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Neues aus der Forschung: Die Verständlichkeit der Wahlprogramme im Saarland, Teil 4: Bündnis 90 / Die Grünen

15. März 2012
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Der vierte Teil unseres Wahlprogramm-Checks zur saarländischen Landtagswahl widmet sich dem Programm der Grünen. Dieses wurde am 26. Februar auf dem Landesparteitag der Grünen in Dillingen verabschiedet.

Betrachtet man die Ergebnisse, so lässt sich zunächst feststellen: In einem Bereich erzielt das Wahlprogramm der Grünen auf jeden Fall Spitzenwerte – bei der Länge. Mit etwa 37.000 Wörtern ist es – wie schon bei früheren Wahlen – das mit Abstand längste Programm von allen untersuchten Parteien. Zum Vergleich: Das Programm der CDU umfasst rund 12.000 Wörter, das Programm der SPD etwa 19.000 Wörter.

Bei der Verständlichkeit erreichen die Grünen hingegen keine vergleichbaren Spitzenwerte: Mit 6,9 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex schneidet das Programm schlechter ab als die Programme von SPD (7,5 Punkte) und Linken (9,3 bzw. 10,6 Punkte). Nur die CDU kommuniziert in ihrem Programm noch unverständlicher (4,6 Punkte).

Auch im parteiinternen Vergleich landen die Saar-Grünen so auf dem letzten Platz, denn die Wahlprogramme zu den letzten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz (7,3 Punkte), Baden-Württemberg (8,0 Punkte) und Nordrhein-Westfalen (9,0 Punkte) schneiden alle besser ab (wenn auch teilweise nur knapp). Auch das Wahlprogramm der Grünen zur letzten Bundestagswahl war verständlicher (8,3 Punkte). Das spricht dafür, dass auch bei den Saar-Grünen die kurze Vorbereitungszeit bis zur Landtagswahl zu einer unterdurchschnittlichen Verständlichkeit des Wahlprogramms geführt hat, ganz ähnlich wie schon bei CDU und SPD.

Die Betrachtung der durchschnittlichen Wort- und Satzlängen zeigt: Gerade die Kombination von relativ komplexen Wörtern und Sätzen macht das Wahlprogrammen der Saar-Grünen so schlecht verständlich. Zwar weist das Programm bei keinem der beiden Parameter im parteiinternen Vergleich Spitzenwerte auf. Aber die anderen Programme konnten Schwächen auf der Wortebene besser durch Stärken auf der Satzebene ausgleichen – oder andersherum: So liegt die mittlere Satzlänge beim Bundestagswahlprogramm beispielsweise bei rekordverdächtigen 16,2 Wörtern pro Satz, die mittlere Wortlänge dafür aber bei lediglich 6,61 Buchstaben pro Wort – und damit niedriger als bei allen anderen untersuchten Programmen.

Auch im grünen Wahlprogramm gibt es eine starke Tendenz zu Passivstil und Fachsprache, wie sich u.a. an folgendem Auszug zeigen lässt: „Der für das Saarland bedeutsamen Fernwärmeschiene wird für eine Übergangsphase weiterhin eine wichtige Rolle bei der Abwärmenutzung von Kraftwerken und vor allem der Industrie zukommen.  […] Dies kann beispielsweise durch Heben der ungenutzten Abwärmepotenziale in der Industrie oder durch emissionsärmere  Erdgas-BHKW gelingen. “

Dabei fällt auf, dass sich die Tendenz zum Fachsprachlichen insbesondere in den Passagen zeigt, in denen die traditionellen Schwerpunkte grüner Politik liegen, also in der Umwelt- und Verkehrspolitik. In diesem Zusammenhang fallen z.B. Begriffe wie „Attraktivierung der Fahrpreise“, „Auskiesungen“, „Agrobiodiversität“, „Durchgrünung“ und „Waldkalkungen“, die in der Regel gar nicht oder nicht verständlich genug erläutert werden. Offensichtlich ist hier bereits der sogenannte „Fluch des Wissens“ („curse of knowledge“, Nickerson 1999: 750) am Werke. Dieser führt dazu, dass sich  Experten in ihrem Wissensgebiet immer weniger in Laien hineinversetzen können, denen das entsprechende Vorwissen fehlt.

Interessant werden deshalb auch die nächsten beiden Teile des Wahlprogramm-Checks sein, die sich mit den Programmen von FDP und Piratenpartei beschäftigen werden. Denn bei beiden dieser Parteien liegt aufgrund ihrer Mitgliederstruktur ebenfalls die Vermutung nahe, dass sich der „Fluch des Wissens“ in ihren Programmen bemerkbar machen könnte.

Zitierte Quellen:

Nickerson, Raymond S. (1999): How We Know – and Sometimes Misjudge – What Others Know: Imputing One’s Own Knowledge to Others. In: Psychological Bulletin, Vol. 125, Nr. 6, S. 737-759.

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