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Lese-Tipps: Netz-Kampagne gegen Joachim Gauck?

23. Februar 2012

Gerade wurde noch über eine Medien-Kampagne gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff diskutiert, nun geht es bereits um eine Netz-Kampagne gegen seinen – noch nicht einmal im Amt befindlichen – Nachfolger Joachim Gauck. Ob gestern Abend bei Anne Will („Gauck, der Unbequeme – wie lange wird das Volk ihn dafür lieben?“) oder in den Tagen zuvor bei Spiegel Online („Verzerrte Zitate: Gauck und die Stille Post im Netz„) und Cicero Online („Wie das Netz den bösen Gauck erfand„): Deutschland diskutiert darüber, ob dem designierten Bundespräsidenten von der Netz-Gemeinde unrecht getan wird, bevor er überhaupt in sein Amt gewählt wurde.

Worum geht es dabei? Im Mittelpunkt der Debatte steht die Gauck-Kommentierung auf Twitter. Hier waren unter anderen folgende Tweets zu lesen:

#Gauck ist für #VDS, findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über #Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!

#Gauck ist pro Überwachung im Internet, pro Sarrazin, pro G.W.Bush, pro Irakkrieg. Ausgerechnet den wollen SPD, Grüne und FDP wählen? *ROFL*

Wenn Joachim Gauck doch so für die Freiheit ist, was hat er dann gegen Demonstranten? #Occupy #Hartz4-Proteste #Gauck

Anlass für diese Vorwürfe sind insbesondere Gaucks Äußerungen zu Thilo Sarrazins umstrittenen Ausländer-Thesen, zur Occupy-Bewegung sowie zur Vorratsdatenspeicherung. So attestierte Gauck Sarrazin in einem Tagesspiegel-Interview im Jahr 2010, „Mut bewiesen“ zu haben. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete zudem im Oktober letzten Jahres über eine Äußerung Gaucks im Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung, er halte die Antikapitalismusdebatte für „unsäglich albern“. Bei einer Diskussionsrunde im Wiener Burgtheater im Jahr 2010 schließlich äußerte Gauck die Meinung, er halte das Speichern von Telekommunikationsdaten nicht generell für den Anfang eines Spitzelstaates.

Ist die Aufregung der Netz-Gemeinde also berechtigt? Glaubt man der Einschätzung von Sascha Lobo, Deutschlands bekanntestem Blogger, dann ist das nicht der Fall. Dieser stellt in seinem Beitrag für Spiegel Online fest: „Es fühlt sich an wie eine unheilige Allianz, wenn sich soziale Medien in ihrem Wunsch nach Verkürzung und Anspitzung und professionelle Medien in ihrem Wunsch nach vermarktbarer Aufmerksamkeit so ergänzen, dass Zitate in den maximalen Wirkungskontext zusammengestaucht und zurechtgebogen werden.“

Diese Einschätzung teilt auch Christian Jakubetz und weist in seinem Beitrag für Cicero Online für alle drei oben erwähnten Zitate nach, dass sie mehr oder weniger grob aus dem Kontext gerissen wurden: „Die Mär vom bösen Gauck ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus journalistischer Verkürzung und der rasenden Schnelligkeit des Netzes eine Welle wird. Auf Faktentreue kommt es dabei längst nicht mehr an.“ So ergänzte Gauck seine Einschätzung zur Vorratsdatenspeicherung beispielsweise um folgende Feststellung: „Wenn der Staat Rechte beschneidet, dann muss es verhältnismäßig sein. Ich will tragfähige Belege, was das Ganze bringt.“

Dass wir es hier möglicherweise nicht nur mit einem problematischen Einzelfall, sondern eher mit dem Ausdruck eines generellen Phänomens zu tun haben, darauf weist wiederum Sascha Lobo hin: „Die Zitatfixierung in den sozialen Medien nimmt mit der Beschleunigung zu. Und das ist ein Problem, genauer gesagt: ein Problem bei unsachgemäßem Gebrauch des Internets. Denn die vorderste Eigenschaft des Zitats ist die Herauslösung aus einem Kontext – und wenn man diese Verkürzung nicht ständig mitdenkt, gelangt man schnell zu falschen Schlüssen, absichtlich oder unabsichtlich. Das verkürzte Zitat wird in einen anreichernden Satz eingebaut, um ein paar Deutungen ergänzt und steht wenig später frisch angespitzt zur Wiederzitation bereit.“

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