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US-Wahlkampf, Lektion 2: Leiste dir vor laufender Kamera keine groben Aussetzer

15. November 2011

Man kann dem US-Präsidentschaftswahlkampf ja viel vorwerfen: Dass er oberflächlich ist, dass er übermäßig personalisiert ist, dass es mehr um Inszenierung als um Themen geht, dass zu viel Geld damit verbrannt wird, dass er die perfekte Vorlage für inhaltsleeren „Horse Race“-Journalismus ist oder dass das massiv eingesetzte Negative Campaigning zu mehr Politikverdrossenheit führt.

Aber eines kann man ihm nicht oder nur schwer vorwerfen: Dass die antretenden Kandidaten es leicht hätten, über mögliche Wissenslücken hinweg zu täuschen. Ein aktueller Beleg hierfür findet sich in den aufsehenerregenden Patzern von Rick Perry und Herman Cain, die sich in den letzten Tagen vor laufender Kamera ereigneten.

Da fiel Rick Perry während einer TV-Debatte mit den übrigen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner plötzlich nicht mehr das dritte Ministerium ein, das er als Präsident abschaffen würde. Nach einem (aufgrund der kritischen Nachfragen der Moderatoren) erfolglosen Versuch, sich aus der peinlichen Situation  heraus zu winden, musste er schließlich zugeben, dass ihm das dritte Ministerium tatsächlich entfallen war und sich auch nirgends auf seinen Spickzetteln wiederfand. Diesen Aussetzer kommentierte er selbst dann passend mit der Bemerkung: „Ooops.“

Ähnlich erging es vier Tage später Herman Cain: Auch bei ihm wurde in einem Interview eine eklatante Wissenslücke aufgedeckt. Hierbei ging es um die Frage der richtigen Strategie im Lybien-Konflikt und die Bewertung der Vorgehensweise der Obama-Regierung. Auch Cain gelang es aufgrund der Reporter-(Nach)fragen nicht, über sein offenkundiges Nichtwissen durch Ausflüchte und Ablenkungsmanöver hinwegzutäuschen.

Aller Voraussicht nach dürften sich die bislang keineswegs schlechten Aussichten von Perry und Cain, als Sieger aus den Vorwahlen hervor zu gehen, aufgrund dieser beiden Aussetzer erledigt haben. Zwar haben beide Kandidaten vorab bereits andere Schwächen offenbart, die ihre Chancen schon deutlich geschmälert hatten. Dennoch werden die beiden massenmedial übertragenen Schnitzer mit großer Wahrscheinlichkeit die entscheidenden „Sargnägel“ für die beiden anfangs so euphorisch gestarteten Kampagnen sein.

Fazit: Der amerikanische Wahlkampf hat bestimmt auch viele schlechte Seiten. Aber in keinem anderen Land der Welt werden Kandidaten für das höchste zu vergebende Staatsamt wohl auf eine ähnlich gnadenlose Weise vor den Augen der Wahlbevölkerung auf ihre Eignung durchleuchtet wie in den USA: Denn ein einziger Patzer kann genügen, um jede noch so erfolgreich gestartete Kampagne zu beenden.

Nachtrag (11.12.11): Wie ich gerade zufällig entdecke, hat Perry am 1. Dezember einen Wahlspot veröffentlicht, der seinen Debatten-Aussetzer thematisiert: ein eher verzweifelt anmutender Versuch der Entschuldigung, nicht nur wegen der missglückten Schluss-Pointe.

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