politisch erreicht werden soll, während es bei den Piraten v.a. darum geht, WIE etwas erreicht werden soll. Das heißt also nicht, dass ich den Piraten unterstelle, KEINE Inhalte zu haben, sondern eben andere Inhalte als die anderen Parteien.

      Zweiter Punkt: Verständlichkeit. Vielen Dank für Ihre „Übersetzung“ der Plakate! :-) Das Problem ist eben, dass diese „Übersetzungen“ großenteils wirklich nötig sind, weil viele Plakatbetrachter die Plakate sonst vermutlich kaum verstehen. Zumindest nicht in der kurzen Zeit, in der Plakate normalerweise betrachtet werden (ca. 1 bis 2 Sekunden). Und genau das ist ja das Problem. Ich kann schon verstehen, dass aus Parteien- oder Mitgliedersicht ironische oder subtile Slogans sehr viel interessanter und anregender sind. Allerdings richten sich die Plakate ja v.a. an die „Normalbürger“ und deren politisches Interesse und Hintergrundwissen ist bekanntlich sehr viel geringer als bei den Parteimitgliedern. Weshalb man sich aus meiner Sicht v.a. an dieser Zielgruppe ausrichten sollte und nicht an den eigenen Vorlieben. Ich kann mir vorstellen, dass das ein wenig frustrierend ist für die Plakatgestalter, aber deshalb einfach auszublenden, dass ironische oder subtile Wahlplakate an einem Großteil der Wähler vorbeikommunizieren, ist meiner Meinung nach auch keine wirklich gute Lösung dieses Problems. Aus parteistrategischer Sicht, ebenso wie aus demokratietheoretischer Sicht. Die Grünen tun sich mit dieser Erkenntnis aber übrigens ähnlich schwer wie die Piraten.

      Beste Grüße
      Jan Kercher

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