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Neues aus der Forschung: Die Verständlichkeit der Wahlprogramme im Saarland, Teil 6: Piratenpartei

19. März 2012
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Mit der Piratenpartei hat vor einigen Tagen die letzte saarländische Partei ihr Wahlprogramm veröffentlicht, die sich berechtigte Hoffnungen auf einen Einzug in den Landtag machen kann: Nach aktuellen Umfragen können die Saar-Piraten am kommenden Sonntag mit etwa sechs Prozent der Stimmen rechnen.

Das Wahlprogramm der Piraten wurde auf einem zweitägigen Landesparteitag am 10. und 11. März basisdemokratisch entwickelt und beschlossen: Alle Mitglieder der Partei durften über die Programminhalte mit entscheiden, jedes Mitglied besaß Rederecht. Am ersten Tag des Landesparteitages mussten sich die Parteimitglieder erst einmal auf die Abfolge der zu behandelnden Anträge einigen.

Insgesamt wurden 90 Anträge angenommen und 41 Anträge abgelehnt, 30 Anträge wurden aufgrund von Formfehlern und inhaltlichen Schwächen zurückgezogen. Themenschwerpunkt des Programms ist nun die Bildungspolitik.  Daneben werden auch weitere gängige Themen wie Gesundheitspolitik, Wirtschaftspolitik, Schuldenabbau und Energiepolitik behandelt. Ausgeklammert wurde hingegen das Thema Nichtraucherschutzgesetz, da hier kein Konsens erzielt werden konnte.

Besondere Akzente setzen die Piraten mit ihrer Forderung nach einem Wahlrecht ab 16, dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Breitbandnetzes sowie einer vergleichsweise ausführlichen Behandlung des Tierschutzes. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise festgestellt, „dass der sexuelle Gebrauch von Wirbeltieren (Zoophilie) grundsätzlich einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt und zu ahnden ist“. Zudem unterstützen die Saar-Piraten das „Verbot der Wildtierhaltung in Zirkusbetrieben“.

Unsere Analyse widmete sich wiederum der Frage: Wie verständlich werden die Programminhalte der Piraten kommuniziert? Betrachtet man die Ergebnisse, so lässt sich feststellen: Sowohl im Vergleich mit den anderen saarländischen Parteien als auch im Vergleich zu früheren Wahlprogrammen der Piratenpartei bewegen sich die Saar-Piraten im Mittelfeld.

So fällt die Verständlichkeit nach dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex mit 7,3 Punkten nur knapp schlechter aus als die Verständlichkeit der Wahlprogramme in Rheinland-Pfalz (7,5 Punkte), Baden-Württemberg (7,9 Punkte) und Nordrhein-Westfalen (8,1 Punkte), aber deutlich besser als bei der Bundestagswahl 2009 (6,0 Punkte). Im Vergleich zu den anderen Parteien liegen die Saar-Piraten vor CDU (3,6 Punkte) und den Grünen (6,9 Punkte), aber knapp hinter der SPD (7,5 Punkte), der FDP (7,9 Punkte) und relativ deutlich hinter der Linkspartei (9,3 Punkte).

Dieses Ergebnis bestätigt sich auch bei den durchschnittlichen Satzlängen. Auch hier liegen die Saar-Piraten parteiintern auf dem vorletzten Platz. Bei der durchschnittlichen Wortlänge hingegen schneidet das saarländische Piraten-Programm besser ab als alle übrigen untersuchten Piraten-Programme. Dies spricht für eine vergleichsweise hohe Satzkomplexität bei einer gleichzeitig vergleichsweise niedrigen Wortkomplexität.

Der längste Satz im Piraten-Programm umfasst 49 Wörter: „Die Piratenpartei Saarland lehnt die unverhältnismäßige Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte zur vorgeblichen Abwehr vermeintlich bevorstehender terroristischer Anschläge grundsätzlich ab und fordert ein Ende des staatlich und medial inszenierten Sicherheitstheaters, dessen einziger Sinn darin zu liegen scheint, diffuse Bedrohungsgefühle in der Bevölkerung zu fördern, und diese gleichzeitig in Sicherheit zu wiegen.“

Auch auf der Wortebene finden sich einige Beispiele für vermeidbare oder ungenügend erläuterte Fremdwörter und Fachbegriffe wie „Biozertifizierung“, „eliminierbar“, „Dyskalkulie“, „AD(H)S“, „Teamteaching“, „Equal Treatment-Prinzip“ oder „Co-Workingspaces“. Insgesamt bewegt sich die Fachsprachlichkeit im Piraten-Programm trotzdem auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Angesichts der teilweise speziellen Themen und der eher hoch gebildeten Zielgruppe der Piratenpartei kann dies als durchaus überraschendes Ergebnis bezeichnet werden.

Fazit: Trotz der kurzen Vorbereitungszeit und einer äußerst basisdemokratischen Erstellung  des Wahlprogramms schneiden die Saar-Piraten im parteiinternen Vergleich und im Vergleich mit den anderen saarländischen Parteien durchaus respektabel ab. Allerdings liegen alle bisherigen Piraten-Programme relativ weit entfernt von den bisherigen Spitzenwerten in den Wahlprogramm-Checks.

So erreichte beispielsweise die CDU bei ihren Wahlprogrammen zu den letzten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen jeweils Werte von über 11 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Für die Wahlprogramme der Piraten bei den kommenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ist also durchaus noch Luft nach oben vorhanden. Und zumindest in Schleswig-Holstein steht für die Erarbeitung des Wahlprogramms ja auch deutlich mehr Zeit zur Verfügung als im Saarland.

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5 Kommentare leave one →
  1. Ratking-Agentur permalink
    20. März 2012 08:46

    Wer über die Piratenpartei schreibt, der darf aber die neuesten Entwicklungen nicht einfach außer acht lassen:

    http://ratkingagency.wordpress.com/2012/03/16/nach-den-piraten-jetzt-kommt-die-cowboypartei/

  2. Bla permalink
    20. März 2012 12:33

    „Buhuuu, die Piraten sind nicht rechts genug, buhuuuuuu“

    Wedel dir einen von der Palme und nerv hier nicht mit solchen billigen Propagandablogs.

  3. 20. März 2012 17:49

    Ich vermute einen Zusammenhang von Regierungsverantwortung (bzw die absehbare Möglichkeit eine solche zu erreichen) mit der Formulierung des Parteiprogrammes. So kann man sich als sichere Opposition direkter geben.
    Weiterhin muss natürlich auch die Größe der Parteien berücksichtigt werden. Die Basisdemokratie würde bei größeren Sturkturen vermutlich nur noch schwer umzusetzen sein.

    • 22. März 2012 13:57

      Hallo Herr Geyer,

      vielen Dank für die Rückmeldung! Ja, solche Zusammenhänge haben wir auch vermutet und sogar schon untersucht, und zwar in einem bald erscheinenden Beitrag über die Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme von 1994 bis 2009:
      Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (i.E.): Wahlprogramme als Pflichtübung? Typen, Funktionen und Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme 1994-2009.

      Ihre zweite Vermutung bestätigt sich dabei tendenziell: In den meisten Fällen kamen die verständlichsten Wahlprogramme von CDU und/oder SPD (Langfassungen). So erzielen die Programme von CDU/CSU und SPD im Untersuchungszeitraum (1994 bis 2009) im Schnitt 9,3 Punkte auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex, die Programme von FDP, Grünen und Linken aber nur 7,0 Punkte. Das sieht also schon nach einem relativ eindeutigen Zusammenhang aus, zumindest bei den (langen) Bundestagswahlprogrammen. (Bei den Landtagswahlprogrammen ergibt sich eine ähnliche Tendenz, wie Sie in unserem Wahlprogramm-Checks zu BaWü, NRW und RLP sehen können: https://komm.uni-hohenheim.de/wahlprogramm-check) In Bezug auf die Kurzfassungen zu den Bundestagswahlprogrammen sind noch keine belastbaren Aussagen möglich, weil es die 2009 zum ersten Mal von allen relevanten Parteien gab. 2009 waren allerdings die Kurzprogramme von Grünen und Linken mit Abstand am verständlichsten formuliert.

      Auch der Vermutung, dass Oppositionsparteien in ihren Wahlprogrammen möglicherweise verständlicher kommunizieren, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen müssen, sind wir nachgegangen. Da ergibt sich allerdings ein sehr gemischter Befund. Wenn man sich die Parteien anschaut, die im Untersuchungszeitraum (1994-2009) sowohl in der Regierungs- als auch in der Oppositionsrolle waren, dann ergeben sich zum einen nur sehr geringe Unterschiede zwischen der Verständlichkeit und zum anderen fallen diese nicht immer so aus, wie man sie erwarten würde:
      – CDU/CSU: 8,4 vs. 9,0 Punkte auf dem Hohenheimer Index (Regierung vs. Opposition)
      – SPD: 10,4 vs. 9,0 Punkte auf dem Hohenheimer Index (Regierung vs. Opposition)
      – FDP: 6,7 vs. 7,3 Punkte auf dem Hohenheimer Index (Regierung vs. Opposition)
      – Grüne: 8,4 vs. 7,5 Punkte auf dem Hohenheimer Index (Regierung vs. Opposition)

      Die Annahme bestätigt sich also nur für CDU/CSU und FDP (und da auch nur relativ schwach), nicht aber für SPD und Grüne. Ganz so eindeutig scheint der Zusammenhang von Regierungs- bzw. Oppositionsrolle und Programmverständlichkeit also nicht zu sein. Lediglich bei den Kurzwahlprogrammen von 2009 ergibt sich eine Tendenz in die vermutete Richtung: Die Kurzprogramme der Regierungsparteien (CDU/CSU, SPD) erreichen im Schnitt 11,5 Punkte, die Programme der drei Oppositionsparteien (FDP, Grüne, Linke) im Schnitt 15,1 Punkte. Aber um hier belastbare Aussagen treffen zu können, bräuchte man natürlich mehr als nur eine Wahl.

      Beste Grüße
      Jan Kercher

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  1. Neues aus der Forschung: Verständlichkeit, Dogmatismusgrad und Vokabular der Wahlprogramme im Saarland « campaignwatchers.de

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