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Meine Meinung: Kony 2012

12. März 2012

Über 70 Millionen haben es allein auf Youtube gesehen, der rasante Anstieg der Likes lässt sich live verfolgen, so schnell ist die Diffusionsgeschwindigkeit des Videos:  Kony 2012 .  Das von der Organisation Invisible Children veröffentlichte Video ist Mittelpunkt einer viralen Kampagne, deren Ziel darin besteht, den brutalen Kriegsverbrecher Joseph Kony vor den Internationalen Strafgerichtshof nach Den Haag zu bringen.  Klingt doch gut -> Like -> Share.  So verhalten sich derzeit Millionen von Menschen auf Youtube, Facebook, Twitter & Co. Bei näherer Betrachtung klingt die Sache nicht mehr ganz so gut.

Der Invisible Children Mitbegründer und Regisseur des Videos Jason Russell hat sich mit der Kampagne Einiges vorgenommen: ‚raise awarenss‘, ‚make a better world, ‚shape human history‘. Aha. Im Video erzählt er in hochemotionalen 30 Minuten von sich, seinem Sohn, Joseph Kony, seinen Gräueltaten, sich, vom Leid in Uganda, sich, Kindersoldaten, sich. Spätestens bei den Worten seines Sohnes ‚I’m gonna be like you Dad‘ ist die Selbstinszenierung kaum mehr auszuhalten.

JA, natürlich ist es unterstützenswert, Aufmerksamkeit zu schaffen für Themen, die von den Medien vergessen oder schlicht ignoriert werden. Und das hat das Video mit Erfolg geschafft: Millionen von Menschen setzen sich zumindest ansatzweise mit einem Konflikt außerhalb ihres Wahrnehmungsraumes auseinander. JA, möglichst viele Menschen sollen wissen, dass Joseph Kony,  Anführer der Lord’s Resistance Army („Widerstandsarmee des Herrn“, LRA), in 12 Punkten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und 21 Punkten wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist. Für die massive Mobilisierung und den Aufmerksamkeitsschub erhält die Organisation auch von Meinungsführern in Uganda Anerkennung und Lob.

Sollte man deswegen reflexartiger und unreflektierter Unterstützer dieser Kampagne werden? NEIN. Ein wichtiger Grund, der aus meiner Sicht dagegen spricht: Wer Kony 2012 aktiv unterstützt, unterzeichnet eine „Verpflichtung“ zur Unterstützung eines Militäreinsatzes in Uganda, der zur Festnahme Konys und der Entwaffnung der Lord’s Resistance Army (LRA) führen soll. Einen Militäreinsatz.

Trotzdem hat die Kampagne Millionen Fans. Anscheinend wollen alle aktiv werden: Das 30 Dollar Action Kit, welches Aufkleber, Buttons, Poster und andere nützliche Dinge im Kampf gegen Kony enthält, ist bereits ausverkauft. Zahlreiche Promis wie Rihanna, George Clooney, Oprah Winfrey, Mark Zuckerberg und sogar Barack Obama zählen zu den Unterstützern. Jedoch werden die kritischen Stimmen immer lauter: Blogger aus Uganda und kritische Journalisten in aller Welt registrieren ebenfalls immer mehr Klicks:

Musa Okwonga: Stop Kony, yes. But don’t stop asking questions [!]

Angelo Izama Acholi Street. Stopy #Kony2012

Grant Oyston: Visible Children

Michael Wilkerson: Joseph Kony is not in Uganda and other complicated things

Die Zeit , die Süddeutsche Zeitung

Hier eine kleine, sicherlich nicht vollständige, Zusammenfassung der Kritikpunkte, zu denen Invisible Children hier Stellung bezogen haben:

Für mich bleibt einer der wichtigsten Kritikpunkte: Warum spricht fast ausschließlich Jason Russell (und VERSPRICHT einem ugandischen Jungen, er würde die Rebellen stoppen?!)? Warum erhalten nicht die Betroffenen eine lautere Stimme? [Duckrabbits, eine auf Storytelling spezialisierte Agentur in England, die unter anderem für Médecins SansFronitères, Fotofilme für Kampagnen produziert, berücksichtigt genau das: Hier sprechen die Protagonisten. Sie selbst entscheiden, welche Bilder an die Öffentlichkeit kommen, was und wie darüber gesprochen wird. Link lohnt.]

Fazit:  Starke Bilder, Emotionen, direkte Ansprache – das Video wird allen Dramatisierungsregeln der Social Media Welt gerecht. Aber gerade hier können User nun zeigen,  dass sie Inhalte nicht nur konsumieren und unreflektiert weiter verbreiten, sondern auch kritisch hinterfragen und konstruktiv diskutieren können. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass Invisible Children die immense Aufmerksamkeit nutzt, um eine nachhaltige Arbeit zu gewährleisten – abseits von kurzlebigen Action-Kit-Aktionen.

Nachtrag (17.03.2012): Hier ein interessanter Artikel aus dem „Atlantic“ mit empirischen Belegen zur tatsächlichen Kurzlebigkeit des Kony-Hypes.

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