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Neues aus der Forschung: Die Verständlichkeit der Wahlprogramme im Saarland, Teil 1: CDU

9. März 2012
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Heute will die SPD als vorletzte saarländische Partei, die sich begründete Hoffnungen auf einen Einzug in den Landtag machen kann, ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl am 25. März verabschieden. In zwei Tagen folgt dann voraussichtlich auch die Piratenpartei, die sich nach eigener Aussage allerdings noch nicht ganz sicher ist, ob sie sich direkt am Sonntag auf ein Wahlprogramm einigen können wird.

Bereits veröffentlicht sind die Wahlprogramme von CDU, FDP, Grünen und Linkspartei. Letztere beschränkt sich dabei auf ein Kurzprogramm, das lediglich eine Art Aktualisierung des Wahlprogramms von 2009 darstellt. In den nächsten Tagen werden wir in einer siebenteiligen Artikel-Serie die Verständlichkeit der einzelnen Wahlprogramme unter die Lupe nehmen und sie abschließend miteinander vergleichen. Den Anfang macht dabei die CDU, die ihr „Regierungsprogramm 2012-2017“ bereits am 24. Februar veröffentlicht hat.

Bei dem Programm der CDU handelt es sich allerdings nicht um ein Wahlprogramm im klassischen Sinne. Denn aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit vor der Landtagswahl hat man sich bei der CDU dazu entschlossen, kein Parteiprogramm, sondern eine Art „Kandidatinnen-Programm“ zur Landtagswahl zu veröffentlichen.

So schreibt die Saar-CDU auf Ihrer Homepage: „Das vorliegende Konzept stellt das persönliche Regierungsprogramm der Spitzenkandidatin der CDU Saar, Frau Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, für die neue Legislaturperiode des Landtages dar. Im Hinblick auf das gesamte Spektrum der inhaltlichen Positionen der CDU Saar gelten darüber hinaus die Beschlüsse der zurückliegenden Parteitage sowie die Beschlussvorlagen der CDU-Fraktion im saarländischen Landtag.“

Auf diese Weise entfiel ein Großteil der langwierigen und komplexen parteiinternen Abstimmungsprozesse, die für ein Wahlprogramm normalerweise erforderlich sind. Die Frage ist nun, ob sich dieser Ansatz positiv oder negativ auf die Verständlichkeit des Programms auswirkt. Denn einerseits könnte vermutet werden, dass eine basisdemokratische Entwicklung eines Wahlprogramms dessen Verständlichkeit eher negativ beeinträchtigt, da häufig Formelkompromisse gefunden werden müssen, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind. Gemäß dem Sprichtwort: „Zu viele Köche verderben den Brei.“

Andererseits wäre es auch möglich, dass die Mitarbeit der Parteibasis an einem Wahlprogramm zu einer höheren Verständlichkeit des Wahlprogramms führt, da die Parteibasis möglicherweise noch eher als die Partei-Elite die „Sprache des Volkes“ spricht. Betrachtet man die Ergebnisse unserer Analyse, so sprechen diese eindeutig für die letzte dieser beiden Annahmen: Denn die Gesamtverständlichkeit des Kandidatinnen-Programms der CDU fällt sehr niedrig und v.a. deutlich niedriger aus als frühere Wahlprogramme der CDU:

So erreicht das saarländische CDU-Programm nur 4,6 Punkte auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex, dessen Wertebereich von 0 (sehr unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) reicht. Damit liegt die formale Verständlichkeit des Programm sogar noch unterhalb des Wahlprogramms von CDU/CSU zur letzten Bundestagswahl (8,6 Punkte) und sehr nahe an der durchschnittlichen Verständlichkeit von politikwissenschaftlichen Doktorarbeiten (4,3 Punkte).

Grund für diese mangelhafte Verständlichkeit sind insbesondere lange bzw. schwierige Sätze und Wörter. So liegt die durchschnittliche Wortlänge im 11.843 Wörter umfassenden CDU-Programm bei 7,11 Buchstaben und damit sogar über der mittleren Wortlänge in politikwissenschaftlichen Doktorarbeiten. Da es einen engen Zusammenhang zwischen Wortlänge und Wortschwierigkeit gibt (vgl.  Zipf 1935), lässt dieser Wert also auf ein sehr komplexes Vokabular im CDU-Programm schließen. Eindrückliche Beispiele für diese Problematik sind Wörter wie „Gemeinschaftsunterkunftspflichtigkeit“ (37 Buchstaben) oder „Landeshochschulentwicklungsplan“ (31 Buchstaben).

Auch die durchschnittliche Satzlänge im CDU-Programm fällt mit 17,1 Wörtern pro Satz deutlich höher aus als bei den letzten CDU-Landtagswahlprogrammen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Nur im Bundestagswahlprogramm 2009 von CDU/CSU und in politikwissenschaftlichen Doktorarbeiten findet sich eine noch höhere Satzlänge. Der längste Satz im saarländischen CDU-Programm umfasst 47 Wörter.

Fazit: Die kurze Vorbereitungszeit und die Vermeidung einer Einbindung der Parteibasis in die Entwicklung des Wahlprogramms haben der Verständlichkeit des CDU-Programms zur Landtagswahl offensichtlich eher geschadet als genützt. Andere Parteien wie SPD und Piratenpartei ließen sich teilweise deutlich mehr Zeit für die Entwicklung und Diskussion ihrer Wahlprogramme und leg(t)en diese auch der Parteibasis zur Abstimmung vor. Man darf also gespannt sein, ob diese Programme verständlicher ausfallen werden als das CDU- bzw. Kramp-Karrenbauer-Programm.

Weiterführende Links:

Weiterführende Literatur:

  • Kercher, Jan (2010): Zur Messung der Verständlichkeit deutscher Spitzenpolitiker anhand quantitativer Textmerkmale. In: Faas, Thorsten / Arzheimer, Kai / Roßteutscher, Sigrid (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion: Politische Psychologie in der Wahrnehmungs- und Einstellungsforschung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 97-121.
  • Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (2011): Nach der Wahl ist vor der Wahl? Themenschwerpunkte und Verständlichkeit der Parteien vor und nach der Bun-destagswahl 2009. In: Niedermayer, Oskar (Hrsg.): Die Parteien nach der Bun-destagswahl 2009. Wiesbaden: VS Verlag, S. 325-353.
  • Kercher, Jan / Brettschneider, Frank (2012): Wahlprogramme als Pflichtübung? Typen, Funktionen und Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme 1994-2009. In: Falter, Jürgen W. / Gabriel, Oscar W. / Weßels, Bernhard (Hrsg.): Wahlen und Wähler: Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2009. Wiesbaden: VS Verlag (i.E.).
  • Zipf, George K. (1935): The Psycho-Biology of Language: An Introduction to Dynamic Philology. Boston: Houghton Mifflin.
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